Seit 14 Jahren bin ich auf Twitter mit dem Namen „Jesus Christus“ unterwegs – dank Elon Musk habe ich nun endlich den blauen Haken

Die Debatte um die Verfizierung auf Twitter seit der Übernahme des Unternehmens durch Elon Musk nimmt immer skurrilere Züge an. - Copyright: Justin Sullivan/Getty Images, Twitter
Die Debatte um die Verfizierung auf Twitter seit der Übernahme des Unternehmens durch Elon Musk nimmt immer skurrilere Züge an. - Copyright: Justin Sullivan/Getty Images, Twitter

Dieser Artikel basiert auf einem Gespräch mit dem Twitter-User „Jesus“, der im Rahmen des neuen Twitter-Verifizierungsprogramms sein blaues Häkchen erhalten hat. Aus Datenschutzgründen bat die Quelle darum, anonym zu bleiben. Business Insider USA kann den Besitz des verifizierten Kontos bestätigen. Das Gespräch wurde aus Gründen der Länge und Klarheit bearbeitet.

Auf Twitter bin ich Jesus. Nicht aber im wirklichen Leben.

2006 habe ich einen Twitteraccount mit dem Handle „@Jesus“ eröffnet. Ich dachte mir, dass es witzig wäre, vor allem an den Feiertagen wie Weihnachten und Ostern Tweets abzusetzen – reinste Satire eben. Ich poste zum Beispiel Dinge wie "Don't call it a comeback" direkt nach Ostern, um über die Wiederauferstehung von Jesus zu scherzen.

Ich selbst bin nicht religiös. Mein Ziel war es eher, Freude auf Twitter zu bringen und die Menschen zum Lachen zu bringen.

Seit 14 Jahren bin ich bereits @Jesus

Obwohl das Konto seit 14 Jahren in meinem Besitz ist, wusste ich nie, wie ich es hätte verifizieren lassen können. Ich stellte schon einige Verifizierungsanträge in der Vergangenheit – wurde aber immer abgelehnt. Als Elon Musk nun aber die Verifizierungsregeln änderte und man Twitter Blue abonnieren und einen blauen Haken kaufen konnte, wusste ich: Meine Zeit war gekommen. Meine Verifizierung gelang binnen Sekunden. Ich kaufte das Twitter Blue-Abo, bestätigte Apple Pay, öffnete Twitter erneut und war verifiziert.

Ich habe mich in erster Linie verifizieren lassen, um zu zeigen, wie absurd das neue Verifizierungssystem ist. Offensichtlicher kann es nicht sein: Immerhin bin ich nicht Jesus. Und Jesus hat kein Twitter-Konto. Wie kann ich also verifiziert werden? Es ergibt keinen Sinn.

Jesus auf Twitter zu sein, ist etwas seltsam

Was es bedeutet, Jesus auf Twitter zu sein? Nun, die Leute schicken mir ihre Gebete. Ich glaube zwar, sie wissen, dass ich nicht Jesus bin. Dennoch scheint mir, ist es beruhigend für sie, ihr Anliegen in die Welt zu schicken.

Die Bitten kommen aus der ganzen Welt und in verschiedenen Sprachen. Manchmal schicke ich eine ermutigende Nachricht zurück, aber ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ich kein ausgebildeter Psychologe bin und nicht über die beruflichen Qualifikationen verfüge, um diese Art von Dingen zu behandeln. Ich bin mir auch bewusst, wie machtlos ich bin, wenn mir Menschen Gebetsanliegen schicken. Es gibt wirklich nichts, was ich tun kann. Es ist seltsam zu sehen, wie die Menschen mich bitten, ihnen bei Dingen zu helfen, bei denen ich so unfähig bin, sie zu unterstützen.

Mein Plan für den Jesus-Account? Keine Ahnung

Ich weiß nicht, was ich mit dem Konto zukünftig machen werde. Ich wünschte, ich könnte sagen, ich hätte einen Masterplan, aber ganz ehrlich: Ich mache einfach weiter. Nach 14 Jahren habe ich das Gefühl, alle Jesus-Witze durchgespielt zu haben. So habe ich beispielsweise drei Tage an Ostern geschwiegen, um dann am Sonntag wieder aufzutauchen und zu sagen: „Hallo, ich bin wieder da!“. Oder ich habe darüber gewitzelt, was Jesus zu seiner Geburtstagsparty trägt.

Manchmal sende ich auch ermutigende Tweets, wie diesen: „Ich weiß, dass du traurig bist. Ich weiß, dass du verletzt bist. Ich bin immer bei dir.“ Einmal wurde ich sogar politisch und tweetete: "Verbietet alle Waffen. Alle." Normalerweise halte ich meine persönlichen Überzeugungen von meinem Jesus-Konto fern, aber das musste ich einfach twittern. Es gibt so ein Problem mit der Waffenkontrolle in den USA. Hätte ich das von meinem persönlichen Konto aus getwittert, hätte es praktisch niemand gesehen. Aber Jesus hat mehr als 791.000 Follower – hier kann ich mir Gehör verschaffen.

Ich bekomme Todesdrohungen

Einer der Gründe, warum ich anonym bleibe, ist der, dass ich Todesdrohungen bekomme. Ich erhalte Nachrichten von Personen, die mir sagen, dass ich blasphemisch sei, dass ich die Hölle käme und dass sie herausfinden würden, wer ich bin – und mich umbringen würden. Ich glaube nicht, dass es sich bei dem Konto um Blasphemie handelt, denn für mich ist es ziemlich offensichtlich, dass ich nicht Jesus verkörpere.

Ich möchte, dass die Menschen wissen, dass ich nur Spaß mache und mich amüsieren will. Das ist keine Performance-Kunst auf Banksy-Niveau. Ich mache keine großen Aussagen über irgendetwas – außer darüber, wie einfach es jetzt ist, auf Twitter verifiziert zu werden.

Dieser Text wurde aus dem Englischen von Lisa Dittrich übersetzt. Das Original findet ihr hier.