Serie zum Tod von Joachim Meisner: Der Kardinal war Lieblingsfeind der „Stunker“

Kardinal Meisner hatte mit der kölschen Spielart des Katholizismus nichts am Hut.

Ein humorloser Kirchenfürst sei von der Bühne abgetreten, konnte man dieser Tage im „Nachruf“ eines Senders hören. Beides trifft auf den Kölner Kardinal mit schlesischen Wurzeln nicht zu. Natürlich, Joachim Meisner war ein kämpferischer Streiter gegen das, was er unter Zeitgeist verstand und oft auch strenger Sachwalter des Vatikan. Nicht erst seit er 1988 gegen seine persönliche Lebensplanung an die Spitze des Erzbistums Köln, „Roms treuester Tochter“ berufen worden war.

Es mag Kollegen in Violett und Rot geben, die sich einen bescheideneren Lebensstil verordnet haben. Doch kirchenfürstliches Auftreten oder eine Vorliebe für Gepränge war Meisner schon aufgrund seiner Herkunft fremd. Auch liturgischer Pomp war seine Sache nicht. Aber es ist kein Geheimnis, dass er es gern sah, wenn Kapläne und Pfarrer auch auf der Straße durch ihr Outfit für jeden als solche zu erkennen waren.

Joachim Meisner besaß durchaus Humor

Joachim Meisner war gewiss keiner, der in die Bütt hätte steigen und einen Saal durch eine Pointe zum Kochen hätte bringen können. Aber der theologisch und kirchenpolitisch so unbewegliche Kirchenführer besaß durchaus Humor und gab auch immer wieder Kostproben davon. Relativ bald, nachdem er den Kölner Bischofsstuhl bestiegen hatte, bewies er in der damaligen WDR-TV-Reihe „Ich stelle mich“ seine Schlagfertigkeit. Es ging (die DDR existierte noch) um den Vater von Gregor Gysi, der es als SED-Kirchenstaatssekretär Meisner nicht immer leicht gemacht hatte.

„Er soll mich gut behandeln, denn ich kann vielleicht noch was für ihn tun am Jüngsten Tag.“ Angriffslustig, wie der Kardinal auch sein konnte, fielen seine Spötteleien und Sottisen meistens so aus, dass er die Lacher auf seiner Seite hatte. Doch nicht bei allen, auf die die Witzchen gemünzt waren, kamen sie gut an.

Wenn es um ihn selbst ging, zeigte Meisner häufig kein dickes Fell. Für die Satirebranche war er ein absoluter Glücksfall. Für Comedians stellte er die Personifizierung des „Oberkatholen“ dar, der innerkirchliche Reformbestrebungen blockierte, Frauen nicht in geistlichen Ämtern duldete und ein „erzreaktionärer Schwulenhasser“ war. Praktisch während des ganzen Vierteljahrhunderts, in dem Meisner die Geschicke der katholischen Kirche im Rheinland und weit darüber hinaus wesentlich bestimmte, war er der Lieblingsfeind der Kölner „Stunker“. Immer wieder lieferte er der Truppe unfreiwillig Vorlagen für Hohn und Spott. Immer wieder versuchte Meisner gegen diese Art von Späßen, die er verachtete, auch juristisch vorzugehen.

Mehrfach wurde geklagt

Vor allem, wenn nicht nur er oder sein Amt durch den Kakao gezogen wurden, sondern wenn Nummern die katholische Glaubenslehre lächerlich machten. Mehrfach klagte das Erzbistum in seinem Namen erfolgreich gegen bestimmte Sketche, die dann in der WDR-Aufzeichnung der Stunksitzung herausgeschnitten werden mussten. Zum Beispiel fehlte auf Betreiben des Kardinals ein frecher Betrag mit dem Titel „Ratze und Meise“.

In ihrer wechselseitigen Abneigung schenkte man sich nichts; die Alternativ-Karnevalisten versuchten mit dem sperrigen Kirchenmann auf ihre Weise umzugehen. Am Veilchendienstag 2014, noch vor Meisners offiziellem Abschied, reimten die Stunker im letzten Ständchen nicht sehr freundlich; „Wenn man die Zeit zusammenfasst, hat Köln ihn größtenteils gehasst,/Jetzt is er fott,/es ist soweit,/es siegt noch die Gerechtigkeit.“

Zum offiziellen Karneval hatte der „waschechte Imi“, als den ihn Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn treffend bezeichnet hat, ein durchaus entspanntes Verhältnis. Der jährliche Empfang des amtierenden Dreigestirns hatte in seinem Terminkalender seit Jahren einen festen Platz. Und er schien den Small Talk mit den Granden des vaterstädtischen Festes und deren Aufwartung zu genießen. Von ihnen brauchte er auch keine lästigen Fragen zu befürchten, was er von der Kirche von unten halte oder ob das Frauendiakonat noch zu ihren Lebzeiten zu erwarten sei.

Überhaupt fand der sonst oft eher steif wirkende Kirchenmann, der wahrlich nicht mit Kölnisch Wasser getauft war, wie er manchmal ungewohnt selbstironisch anmerkte, in entsprechender Umgebung durchaus Gefallen an allerlei Albernheiten und Späßen. Und entwickelte eine Lockerheit, die ihm nicht nur seine zahlreichen Gegner kaum zugetraut hätten. Ein Kardinal mit vielen Facetten.

Spätestens an Aschermittwoch allerdings war es dann wieder vorbei mit Meisners mildem und verständnisvollem Umgang mit rheinischem Frohsinn. Und mit seiner Toleranz für die angeblich so typische kölsche Spielart von Katholizismus. Laisser-faire oder fünf auch mal gerade sein lassen – das vertrug sich überhaupt nicht mit Meisners Verständnis seiner Hirten-Rolle. Gern berief er sich auf die biblische Anweisung „Rede und ermahne, sei es gelegen oder ungelegen“, wenn er wieder einmal Stellung bezog zu kirchlichen oder gesellschaftlichen Entwicklungen.

Meisner prangerte Missstände an

Er hielt es für seine Pflicht, kein Wohlfühl-Christentum zu verkünden, sondern Missstände, vermeintliche oder tatsächliche, anzuprangern. Am liebsten und nachdrücklichsten, wenn seine Mahnung für die Adressaten ungelegen erschien. Legendär und gefürchtet waren des Erzbischofs Predigten am 6. Januar, dem Dreikönigstag. Immer wieder schlug Meisner an diesem hohen Kölner Feiertag einen gewagten Bogen von der Krippen-Idylle und den drei Weisen aus dem Morgenland zur rauen Wirklichkeit unserer Zeit mit „sexueller Verwilderung“ und „moralischer Beliebigkeit“.

Ein trauriger Höhepunkt waren seine Worte von der Domkanzel am Dreikönigstag 2005: „Wo der Mensch sich nicht relativieren und eingrenzen lässt, dort verfehlt er sich immer am Leben. Zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen lässt, dann unter anderen Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht.“

Einen Aufschrei der Empörung löste seine Gleichsetzung des Schwangerschaftsabbruchs mit den Gräueltaten der Massenmörder Hitler und Stalin aus. Nicht nur progressive katholische Kreise wie die Bewegung „Wir sind Kirche“ zeigten sich erschüttert von Meisners Diktion und rügten seine Maßlosigkeit. Der Kardinal aber zeigte sich von der Wucht der Kritik weitgehend unbeeindruckt, wie fast jedes Mal, wenn er aus seiner Sicht mit einer Philippika ins Schwarze getroffen hat.

Zu keinem anderen gesellschaftlichen Thema hat Meisner sich so häufig und so kompromisslos zu Wort gemeldet wie zur Abtreibungsfrage. Als er gegen die Pille RU 486 wetterte, verstieg er sich zu einer Gleichsetzung mit dem zum millionenfachen Judenmord verwendeten Gas Zyklon B. Meisner sprach von einer „unerträglichen Tragödie, wenn sich die chemische Industrie ein zweites Mal anschicken würde, ein chemisches Tötungsmittel für eine bestimmte gesetzlich abgegrenzte Menschengruppe zur Verfügung“ zu stellen. Die Reaktion war eine Unzahl entrüsteter Stellungnahmen. Am deutlichsten äußerte sich der Zentralrat der Juden in Deutschland, der die unsägliche Äußerung eines führenden Repräsentanten der katholischen Kirche scharf missbilligte. Meisner sei ein „notorischer geistiger Brandstifter“.

Es kam nicht häufig vor, dass der Kardinal öffentlich bekannte, dass ihm eine Bemerkung leid tue. In diesem Fall bedauerte er seine inakzeptable Mahnung und sagte, er habe niemanden verletzen wollen. Vielleicht wusste er damals schon von dem geplanten und mit internationaler Aufmerksamkeit verfolgten Besuch Papst Benedikts XVI. in der Kölner Synagoge. Mit seiner unerbittlichen Haltung in der Abtreibungsfrage und zur Ausstellung von Beratungsscheinen durch katholische Stellen riskierte Meisner eine Zerreißprobe in der Bischofskonferenz. Derselbe Mann, der fast inbrünstig den Kehrvers der „Höhner“ mitsang; „Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust/, wir glauben an den lieben Gott und han auch immer Durst.“...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta