Senf-Brexit entsetzt die Briten


Für viele Briten gehört er zu ihrem Sandwich wie luftiges Toastbrot und Cheddar-Käse: Scharfer Senf aus einem gelben Glas der Marke Colman’s of Norwich. Seit 1858 wird die gelbe Paste in dem kleinen Städtchen im Osten Englands hergestellt. Doch bald wird das letzte Senfglas aus der Fabrik kommen: Zum Entsetzen vieler Briten hat der Konsumgüterriese Unilever beschlossen, Ende kommenden Jahres die Produktion an dem traditionsreichen Standort Norwich einzustellen. Eine Folge des Brexit, fürchtet man auf der Insel. Denn der Senf soll dann woanders hergestellt und verarbeitet werden, unter anderem in Deutschland.

Das Ende für die Produktionsstätte hatte sich abgezeichnet. Nicht nur Unilever hatte an dem Standort Nahrungsmittel hergestellt und verarbeitet, sondern auch der britische Softdrink-Hersteller Britvic. Die beiden Firmen hatten sich einige Einrichtungen geteilt, unter anderem die Kantine und Sanitäreinrichtungen für die Mitarbeiter.


Britvic hatte bereits im vergangenen Jahr angekündigt, seine Produktion in Norwich einzustellen. Das sei auch ausschlaggebend für die Entscheidung von Unilever gewesen, sagte eine Unternehmenssprecherin auf Rückfrage, nicht der bevorstehende Brexit.

Viele Briten sind dennoch entsetzt. „Norwich ohne Colman’s?“, kommentierte etwa der britische Schauspieler Stephen Fry auf Twitter die Nachricht von der Entscheidung des britisch-niederländischen Konzerns. Man könne den Tower aus London wegnehmen, aber doch nicht den Senf aus Norwich. „Ein trauriger Tag. Ein trauriger Tag“, schloss er seinen Tweet, dem seine Follower mehr als viertausend Mal applaudierten.


Viele Twitter-Nutzer empörten sich besonders darüber, dass der Senf bald zum Teil in Deutschland produziert wird. „Es heißt doch nicht Colman’s of Wuppertal,“ ist etwa zu lesen. Andere posteten Bilder mit einem weinenden Stier im Unternehmenslogo oder forderten einen Boykott von Unilever-Marken, zu denen etwa Dove, Lipton, Knorr oder Magnum zählen.

In Folge der Entscheidung des Konzerns, der sich die Senfmarke 1995 einverleibt hatte, fallen in Norwich 113 Arbeitsplätze weg. Einige Stellen würden dafür in einem anderen Unilever-Werk in England aufgebaut, hieß es.

Doch nicht nur von Unilever kamen zum Jahresbeginn schlechte Nachrichten für diejenigen, die glauben, dass Großbritannien großartige Zeiten bevorstehen. Auch in der Autobranche hinterlässt die Angst vor dem Brexit Spuren. Die Zahl der verkauften Autos sank im vergangenen Jahr um fast sechs Prozent, teilte der britische Automobilherstellerverband SMMT mit.

Das war der erste Rückgang seit 2011. Auch für 2018 wird ein Rückgang um fünf bis sieben Prozent erwartet. Ein Grund dafür, hieß es, sei die Verunsicherung der Verbraucher durch den bevorstehenden Brexit.