Selbstfotografierende Kameras und übersetzende Ohrhörer


Nach Apple und Amazon präsentierte Google am Mittwoch seine Produktpalette für das Weihnachtsgeschäft. Das Ergebnis war beeindruckend und wird Apple, vor allem aber Amazon im Kampf um die Vorherrschaft im digitalen Leben der Kunden zu schaffen machen.
Es gibt neue Google-Home-Lautsprecher mit eingebauten digitalen Assistenten in verschiedenen Größen, ein superschlankes Laptop mit eingebautem digitalem Assistenten, Kopfhörer, jawohl, mit digitalem Assistenten, und zwei neue Smartphones, die „Pixel2“. Natürlich vollgestopft mit weiteren digitalen Assistenten und künstlicher Intelligenz.
Als Überraschung, sozusagen Googles „One More Thing“, gab es eine winzige Kamera mit eingebauter künstlicher Intelligenz. Die wird einfach irgendwo aufgestellt oder angeklipst und nimmt selbständig Bilder auf. Die Kamera erkennt lachende Gesichter von Familienmitgliedern oder Freunden und reagiert sofort. Selbst Haustiere werden erkannt. Die „Clips“ getaufte Kamera wird in den USA voraussichtliche für 249 Dollar angeboten werden.



Allerdings steht die Wertung vor allem durch Datenschutz-Organisationen noch aus. Die werden sicher wenig Gefallen an einer vollautomatischen Fotofunktion einer selbstlernenden Kamera in der Größe einer Streichholzschachtel finden, so wie sie Google Glass nie über den Weg getraut haben. „Clips“ wäre nicht das erste Google-Produkt, das in der Ankündigungsphase stecken bleibt.

Eine Produktpräsentation, wie die am Mittwoch in San Francisco, hätte man vor zehn Jahren vielleicht von Sony, Panasonic, Bose, Kodak oder Harman erwartet. Die neue Welt der künstlichen Intelligenz jedoch zwingt Software- und Internet-Riesen wie Google, Amazon oder Microsoft dazu, sich immer stärker in den angestammten Märkten der Hardware-Unternehmen zu engagieren. Nur mit eigener Hardware und möglichst eigenem Betriebssystem wird garantiert, dass die künftigen Angebote und Dienstleistungen auf Basis von künstlicher Intelligenz und Cloud-Computing auch beim Kunden ankommen. Hier hat Google dank Android einen unschlagbaren Vorteil gegenüber Amazon und dessen digitalem Assistenten „Alexa“. Der hat es aber schon geschafft, sich bei vielen anderen Herstellern zu etablieren - von Kühlschränken bis Fernsehern.

Der Plattformgedanke zeigt sich nicht zuletzt bei den neuen Smartphones von Google. Mit der Pixel-Serie begann 2016 ein kompletter Neustart im Mobil-Bereich - nach den erfolglosen Nexus-Smartphones und der Milliarden-Schlappe des Motorola-Kaufs. Motorola Mobility wurde mittlerweile an den chinesischen Lenovo-Konzern weiterverkauft.



Google präsentiert neues Smartphone



Die neuen „Pixel2“-Smartphones sind direkt gegen Apples iPhone 8 positioniert und werden in Deutschland ab 799 Euro angeboten. Sie kommen mit zwei unterschiedlichen Bildschirmgrößen, fünf und sechs Zoll, und in verschiedenen Farben. Prozessorpower, Gehäuse oder Bildschirme sollen in Zukunft bei Google aber keine wichtige Rolle mehr spielen. Die Hardware aller Hersteller gleicht sich in den Leistungsdaten ohnehin immer weiter an und wird auch im Design immer austauschbarer.

Nur „das Zusammenspiel aus Hardware, Software und künstlicher Intelligenz“ wird in Zukunft entscheidend für den Erfolg sein, zeigt sich Google-CEO Sundar Pichai überzeugt. Er wiederholte seine Aussage, die Welt wandele sich von „Mobile first“ zu „AI first“ („Artificial Intelligence“). Die „Pixel2“-Smartphones verstehen sich als zentrale Anlaufstelle zwischen dem Menschen und der Google-Welt aus intelligenten Lautsprechern, Laptops, der Hauselektronik oder Android in Autos.

Extrem viel Wert legt Google dabei nicht nur auf die Kameras, die schon beim Vorgänger einen guten Ruf hatten und jetzt mit optischer und digitaler Bildstabilisierung aufwarten. Die Hilfsfunktionen der Kameras werden immer ausgefeilter. „Google Lens“ zeigt auf Wunsch den Namen des Tempels oder der Burg, die man gerade fotografiert hat und deren gesamte Geschichte an. Bildersammlungen werden mit Markierungen versehen, damit man zum Beispiel einfach den Namen eines Freundes sagen muss und alle Fotos mit ihm erscheinen.

Möglich wird das durch Gesichts- und Objekterkennung und Abgleich mit den Milliarden von Google-Informationen in der Cloud. Ein leichter Druck auf den Rand des Pixel-Smartphones aktiviert den Assistenten für besonders einfache Befehlseingabe. Das Gerät weiß, natürlich wieder Dank künstlicher Intelligenz, wann ein Druck auf den Rahmen zufällig oder gewollt war, verspricht Google.



Googles Ohrhörer „Pixel Buds“, die Rivalen für Apples „Air Pods“, kommen nicht nur ohne Kabel aus, sie haben schon den Charme des „Babelfischs“ aus dem legendären Scifi-Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“. Den hat man sich ins Ohr gesteckt und alle Weltraumsprachen verstanden. „Die Pixel Buds“ haben den digitalen Assistenten eingebaut und können so in Echtzeit übersetzen. Die Sätze wandern durch das Smartphone in die Cloud, werden dort in die gewünschte Sprache übersetzt und nur Bruchteile einer Sekunde später im Smartphone des Gegenübers ausgegeben.

Das digitale Google-Ökosystem ist am Mittwoch deutlich attraktiver geworden und der Suchmaschinen-Riese und Anzeigenverkäufer Google stellt klar, dass der Ausflug in die Hardware-Sparte permanent sein soll. Der Kauf von Patenten des taiwanesischen Smartphone-Herstellers HTC und die Übernahme von 2.000 Ingenieuren der Firma unterstreicht das nachdrücklich. Aber wer das nutzen will, muss auch bereit sein, sein ganzes Leben vor Google auszubreiten. Sonst taugen die digitalen Helferlein wenig.

Und Google scheut sich nicht vor großen Gegnern. „Genießen Sie alle guten Neuerungen auf beiden Geräten. Wir haben nicht die besten für das größere Modell aufgehoben“, war etwa die schnippische Ansage zu den beiden „Pixel2“-Modellen. Ein klarer Seitenhieb auf Apple, wo nur im teuren iPhoneX die überlegenen OLED-Displays eingebaut sind, die iPhone 8 haben noch die einfacheren LCD-Bildschirme.
Aber in anderen Bereichen kneift dann doch Google wieder. Das erste Pixel-Smartphone wird als „Erfolg“ bezeichnet. Aber jede konkrete Absatzzahl bleibt der Konzern schuldig. Bei Apple ist der gigantische Erfolg des iPhones im Geschäftsbericht in harten Zahlen nachzulesen.