Selbstversuch: Kann man(n) im neuen Herrenkosmetikstudio entspannen?

Unser Autor testet Mr. Attractive am Kölner Hansaring.

Selbstversuch im Kosmetikstudio für Herren? Neben einem Straßenfest und einem Fassaden-Kunstprojekt zweifellos die größere berufliche Herausforderung für mich an diesem Wochenende. An Aufmunterungen aus dem Kollegenkreis mangelt es jedenfalls nicht: „Lässt Du Dich schminken? Ich könnte das nicht“, bemerkt ein Kollege. „Da kriegst Du ne Runderneuerung“, frotzelt die stellvertretende Ressortleiterin. „Meinste, das nützt noch was?“, fragt der Fotograf böse. Das Schöne an diesem Job ist, dass man mitunter einen Auftrag erhält, den andere Leute allenfalls als Erlebnis-Geschenk bekommen würden.

Ich bin also durchaus erwartungsvoll. Zumal ich die „zweite Lebenshälfte“ längst erreicht habe und damit rechnen muss, dass ich bei den nächsten Wahlen zur Seniorenvertretung benachrichtigt werde. Andererseits fremdele auch ich ein bisschen mit dem Auftrag. „Kosmetik“ – das sind die Töpfchen und Tiegel der Partnerin im Badezimmer, an die mann allenfalls heimlich geht. Meine zwei Tuben Rasiergel und Aftershave-Lotion würde ich nicht so bezeichnen. Andererseits wissen immer mehr Männer spätestens seit David Beckham, dass Kosmetik durchaus noch eine andere Bedeutung hat als ein später Treffer beim Fußball, der nur noch das Endergebnis ein wenig schönt.

Ist das die neue Männerdomäne?

Ich versuche, vorbehaltlos zum vereinbarten Termin zu erscheinen. Dennoch hatte ich mir den Laden „Mister Attractive“ am Hansaring irgendwie schriller ausgemalt. Anthrazit, Rot und erdige Töne bestimmen die Einrichtung. Ein origineller Couchtisch mit Holz-Bierkasten samt Bügelflaschen als Untersatz fällt mir auf. Das soll sie also sein, die neue Männerdomäne? Immerhin: Im Zeitschriftenständer geht es ausschließlich um Herren-Beautytipps und -Fitness, und nicht um schnelle Autos.

Nach kurzem Vorgespräch mit dem Chef über Peelings, Anti-Aging-Produkte, Collagen, Hyaluronsäure und etwaige Unverträglichkeiten geht es in den Behandlungssessel. Mit dem Multifunktionsgerät daneben sieht der aus wie ein Zahnarztstuhl. Rückzieher? Zu spät! Gesichtsbehandlung soll es sein. Auf Pediküre oder Rückenmassage – auch im Angebot – haben weder ich noch der Fotograf Lust.

Marc-Olaf Ziller, der Inhaber des Geschäfts, das nach seinen Angaben das erste reine Männerstudio in Sachen Kosmetik in der Stadt ist, trägt mit sanften Bewegungen der Fingerkuppen die Reinigungsmilch auf. Was dann folgt, nennt er „Ausarbeiten“.

Mit dem Gesicht in der „Autowaschstraße“?

Er säubert also meine Poren. Ich spüre Wattebäusche auf der Haut und habe die Augen geschlossen, weil kühlende Pads auf meinen Lidern liegen. Richtig bei der Sache, geschweige denn entspannt, bin aber noch nicht. Zu ungewohnt ist es, dass jemand mein Gesicht massiert. Gar nicht so einfach, dabei Fragen zu stellen; denn schließlich arbeite ich ja – auch wenn es im Moment nicht so aussehen mag.

Es duftet leicht nach Zitrone, nicht unangenehm. „Parfümfrei haben wir natürlich auch“, sagt Ziller. Als der Bedampfer und die elektrische Bürste beim Peeling zum Einsatz kommen, muss ich an eine Autowaschstraße denken.

„Eine Gesichtsbehandlung ist keine Schönheits-OP“, erklärt Ziller. Seinen Kunden Falten wegmassieren, zuspachteln oder gar wegspritzen will er gar nicht. Aber ihnen zu gepflegter und attraktiver Erscheinung verhelfen schon. In der Unternehmensphilosophie des ehemaligen Personalmanagers in der Versicherungsbranche ist die positive Grundeinstellung zu sich selbst die tragende Säule. Man müsse „sich selbst etwas wert sein“. Mit regelmäßigen Besuchen im Kosmetikstudio alleine sei das nicht getan. Das Bewusstsein für tägliche Pflege müsse sich beim Mann auch schon entwickeln, sagt der 49-Jährige. Und: „Attraktivität ist eine Haltungsfrage.“

Nach einer Stunde ist es schon wieder vorbei

Zum Kosmetiker habe er sich per Fernstudium und abschließendem Praktikum weiterbilden lassen, erzählt er, während er meine Fingernägel feilt und später poliert. „Ich will Menschen im direkten Kontakt etwas mitgeben für ihr Leben“, beschreibt er seine Motivation. Im früheren Job sei das zuletzt immer weniger gefragt gewesen. Er träumt davon, das Konzept seines Ladens noch möglichst oft an weiteren Standorten umsetzen zu können. Nach langer Suche nach einem geeigneten Ladenlokal, so erfahre ich, hat er am Hansaring mit viel Eigenarbeit einen ehemaligen Kiosk zum Herrenkosmetikstudio umgebaut. Bis auf das Firmenlogo habe er das Design des Ladens selbst entworfen. Den mächtigen Ast aus Treibholz, der als Dekoobjekt dient, habe er am Rheinufer gefunden und in den Laden gebracht.

Gerade, als sich bei mir, der ich die ganze Zeit über liege, eine wohlige Entspannung breit macht – Maske, Maniküre und Massage der Kopfhaut zeigen schließlich doch Wirkung – heißt es abrupt: „So, das wäre es dann.“ Die Augenpads werden abgenommen. Mit einem Ruck wird der Stuhl aus der Liegeposition in die aufrechte gefahren. Eine Stunde Behandlung geht doch schnell vorbei. Vielleicht ist es tatsächlich ein Tipp, statt beim Mittagssnack, Kaffeepause oder Feierabendbier gelegentlich mal hier eine Auszeit zu verbringen.

Im Spiegel glänzt mir mein Gesicht entgegen. Die Lachfältchen sind tatsächlich noch da, dafür scheinen die Augenringe verschwunden zu sein. Entscheidend ist jedoch, dass ich wirklich ein gutes Gefühl und entsprechende Laune habe für die restlichen Herausforderungen an diesem Wochenende.

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