Arrogant oder genial? Taktik-Kniff sorgt bei WM für Wirbel

Viele Beobachter werden sich beim Match zwischen Polen und Slowenien am zweiten Spieltag der Handball-WM 2023 verwundert die Augen gerieben haben - und das nicht nur ob der unerwartet heftigen 23:32-Abreibung für den Gastgeber. (DATEN: Spielplan und Ergebnisse der Handball-WM)

Denn die Slowenen wählten mehrfach eine auf den ersten Blick irrationale Taktik: In Phasen, in denen sie durch eine Zwei-Minuten-Strafe für einen polnischen Spieler in Überzahl waren, nutzten sie diesen numerischen Vorteil nicht aus.

Denn anstelle im Angriff mit sechs gegen fünf zu agieren, ließen sie einen Feldspieler ihrer Mannschaft - zumeist Borut Mackovsek und Blaz Blagotinsek, als Rückraumshooter und Kreisläufer eher vom bulligeren, unbeweglicheren Spielertyp - knapp hinter der Mittellinie teilnahmslos stehen.

So ergab sich wieder eine Gleichzahl, fünf gegen fünf. Muss sich das siegreiche Team damit sogar Arroganz oder unfaires Verhalten vorwerfen lassen, nach dem Motto: „Die überwinden wir auch mit fünf Leuten“? (NEWS: Alles Wichtige zur Handball-WM)

Ex-Profi Boysen reagiert irritiert auf Slowenien-Taktik

Auch Rasmus Boysen, dänischer Ex-Profi und nun angesehener Handball-Experte, reagierte bei Twitter irritiert. Er habe so etwas noch nie zuvor gesehen.

Doch hinter der kuriosen Taktik steckt offenbar Raffinesse. In einer Antwort auf Boysens Tweet zitiert der polnische Journalist Maciek Wojs einen namentlich nicht genannten slowenischen Spieler, der erklärt, was es mit dem neuartigen Mittel auf sich hat. (Handball-WM: Deutschland - Serbien am Sonntag ab 18 Uhr im LIVETICKER)

„Wir haben gegen Ungarn (in Testspielen vor der WM; Anm. d. Red.) sehr schlecht gespielt, als wir sechs gegen fünf waren. Aber als wir fünf gegen fünf gespielt haben, haben wir immer getroffen. Es ist leichter für uns, vielleicht, weil wir schnell sind“, verriet der Slowene demnach.

Slowenischer Kniff geht gegen Polen auf

Klingt einleuchtend: Mit flinken und handlungsschnellen Spieler kann es ein Vorteil sein, den relativ gesehen größeren Raum zu nutzen, wenn ein Akteur weniger am Kreis steht. Auch aus psychologischer Sicht mag die Gleichzahl eine positive Wirkung haben.

Gegen Polen hat es jedenfalls geklappt: Slowenien netzte mit sehr hoher Prozentzahl ein, wenn es in Überzahl einen Feldspieler zurückgezogen platzierte. (DATEN: Gruppen und Tabellen der Handball-WM)

„Ich denke aber nicht, dass es etwas Revolutionäres für den Handball sein wird“, wird der slowenische Nationalspieler weiter zitiert. Dass andere Mannschaften diese kuriose Taktik ebenfalls ausprobieren, ist allerdings nicht auszuschließen.