Sexuelle Gewalt: Warum Harvey Weinstein uns alle betrifft

Jahrelang soll Harvey Weinstein Frauen missbraucht haben. (Bild: AP)

Eine Kolumne von Carlos Corbelle

Die Zeit des Schweigens ist vorbei. Jahrelang soll Filmproduzent Harvey Weinstein Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen seiner Produktionsfirma belästigt, bedroht und vergewaltigt haben. Seit den erschütternden Enthüllungen der New York Times und des New Yorker werden die Anschuldigungen gegen das Hollywood-Schwergewicht immer erdrückender, die Zahl der Frauen, die sich an die Öffentlichkeit trauen, von Tag zu Tag größer. Auch jenseits von Hollywood schlagen die Schilderungen der Opfer, die von Weinstein missbraucht worden sein sollen, enorm hohe Wellen. Über sexuelle Gewalt gegen Frauen wird in der Öffentlichkeit so lautstark diskutiert wie schon lange nicht mehr.

Was passiert aber, wenn das Medienecho und damit – so wie das immer der Fall ist – auch das öffentliche Interesse verebbt? Wird dann alles wieder seinen gewohnten Gang gehen, bis uns der nächste schlagzeilenträchtige Skandal daran erinnert, dass Weinstein kein Einzelfall ist, sondern Ausdruck eines systemimmanenten Problems?

Systemimmanent deshalb, weil sich im Zuge der Enthüllungen die Frage der Machtverhältnisse zwingend stellt. Dass die vielen Frauen erst jetzt, nach so vielen Jahren, ihr Schweigen brechen, hat natürlich auch mit Weinsteins Position zu tun. Wer so viel Einfluss in der Branche besitzt, wie es beim Erfolgsproduzenten der Fall war, kann Karrieren zerstören, bevor sie überhaupt begonnen haben.

Systemimmanent auch deshalb, weil die Chefetagen in Hollywood nach wie vor von Männern dominiert werden. Es ist kein Zufall, dass in der Traumfabrik Schauspielerinnen in der Regel weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen und die ganz großen Budgets in den allerseltensten Fällen weiblichen Filmemachern anvertraut werden. Das äußert sich auch in den Geschichten, in denen weibliche Charaktere immer noch viel zu oft als Beiwerk männlicher Protagonisten herhalten müssen und in den schlimmsten Fällen auf ihr Äußeres reduziert werden.

Offenes Geheimnis

Das alles bedeutet natürlich nicht, dass in Hollywood ausschließlich vergewaltigende Chauvinisten das Sagen haben. Die offensichtlich patriarchalischen Strukturen begünstigen aber ein Klima der Unterdrückung, dass es missbrauchten Frauen umso schwerer macht, die Machenschaften an den Schaltstellen der Macht, an denen auch Weinstein jahrzehntelang saß, publik zu machen. Und Mitwissern umso leichter, die sexuellen Delikte zu dulden, zu verdrängen, zu verschweigen.

Wie viel das Umfeld Weinsteins, dessen Wegbegleiter und Kollegen im Einzelnen tatsächlich wussten, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Dass sich Frauen vor ihm in Acht nehmen mussten, war aber schon seit geraumer Zeit ein offenes Geheimnis in Hollywood. Umso grausamer klingen nun, im Zuge der Enthüllungen, die Anspielungen, die beispielsweise Autor und Regisseur Seth MacFarlane 2013 bei der Ankündigung der weiblichen Oscar-Nominierten von sich gab (“Glückwunsch an die fünf nominierten Frauen, die nicht länger vorgeben müssen, auf Harvey Weinstein zu stehen”) oder auch ein Jahr zuvor in der Comedy-Serie “30 Rock” zu hören waren (“Ich habe Geschlechtsverkehr mit Harvey Weinstein abgelehnt und zwar bei drei Gelegenheiten… von insgesamt fünf”).

Inzwischen hat sich auch Quentin Tarantino zum Weinstein-Skandal geäußert. (Bild: AP)

Erst kürzlich gestand “Pulp Fiction”-Regisseur Quentin Tarantino, der bei seinen Filmen stets eng mit Weinstein zusammengearbeitet hatte, in der New York Times: “Ich wusste genug, um mehr dagegen tun zu müssen, als ich getan habe.” Tarantino sei zwar vom Ausmaß, insbesondere den Vergewaltigungsvorwürfen schockiert, allerdings seien ihm einige Schilderungen der betroffenen Frauen bereits vertraut gewesen. “Jeder, der Harvey nahe stand, hatte von mindestens einem dieser Vorfälle gehört”, sagt der Filmemacher.

Jeder wusste etwas – und doch haben alle geschwiegen.

Genau darin liegt eine weitere Dimension des Weinstein-Skandals, die weit über Hollywood hinausreicht. Die stillschweigende Akzeptanz des überall vorzufindenden Alltagssexismus bereitet den Nährboden für ein kollektives Schweigen, das im schlimmsten Fall selbst einen Mann wie Weinstein zu decken vermag. Dass so ein Nährboden auch in der deutschen Schauspielbranche existiert, zeigen die Aussagen von Nina Brandhoff und zahlreichen weiteren Schauspielerinnen, die gegenüber Spiegel Online von eigenen Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen berichten: “Das Traurige ist, dass die meisten Beteiligten nicht einschreiten – aus irgendwelchen beruflichen Gründen und Ängsten. Aber zusehen und schweigen können viele sehr gut”, betont eine Schauspielerin, die wie viele ihrer Kolleginnen anonym bleiben will.

Und dass besagter Nährboden leider weltweit, quer durch alle Branchen vorzufinden ist, zeigt schließlich ein Social-Media-Aufruf der Schauspielerin Alyssa Milano, die im Zuge der Weinstein-Enthüllungen die Aktion #MeToo ins Leben rief. Innerhalb weniger Tage berichteten unter dem Hashtag Millionen unterschiedlichster User – vor allem Frauen, aber auch Männer – wie sie in ihrem Leben bereits selbst von sexueller Gewalt betroffen waren.


Die vielen Schilderungen zeichnen ein finsteres Bild, das zeigt, wie allgegenwärtig sexuelle Gewalt ist. Und wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, es als selbstverständliches Übel zu betrachten. Beispiel Oktoberfest: Die jährlichen Polizeiberichte geben eine Ahnung davon, was es für eine Frau bedeutet, das “größte Volksfest der Welt” zu besuchen. Selbst eine Polizistin wurde dieses Jahr begrapscht. Von den vielen Übergriffen, die vermutlich gar nicht erst angezeigt wurden, ganz zu schweigen. Erst kürzlich erzählte mir eine junge Frau, wie sie auf dem Oktoberfest stets darauf bedacht ist, Blickkontakt zu meiden, wenn sie alleine an einer Gruppe von Männern vorbeigeht. Meine erste Reaktion: “Das kann’s doch nicht sein.” Meine zweite, weniger naive: “Wieso überrascht mich das nicht?”

Kein punktuelles Problem

Wir haben uns als Gesellschaft an ein gewisses Maß an Sexismus im Alltag gewöhnt, nehmen den faulen Gestank unter der Oberfläche einer vermeintlichen Gleichberechtigung gar nicht mehr wahr – oder ignorieren ihn solange, bis jemand von der Prominenz eines Harvey Weinstein involviert ist. Seit den Übergriffen in der Silvesternacht 2015, die damals traurigerweise von Rechtspopulisten instrumentalisiert wurden, um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen, wurde in unserer Öffentlichkeit nicht mehr so lautstark über das Problem sexueller Gewalt debattiert wie im Augenblick. Seit besagter Silvesternacht wurde immerhin das Sexualstrafrecht dahingehend verschärft, dass es nun auch strafbar ist, eine andere Person zu begrapschen. Dass die Politik so lange gebraucht hat, um diese Verschärfung durchzusetzen, verdeutlicht jedoch die mangelnde Sensibilisierung für das Thema.

Sexismus ist kein punktuelles, sondern ein strukturelles Problem – und das nicht erst, seit ein Mann zum mächtigsten Politiker der Welt gewählt wurde, der sich mit einer Aussage wie “grab them by the pussy” brüstet. Daher muss noch mehr geschehen, wie angesichts der Weinstein-Debatte jetzt auch Politikerinnen wie SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles und Familienministerin Katarina Barley betonen. So fordert letztere im Interview mit der Funke Mediengruppe, dass sich das “Machtgefälle zwischen den Geschlechtern” ändern müsse, “damit sich die gönnerhafte, anmaßende, abwertende, übergriffige Einstellung vieler Männer ändert.”

Recht hat sie. Die Stimmen der vielen Frauen und Männer, die sich im Zuge von #MeToo Gehör verschaffen, dürfen nicht einfach verstummen, sobald das mediale Interesse schwindet, um sich dem nächsten Skandal zu widmen. Wir können es uns nicht länger leisten, zu schweigen. Weder in Hollywood, noch im Alltag.

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Video zum Weinstein-Skandal – nur die Spitze des Eisbergs: