„Selbstfahrende Autos werden die Zahl der Unfälle verringern“

Der Vater des autonomen Autos, Sebastian Thrun, erzählt, warum er zu viel Schwarzmalerei bei neuen Technologien für gefährlich hält – und er sogar schon an autonomen Flugzeugen tüftelt.

Im Silicon Valley ist Sebastian Thrun, der Vater des selbstfahrenden Autos, ein Superstar. Die Mächtigen des High-Tech-Tals suchen seinen Rat. „Sebastian fordert nicht nur, Risiken einzugehen“, sagt etwa Internet-Pionier Marc Andreessen. „Er tut es selber.“

Thrun, gebürtiger Solinger, studierte Informatik, Wirtschaft und Medizin. Mitte der Neunzigerjahre ging er in die USA. Er hatte an der Universität Stanford einige Jahre lang eine Professur für Künstliche Intelligenz inne. Und er hat aus einem dortigen Studentenprojekt heraus die ersten selbstfahrenden Autos entwickelt, die der Internetkonzern Google in Kalifornien 2010 testweise auf die Straße schickte. Inzwischen gibt er die Grundlagen dieser Technologie in Kursen der von ihm mitgegründeten Akademie Udacity weiter, die allein auf Vorlesungen und Studienmaterial im Netz setzt. 11.000 Studenten haben allein die Einführung in die Grundlagen des selbstfahrenden Autos bislang weltweit besucht, 2000 den Kurs abgeschlossen und bestanden, davon 1000 in Deutschland.

Thrun hat viel erreicht. Auf seine Online-Universität, für die er sogar das von ihm gegründete Google Forschungslab verließ, ist er jedoch am meisten stolz. Es schwingt Emotion in seiner Stimme, wenn Thrun betont, dass er mit seinen Online-Kursen viel mehr ausrichten kann, als auf einer Spitzenposition in einem Konzern. Gerade in Regionen, wo es nur schweren oder keinen Zugang zu guten Bildungseinrichtungen gibt und noch viele Talente zu entdecken. Es hat schon Symbolik, dass er die Jahreskonferenz von Udacity im Computer History Museum von Mountain View ausrichten lässt, wo die Errungenschaften der Computerbranche gefeiert werden.


„Ich bin davon überzeugt, dass wir erst ein Prozent, vielleicht zwei Prozent, der wirklich wichtigen Sachen erfunden haben“, sagt er im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. „Um innovativ zu bleiben, müssen wir uns aber davon lösen, immer gleich die Gefahren zu beschwören.“ Deshalb warnt er vor einem panischen Umgang mit Unfällen von selbstfahrenden Autos.

Kürzlich hat ein autonomes Auto des Fahrdienstes Uber in den USA eine Fußgängerin getötet. Die genauen Ursachen werden derzeit untersucht. Das Unternehmen hat den Einsatz der computergesteuerten Wagen gestoppt. Thrun betont, dass er den Unfall nicht beurteilen könne, ist aber überzeugt, „dass selbstfahrende Autos die Zahl der Unfälle verringern werden.“


Der Umgang mit neuen Technologien treibt ihn um – weit über das selbstfahrende Auto hinaus. Der 50-Jährige ist überzeugt davon, dass immer schlauere Maschinen das Leben der Menschen verbessern – vorausgesetzt, diese nutzten die dadurch gewonnenen Freiheiten. „In den vergangenen 500 Jahren haben wir uns von einer Agrar- zu einer Informationsgesellschaft entwickelt. Das hat Raum für Kreativität eröffnet und wichtige Erfindungen ermöglicht.“ Strom, Flugzeuge oder Smartphones seien erfunden worden und hätten neue Industrien geschaffen. „Das spricht dafür, dass mehr Zeit für Kreativität zu noch mehr Erfindungen führt, die unser Leben bequemer und interessanter machen werden.“

Er selbst nimmt diese Freiheit für sich in Anspruch: Anfang 2012 hat er gemeinsam mit zwei Bekannten die Online-Akademie Udacity gegründet. Ihr berühmtester Kurs ist der über Thruns Spezialdisziplin – selbstfahrende Autos. Udacity neuester Kurs beschäftigt sich mit autonomen Flugzeugen. Die besten Absolventen kann Thrun diesmal selber anheuern: Denn im April 2016 gab er den Chefposten bei Udacity an Vishal Makhijani ab, um sich stärker auf das Start-up Kitty Hawk konzentrieren zu können. Seitdem entwickelt er im Silicon Valley und Neuseeland ein Flugtaxi – finanziert aus dem Milliardenvermögen von Google-Gründer Larry Page.

Rund die Hälfte seiner Zeit, so erzählte er im Gespräch mit der WirtschaftsWoche, widmet er Kitty Hawk. Und nicht nur dies. Warum die Flugtaxis womöglich schneller Alltag werden als selbstfahrende Autos, welchen Kurs er selbst bei Udacity zuletzt besuchte – und wie künstliche Intelligenz bei der Ausrottung von Krebs helfen kann, lesen Sie im vollständigen Interview.