Serie zum Tod von Joachim Meisner: „Er hat persönlich Anteil genommen“

Präses a.D. Nikolaus Schneider schildert eine ökumenische Beziehung ganz eigener Art.

Nach meiner persönlichen Erinnerung an den verstorbenen Kardinal Joachim Meisner gefragt, steht mir besonders lebendig vor Augen, wie persönlich zugewandt und liebenswürdig er uns – meiner Frau und mir – begegnet ist. Mehr noch: Als unsere Tochter Meike an Krebs erkrankte, hat er an unserer Sorge sehr persönlich Anteil genommen.

Wenn wir uns in dieser Zeit trafen, vergaß er nie, sich nach ihr zu erkundigen. Nach Meikes Tod 2005 hat er uns auf einfühlsame Weise seine Anteilnahme und sein Mitgefühl ausgedrückt. Unser persönliches Miteinander empfanden wir als geschwisterlich.

Gleiche Achtung entgegengebracht

In unserer gemeinsamen kirchenleitenden Verantwortung hat er darauf geachtet, keine Rangunterschiede in der Vertretung unserer Kirchen nach außen aufkommen zu lassen. Jenes herablassende Wort von katholischer Seite, wir Evangelischen seien doch gar keine „richtige“ Kirche, hat Kardinal Meisner mir gegenüber nie geäußert. Bei gemeinsamen öffentlichen Auftritten hat er penibel darauf geachtet, dass mir die gleiche Achtung entgegengebracht wurde wie ihm.

Als etwa bei einem ökumenischen Gottesdienst im Dom mein Stuhl im Altarraum etwas zurückgesetzt von seinem stand, griff er persönlich ein und sorgte dafür, dass wir exakt nebeneinander platziert wurden. Solche kleinen Zeichen waren ihm wichtig. Und ich habe darin – bei aller Härte und Entschiedenheit, mit der er seine katholischen Positionen vertreten konnte – ein Zeichen seines persönlichen Respekts gegenüber der evangelischen Kirche gesehen.

Persönliche Beziehung hat sich entwickelt

Ob es spezielle Momente oder Begebenheiten gab, die im Verhältnis zwischen ihm als Erzbischof von Köln und mir als Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland das Eis gebrochen hätten, kann ich gar nicht sagen. Es war eher eine Entwicklung unserer persönlichen Beziehung.

An eine besondere Situation erinnere ich mich aber: Als im April 2005 Papst Johannes Paul II. starb, habe ich Kardinal Meisner noch in der Todesnacht einen Kondolenzbrief geschrieben. Ich wusste ja, wie viel dieser Papst ihm bedeutet hatte. Das hat er so verstanden, wie es gemeint war: als Geste der Anteilnahme und der Verbundenheit.

Ich will nicht verhehlen, dass wir etwa in Fragen des Kirchenverständnisses und in theologisch-ethischen Positionierungen – etwa in Fragen der Sexualethik – unvereinbare Auffassungen hatten. Manche Kontroversen darüber haben wir im persönlichen Kontakt ausgeklammert.

Anderes musste angesprochen werden, weil es die Situation erforderte: etwa die eucharistische Gastfreundschaft im Abschlussgottesdienst des Evangelischen Kirchentags 2007 in Köln.

In evangelischen Gottesdiensten sind alle Getauften, also auch Katholiken, zum Tisch des Herrn eingeladen. Kardinal Meisner war dezidiert gegen eine solche eucharistische Gastfreundschaft. Dem konnte ich als Liturge des Gottesdienstes aber nicht entsprechen. Diesen inhaltlichen Konflikt mussten wir austragen.

Meisner hat Gemeinsamkeiten aufgezeigt

Meine Frau, die streitbarer ist als ich, hat ihn übrigens bei privaten Treffen häufiger inhaltlich herausgefordert. Wenn es um „Reizthemen“ ging wie die Stellung der Frau in der Kirche, Empfängnisverhütung oder Homosexualität, hat sie sich kompromisslos gegen Kardinal Meisners Überzeugungen gestellt, ohne dass er es ihr erkennbar übelgenommen hätte.

Im Gegenteil: Es verging kein Treffen, in dem er meine Frau nicht auf ihren Vornamen – Anne – angesprochen hätte: „Sie wissen ja, was wir gemeinsam haben!“ Das spielte auf die heiligen Joachim und Anna an, die Eltern Mariens.

Auch wenn er manchen ökumenischen Bemühungen im Wege stand, hat Kardinal Meisner entgegen der öffentlichen Erwartung und auch zu meiner eigenen Überraschung ökumenische Impulse gesetzt. Es war seine Anregung, am Vorabend des ersten Advents und des ersten Sonntags der Passionszeit eine ökumenische Vesper zu feiern.

Das Angebot zur Feier eines ökumenischen Gottesdienstes im Dom zum Kirchentag kam von ihm. Er hat sich dort von mir zu einer gemeinsamen Bibelarbeit einladen lassen. Und schließlich denke ich mit innerer Bewegung an seine wertschätzende Rede zu meiner Verabschiedung als Präses.

Insgesamt hatte unser Verhältnis immer etwas von der „Liebe der Igel“. Wir sind einander vorsichtig so nahe gekommen, bis wir spürten: Die Stacheln sind da, aber wir können so miteinander umgehen, dass wir uns nicht daran wehtun und einander nicht verletzen....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta