„Sexuelle Gewalt an Kindern findet jeden Tag unter uns statt“ – Psychologin Julia von Weiler bei Markus Lanz

Zu Gast bei Markus Lanz, v.l.n.r.: Extrembergsteiger Reinhold Messner, Schriftsteller Salman Rushdie, Karpfenanglerin Claudia Darga und Psychologin Julia von Weiler. (Bild: Screenshot / ZDF)

Kindesmissbrauch, Buchneuerscheinungen von Salman Rushdie und Reinhold Messner sowie soziale und politische Brennpunkte: Das waren die Themen bei „Markus Lanz“ am Mittwoch.

Kindesbrauch mitten in Deutschland: Die Psychologin und Geschäftsführerin der Kinderhilfsorganisation „Innocence in Danger e.v.“, Julia von Weiler, erzählte bei „Markus Lanz“ vom schnellen Ermittlungserfolg in jenem schweren Missbrauchsfall, der derzeit durch die Medien geht. Das Bundeskriminalamt wandte sich mit einer Fahndung an die Öffentlichkeit – mit Erfolg: Opfer und Tatverdächtiger konnten identifiziert werden. „Nach sehr mühsamer Ermittlungsarbeit waren sie sich sicher, dass es ein deutsches Kind ist, ein deutscher Täter und ein deutscher Tatort. Das muss man erst einmal rausfinden, dazu müssen die Ermittler sich sehr genau Sequenz für Sequenz für Sequenz von diesen Missbrauchsdarstellungen anschauen. Die Ermittler sprechen von sehr schwerem sexuellem Missbrauch.“

Von Weiler erklärte auch, warum sich die Behörden zu dem eher unüblichen Schritt der öffentlichen Fahndung entschlossen hatten: „Es geht um schwere körperliche Gewalt an einem Mädchen. Normalerweise entscheiden sie sich in einem solchen Fall für die sogenannte Schulfahndung. Das heißt, ein Lehrerkollegium bekommt analoge Fotos geschickt und es wird die Frage gestellt ‚Kennt jemand von Ihnen dieses Kind?’. In aller Regel sind sie sehr erfolgreich, in 80 Prozent aller Fälle gelingt es ihnen darüber, Kinder zu identifizieren. Nun war dies ein sehr kleines Kind […] und in Deutschland herrscht keine Kindergartenpflicht. Insofern haben sich die Ermittler nach sehr langen Abwägungen – und ich weiß, dass sie sich wirklich schwer tun damit – entschieden, diese Öffentlichkeit zu fahren. Sie war glücklicherweise sehr schnell erfolgreich und zeigt einen sehr typischen Fall von sexuellem Missbrauch: Einen, der sich im Nahfeld des Kindes abspielt. 80 bis 90 Prozent aller Fälle finden im sozialen Nahfeld des Kindes statt.“

„Das war ein Hinweis von anderen Ermittlern, einer internationalen Ermittlung im sogenannten Darknet. Um sich das klar zu machen: Das BKA bekommt alleine von den Amerikanern, dem National Center for Missing and Exploited Children, einer Hotline, wo Missbrauchsdarstellungen gemeldet werden, zwischen 200 und 300 Meldungen pro Tag. Wir reden über Datenmengen, die so gigantisch sind, dass wir ganze Bibliotheken damit füllen könnten, mit diesen Missbrauchsdarstellungen. Es ist ein großer Markt.“ Derartige Fälle seien leider heutzutage etwas Alltägliches: „Sexuelle Gewalt, das zeigt dieser Fall besonders, findet jeden Tag mitten unter uns statt. Es gibt keine soziale Schicht, die nicht betroffen wäre.“

Salman Rushdie sprach über sein neues Buch „Golden House“. (Bild: ddp Images / Breuel-Bild)

„Es ist entsetzlich, das zu hören. Das kommt unter der Überschrift: Die Wahrheit kann viel schlimmer sein als die Fiktion“, so Starautor Salman Rushdie („Die Satanischen Verse“), der in der Sendung über sein neues Buch „Golden House“ sprach. „In der Welt leben wir jetzt: In der die Wirklichkeit eigentlich unvorstellbar wird und weit hinausgeht über unsere Vorstellungskraft.“

Lanz sprach den Starautor auf Wahrheitsfindung in Zeiten von Fake News an. „Sie waren doch früher derjenige, der sich tolle Geschichten ausgedacht hat, mittlerweile habe ich das Gefühl, Donald Trump kann das besser.“ Rushdie lachte: „Wissen Sie, schlechte Romanautoren sind beliebter als gute. Trump, ich weiß auch nicht, das ist der Dan Brown der Politik.“

„Das Komische in der USA ist, dass es gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen ist“, erklärte Rushdie und schilderte seine drei Zusammentreffen mit dem heutigen US-Präsidenten, lange bevor er in die Politik ging.

Im Anschluss erzählte Bergsteigerlegende Reinhold Messner von seinem neuen Buch „Wild: oder der letzte Trip auf Erden“. Messner widmet sich darin der Polarexpedition des Abenteurers Frank Wild, der gemeinsam mit Polforscher Ernest Shackleton und 26 weiteren Männern die Antarktis durchqueren wollte. Das Schiff, die Endurance, blieb im arktischen Packeis stecken und wurde zerstört, ein Überlebenskampf begann.

„Die Tatsachen erzählen die besten Geschichten. Ich spreche nicht von Wahrheit – Wahrheit gibt es nur insofern, wenn man über das Menschliche hinausgeht. Das heißt, wenn wir wüssten, was das Leben oder der Kosmos überhaupt soll. Das wissen wir nicht, das werden wir nicht wissen. Deswegen haben wir keinen Zugang zur Wahrheit, sondern nur zu Fakten und Tatsachen“, so Messner. Eine Geschichte wie jene der Endurance, die Messner nacherzählte, könne man nicht erfinden.

Am Ende der Sendung sprach Claudia Darga von dem Dasein als Hobbyanglerin. „Was mich am Angeln interessiert, ist das Gesamtpaket. Es ist nicht nur dieser Vorgang mit dem Fisch, sondern auch die Natur. Ich überlege mir in der Woche vorher schon: Welche Taktik fahre ich, an welches Gewässer, wie ist der Luftdruck, wie sind die Wässer, wie sind die Winde?“