Selbstversuch beim „Silent Festival“: So fühlt es sich an, mit Kopfhörern zu feiern

Bei diesem Festival verfolgen die Besucher die Bands auf der Bühne über Kopfhörer.

Es gibt einiges, was auf einem Konzert nicht in die erste Reihe gehört. Kleinkinder und Liegestühle, zum Beispiel. Und doch wirbelt auf dem „At The B-Sites“-Festival im Kölner Jugendpark eine Mutter ihr Baby vor der Bühne herum, während eine Jugendliche daneben auf ihrem Stuhl den Kopf in den Nacken legt.

Eigentlich müsste ich beides unangemessen finden. Stattdessen tue ist etwas, das in Gesellschaft anderer fast ebenso verpönt ist: Ich setze mir Kopfhörer auf. Dann wippe ich, wie all die Menschen um mich herum, im Takt einer Melodie, die außer uns niemand hören kann.

Die Musik folgt dir sogar bis auf's Klo

Auf dem „At The B-Sites“-Festival – dem Pendant der gleichnamigen Konzertreihe – läuft alles ein wenig anders, als auf anderen Konzerten. Bei dem sogenannten „Silent Festival“ hören wir Besucher die Musik der Künstler nicht über Lautsprecher, sondern über Kopfhörer.

Setze ich sie ab, fühlt sich die Veranstaltung an wie ein etwas zu kühl geratener Sommerabend im Park: gedämpfte Gespräche, Feierabend-Atmosphäre. Setze ich sie auf, singen die Bands mir direkt ins Ohr. Dann ist es egal, wohin ich mich wende – die Musik folgt mir. Über das Gelände, zum Getränkestand, aufs Klo. „Du hast das Gefühl, die Band sitzt mit dir in der Kabine“, kommentiert Tatjana aus Ehrenfeld.

Lärm verschwindet hinter einer Wand aus Musik

Auf der Bühne spielt die belgische Band BRNS. Das Festival hat am Nachmittag mit Verzögerung begonnen; im Jugendpark ist es bereits dunkel, Scheinwerfer flackern und der dichte, atmosphärische Sound der Belgier frisst sich direkt ins Gehirn. Über die Kopfhörer fühlen sich die Melodien sehr fokussiert an. Der Liegestuhl der Jugendlichen steht jetzt unbesetzt da, vermutlich tanzt sie in der Menge. Hinter mir grölen zwei einsame Gestalten. Ich drehe die Lautstärke meiner Kopfhörer auf, der Lärm verschwindet hinter einer Wand aus Musik.

Die Veranstalter haben ihr Line Up mit Fingerspitzengefühl zusammengestellt: Honig, Dear Reader, BRNS, Charlie Cunningham und Bonaparte sind allesamt Bands und Künstler, bei denen es sich lohnt, genauer hinzuhören. Die Verbindung zu den Musikern gerät sehr intim: Wenn die Bands sich auf der Bühne unterhalten, fühle ich mich wie die heimliche Lauscherin. Wenn Charlie Cunningham uns ins Ohr spricht, möchte man die Kopfhörer abnehmen, weil man sich unhöflich vorkommt.

Von der Gefahr „gemeinsam einsam“ zu feiern

Irgendwie trifft das den Kern dieses einen Problems, das ein solches Festival mit sich bringt. Kopfhörer dienen im alltäglichen Leben vor allem einem Zweck: Der Abschottung. Die Schwelle, ein Gespräch zu beginnen, steigt. Das Wir-Gefühl im Publikum entwickelt sich langsamer. Wir laufen Gefahr, isoliert, „gemeinsam einsam“ zu feiern. Ich bin auch nicht die einzige, die kurzzeitig den Bass vermisst, der bei Konzerten sonst durch den Körper wummert: „Ich spüre die Musik nicht in meinen Fasern“, sagt Momo, den ich am Essensstand treffe.

Für den Sound sind die Kopfhörer aber ein Pluspunkt. Großer Vorteil ist auch, dass Anwohnern die Lärmbelästigung erspart bleibt. Und irgendwann ist es dann auch da, das volle Festival-Feeling. Für Außenstehende muss die Absurdität ihren Höhepunkt erreichen, als die Besucher im Jugendpark aus voller Kehle „Anti Anti“ in die ruhige, nur von unverstärkten Instrumenten beschallte Nacht singen.

Der Aufritt von Headliner Bonaparte ist schrill und bunt. Und während man sich fragt, ob der strippende Mann mit dem blauen Glitzerbart am Ende wirklich nackt auf der Bühne stehen wird (ja, wird er), dann geraten die Kopfhörer in Vergessenheit.

Wie kam das Konzept an?

Daria (23)

„Am Anfang hat sich das Kopfhörertragen ungewohnt angefühlt. Wenn ich mit jemandem sprechen wollte, musste ich sie abnehmen. Das Ganze ist trotzdem eine gute Idee: Die Musik klingt zum Beispiel viel klarer.“

Jan (39)

„Es ist natürlich ein großer Unterschied zu normalen Konzerten. Mit besser und schlechter würde ich das gar nicht bewerten. Ich kenne At The B-Sites schon von ihren anderen Veranstaltungen – daher bin ich hier.“

Lena (34)

„Mir gefällt das Konzept total gut. Ich bin eigentlich sehr lärmempfindlich – daher finde ich es super, dass man die Lautstärke selbst regulieren kann. Und die Atmosphäre ist nett; sehr ruhig und entspannt.“...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta