Der Senkrechtstarter


Mario Centeno ist der Shootingstar der europäischen Politszene. Gerade einmal zwei Jahre ist es her, dass der portugiesische Finanzminister in die Politik gewechselt hat – und schon wird er Chef der Eurogruppe, des wichtigsten Führungszirkels der Europäischen Währungsunion.

Eine Rolle bei der Wahl wird die Entwicklung der portugiesischen Wirtschaft gespielt haben. Als Centeno Ende 2015 als Unabhängiger der neuen Regierung des sozialistischen Premiers António Costa beitrat, war Portugal einer der Problemfälle in Europa. Das Land verfehlte regelmäßig die Defizitziele der EU, das nach der Finanzkrise mühsam angekurbelte Wachstum halbierte sich Mitte 2016 zunächst gar auf ein Prozent.

Die Schuld daran gaben viele dem Duo Costa und Centeno, das Sparmaßnahmen ihrer Vorgänger wieder rückgängig machte und dafür vor allem Kritik aus Berlin erntete. Die beiden hoben die Bezüge für Beamte sowie den Mindestlohn wieder an, setzten die 35-Stundenwoche in der Verwaltung wieder durch und führten gestrichene Feiertage wieder ein.

Der ehemalige deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble warnte Portugal mehrfach, das Land riskiere einen erneuten Staatsbankrott. Der IWF hatte Portugal 2011 mit der EU und der EZB mit 78 Milliarden Euro gerettet.


Doch inzwischen ist die Skepsis verflogen. In Berlin ist nur noch Gutes über Centeno zu hören, Schäuble nannte ihn im Mai gar den „Cristiano Ronaldo“ unter den europäischen Finanzministern. Kurz darauf entließ die EU das Land nach sieben Jahren aus dem Defizitverfahren – Centeno hat das Haushaltsloch trotz der auslaufenden Sparprogramme von 4,4 auf erwartete 1,4 Prozent in diesem Jahr reduziert, das niedrigste Niveau seit vier Jahrzehnten. Auch die Arbeitslosigkeit liegt auf dem niedrigsten Stand seit acht Jahren. Möglich wurde das vor allem durch ein hohes Wirtschaftswachstum von 2,6 Prozent in diesem Jahr, das durch einen Boom von Touristen und höheren Exporten getragen ist.

Während sich Centeno mit der Bewertung der heimischen Politik zurückhält, sieht Premier Costa sie als Beweis dafür, dass es eine Alternative zur vor allem von Berlin verordneten Sparpolitik gibt. Portugal sei beides gelungen – Haushaltsdisziplin zu üben und den Portugiesen nach harten Jahren der Krise wieder Hoffnung zurückzugeben.
Nach seiner Wahl erklärte Centeno, er wolle seine zweieinhalbjährige Amtszeit nutzen, um Europa besser auf künftige Krisen vorzubereiten. Die gute Konjunktur mache das möglich. „Wir haben eine seltene Chance, um unsere Volkswirtschaften und Gesellschaften besser zu rüsten, und darauf konzentriere ich mich", sagte er.


Centeno ist zwar 2015 neu in die Politik gekommen. Doch Erfahrung damit, verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen, hat er in der Zeit zahlreich gesammelt: Die Regierung in Lissabon ist auf die Unterstützung der Kommunisten und des radikalen Linken Blocks angewiesen – beide ganz und gar keine Freunde von Brüsseler Sparplänen. Und doch hält sich die so unwahrscheinliche Allianz überraschend stabil.

Für die Suche nach Kompromissen bringt Centeno die passende Persönlichkeit mit. Der 50-Jährige mit dem etwas wuschigen, grau melierten Haar wirkt nicht wie ein abgeklärter Politprofi, sondern eher wie ein Professor. Dass der Ökonom, der in Harvard promovierte, auch einen Master in Angewandter Mathematik hat, passt ins Bild.

Centenos Auftritt ist nicht arrogant oder abgehoben, sondern zurückhaltend höflich. In Berlin hat man durchaus ungute Erfahrungen gemacht mit Ökonomieprofessoren, die Finanzminister wurden, Stichwort: der frühere griechische Finanzminister Yannis Varoufakis.
Doch von ihm unterscheidet sich Centeno deutlich. Er hat nichts Rebellisches, er poltert nicht. Er ist eher der Typ, ruhiger Zuhörer, der seine Position bestimmt, aber höflich deutlich macht. Das kann ihm bei den Moderationsaufgaben, die der Eurogruppen-Vorsitz mitbringt, helfen. Als Experte hat er in Brüssel bereits Erfahrungen: Von 2004 bis 2013 war er Mitglied des wirtschaftspolitischen Ausschusses der EU-Kommission.

Möglicherweise könnte sich Centeno als erster Südeuropäer an der Spitze der Eurogruppe als guter Brückenbauer erweisen zwischen den Nordeuropäern, die auf Haushaltsdisziplin in der Eurozone pochen und den Südeuropäern, die die Wirtschaft der Währungsunion ankurbeln wollen.