Sexismus-Debatte: Ein Moderator, ein Anwalt und #MeToo

Bei Markus Lanz wurde über die #MeToo-Debatte diskutiert. (Bild: ddp Images)

Eine Kolumne von Carlos Corbelle

Nach den Vorwürfen gegen Filmproduzent Harvey Weinstein begann auch jenseits von Hollywood eine lautstarke Debatte um sexuelle Übergriffe, die nach wie vor anhält. Unter dem Hashtag #MeToo schildern Millionen Menschen, wie sie im Laufe ihres Lebens bereits von sexueller Gewalt betroffen waren. Um dem strukturellen Sexismus etwas entgegen zu setzen, ist solch eine Debatte nicht nur wichtig, sondern dringend notwendig. Das sehen aber natürlich nicht alle so.

Das musste ich erst neulich feststellen, als ich beim Durchstöbern der ZDF-Mediathek auf eine Folge von “Markus Lanz” stieß, in der über besagte #MeToo-Debatte diskutiert wurde. Zu Gast war der auf Sexualstrafrecht spezialisierte Rechtsanwalt Alexander Stevens. Und der gab gleich mal unmissverständlich zu verstehen, wie er die #MeToo-Diskussion findet: “Grauenhaft”.

Die beiden sind sich einig

Der Jurist sagt zwar in der Sendung: “Ich finde es richtig, dass man eine Sexismus-Debatte führt und dass sich Opfer auch an entsprechende Stellen wenden können, dürfen und auch müssen. Keiner soll das ein Leben lang mit sich rumtragen.” Gleichzeitig vergleicht er die #MeToo-Debatte mit einer “Hexenjagd längst vergangener Zeiten” und erklärt: “Ich halte es für sehr bedenklich, dass nur durch die Nennung einer Phrase, nämlich #MeToo, ganze Existenzen vernichtet werden können.” Moderator Markus Lanz stimmt Stevens zu: “Die Unschuldsvermutung ist bei der ganzen Debatte – das ist zumindest mein Gefühl – komplett auf der Strecke geblieben.”

Die beiden Herren waren sich also einig. Und natürlich gilt: Über Schuld und Unschuld hat kein Hashtag, sondern ein Gericht zu urteilen. Wer würde das schon ernsthaft bestreiten? Die Glaubwürdigkeit der Stimmen, die sich mittels #MeToo Gehör verschaffen, pauschal in Zweifel zu ziehen, indem man die Debatte als “grauenhaft” abtut, zeugt aber ebenso wenig von Unvoreingenommenheit. Mehr noch: Es erweckt den Eindruck, als müsste man die Glaubwürdigkeit dieser mutmaßlichen Opfer sexueller Übergriffe grundsätzlich in Frage stellen.

Anwalt Alexander Stevens zu Gast bei Markus Lanz. (Bild: ZDF)

Auch das juristische Beispiel, das Stevens anführt, führt am Kern der #MeToo-Debatte vorbei: “Der Gesetzgeber gibt das Beispiel: Sie sind an der Bar und küssen eine Frau, die Sie toll finden auf die Wange. Das ist schon sexuelle Belästigung”. Stevens selbst mache in solch einer Situation jedenfalls nicht mehr den ersten Schritt, fügt er hinzu.

Als ob das ernsthaft das Problem wäre. Wir sollten nicht vergessen: #MeToo wurde im Zuge der Weinstein-Vorwürfe ins Leben gerufen. Bei den Anschuldigungen gegen Weinstein ging es um sexuelle Belästigung, Vergewaltigung und Machtmissbrauch. Die von #MeToo angestoßene Debatte wird dementsprechend vor dem Hintergrund eines strukturell bedingten Sexismus geführt, im Bewusstsein eines Machtgefälles, das sich in sexueller Gewalt äußert. Es geht dabei doch nicht um misslungene Flirtversuche, die mit einem Kuss auf die Wange enden!

Erschreckende Zahlen

Ich weiß nicht, ob Lanz #MeToo den Todesstoß zu versetzen versucht, als er schließlich sagt: “Das ist etwas, was in der Debatte auch auffällt: Diese katastrophale Verallgemeinerung. Plötzlich sind Männer einfach tendenziell immer böse und Frauen einfach tendenziell immer Opfer.” Jedenfalls verkennt er mit dieser Aussage die ungeheure Zahl der Frauen, die nicht “tendenziell”, sondern tatsächlich Opfer sexueller Übergriffe wurden. 2014 zeigte beispielsweise eine EU-weite Studie der European Union Agency for Fundamental Rights, dass in Europa jeder dritten Frau Gewalt widerfahren ist. Jeder dritten Frau. Und das allein in Europa. Weltweit betrachtet deckt sich das mit der Zahl, die etwa die UN Women angibt: Der Frauenrechts-Organisation zufolge haben schätzungsweise 35 Prozent der Frauen weltweit physische und/oder sexuelle Gewalt erlitten. Niemand behauptet ernsthaft, dass JEDE Frau Opfer und JEDER Mann Täter sei – so zu tun, als ob das der Konsens der derzeitigen Debatte wäre, marginalisiert im Grunde die tatsächlichen Opferzahlen, die belegen, dass die öffentlich geführte Diskussion über sexuelle Gewalt nicht “hysterisiert” ist, wie Lanz im Laufe der Show sagt, sondern längst überfällig.

Natürlich stimmt Stevens dem Moderator dennoch zu. Die beiden verstehen sich prächtig, was für ein Duo. Und so erklärt Lanz seinem Gast am Ende der Sendung: “Ich könnte Ihnen stundenlang zuhören.” Geht mir nicht so. Hab genug gehört.

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