Ein Selbstporträt mit Lücken

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Bei Sony spielt die Musik in Berlin

Die Sony-Musiktochter tauscht die Führungsspitze aus und installiert mit Daniel Lieberberg erstmals einen Kontinental-Europa-Chef. Der Ex-Manager des Konkurrenten Universal Music soll es in Zukunft richten.


Rot, immer rot. Die Signalfarbe ist das Erkennungszeichen der Grande Dame der deutschen Fernsehunterhaltung. Mit ihren roten Haaren und mit bisweilen gleichfarbigen Modeaccessoires ist die heute 73-Jährige schon von Weitem zu erkennen – egal ob auf der Croisette in Cannes oder in den Filmstudios von Hollywood.

Regina Ziegler ist nach fast einem halben Jahrhundert im Filmgeschäft zur Ikone der Branche aufgestiegen. Seit 1973 produzierte die Unternehmerin rund 500 Filme – vom Fassbinder-Film „Angst essen Seele auf“ über „Beim Jodeln juckt die Lederhose“ und „Der bewegte Mann“ bis zu „Tatort“- und „Traumschiff“-Folgen. Regina Ziegler hat die deutsche Film- und Fernsehgeschichte wesentlich mitgeschrieben.

Endlich hat sie ihre Erinnerungen in Buchform unter dem Titel „Geht nicht, gibt’s nicht. Mein filmreifes Leben“ (C. Bertelsmann, 383 Seiten, 22 Euro) vorgelegt. Ihre Memoiren sind ein schönes Buch geworden. Das liegt nicht nur an dem ganz in Rot getauchten Cover des Leinenbandes, sondern insbesondere an dem kleinen Daumenkino in der Ecke der rechten Buchseiten. Ein schöner Fingerzeig auf ihre Branche.


Zwischen den prallen, emotionalen und auch ironischen Episoden sind zudem (natürlich in roter Schrift) die Kochrezepte aus der legendären Küche von Regina Ziegler eingestreut. Einige lohnen sich durchaus zum Nachkochen.

Regina Ziegler ist nicht nur wegen ihrer unglaublichen Bandbreite ihrer Produktionen eine Ikone der Branche, sondern auch wegen ihres unternehmerischen Mutes. Als erste Frau beendete sie in den Post-APO-Jahren das Patriarchat in der deutschen Filmproduktion. Das war ein sehr schwerer Weg für die Unternehmerin.

Unangenehme Begebenheiten deutet sie nur an. Welche Zustände noch heute hinter den Kulissen der von Männern dominierten Branche herrschen, hatte erst jüngst auf dramatische Weise der Missbrauchsskandal um den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein gezeigt.

„Die Kunst des Produzierens steht und fällt mit drei Aufgaben: Stoffe finden, Geld beschaffen und – gewissermaßen als Grundlage für beides – Beziehungen aufbauen und pflegen“, schreibt Ziegler (der Nachname stammt von ihrem ersten Mann). Regina Ziegler – in zweiter Ehe bis zu seinem Tod 2015 verheiratet mit dem Regisseur Wolf Gremm („Kamikaze 1989“) – ist eine Menschenfängerin. Mit ihrem Talent spinnt die Wahlberlinerin ein Netz von Beziehungen auf den Führungsetagen der Rundfunkanstalten. Im komplizierten Ökosystem von ARD und ZDF bewegt sie sich seit Jahrzehnten spielend, zielorientiert und raffiniert.


Interessant ist, wer nicht erwähnt wird



Genau dieses Beziehungsgeflecht und die damit verbundenen Abhängigkeiten führen offenbar zu Lücken in der unternehmerischen Lebensgeschichte. Ziegler beschreibt, wie sie nach einem Udo-Jürgens-Konzern mit Hans-Wolfgang Jurgan, dem damals allmächtigen Chef der ARD-Filmtochter Degeto, handelseinig über den ARD-Zweiteiler „Der Mann mit dem Fagott“ wird.

Sie verschweigt aber, dass ausgerechnet Jurgan mit seinem Missmanagement für einen der größten Finanzskandale in der Geschichte der ARD verantwortlich ist. Die ARD-Tochterfirma Degeto hatte Jurgan in seiner Gutsherrenart an den Rand der Pleite geführt – zum Entsetzen von Intendanten und Gebührenzahlern.

Ziegler erzählt plastisch, wie wichtig die großen Messen in Los Angeles, Las Vegas oder Cannes für die Produzenten seien. Insbesondere die L.A. Screenings, die Leistungsshow Hollywoods, ist eine begehrte Station für deutsche Filmhersteller. Dort zeigen nämlich die großen Studios weltweit erstmals ihre neuen Filme, Serien und Pilotprojekte exklusiv den Senderchefs. Produzenten erhalten dort keinen Einlass, da die Hollywood-Studios sich vor Ideendiebstahl fürchten. Ziegler war jedoch Dank ihrer engen Beziehungen zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Los Angeles häufiger Gast. Doch über diese Art der Inspiration in der Branche verliert sie keine Zeile.


Überhaupt ist interessant, wer in dem Buch nicht erwähnt wird: Wolf Bauer, bis vor kurzem Ufa-Chef, wird von der Autorin genauso ausgeblendet wie der Filmproduzent Jan Mojto. Leo Kirch, über Jahrzehnte der größte Filmhändler in Deutschland, tritt ebenfalls nicht auf. Dabei wollte Ziegler den Medientycoon als Zweiteiler ins Fernsehen bringen.

„Eine Produktionsfirma, die überleben will, braucht diese Mischung aus schnell verderblichen Stücken für ein großes Publikum und schweren Stücken für die Kritik, für die Kollegen, fürs Image. Und doch bleibt es ein Kraftakt, als mittelständisches Unternehmen so ein Großprojekt zu stemmen“, sagt Ziegler zurecht. Es ist ihr Verdienst, über Jahrzehnte diesen Spagat bewältigt und unglaubliche Power besessen zu haben. Nicht zuletzt ihre unglaubliche Lebensleistung macht das Buch trotz mancher Lücken zu einer spannenden Lektüre für alle, die einen Blick hinter die Kulissen der ansonsten so glamourösen Branche werfen wollen.

Jede Woche schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.