Sechs Millionen Belege für die Krise der Lebensversicherung

Mit Ergo Leben will eine der Branchengrößen ihren Bestand verkaufen. Das zeigt, wie angespannt die Lage ist, muss aus Kundensicht aber keine schlechte Nachricht sein.


Hamburg-Mannheimer, Victoria, Ergo Leben - es sind klangvolle Namen der Versicherungswelt, die nun zum Verkauf stehen. Der Ergo-Versicherungskonzern will laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung seinen Bestand klassischer Lebensversicherungen mit Garantiezins abstoßen. Dabei soll es insgesamt um rund sechs Millionen Policen gehen, der Kaufpreis wird auf über eine Milliarde Euro geschätzt. Als mögliche Käufer werden chinesische, britische oder US-Investoren genannt.

Dieser Schritt wäre ein Paukenschlag für die Lebensversicherungs-Branche. Zwar waren die Marken Hamburg-Mannheimer und Victoria schon vorher verschwunden und hatten der Marke Ergo Platz gemacht. So sollte auch von der wenig rühmlichen Vergangenheit, etwa mit einer Party für Vertreter der Hamburg-Mannheimer 2007 mit Prostituierten in einer Budapester Therme, abgelenkt werden. Zudem hatte Ergo das Neugeschäft bei den klassischen Policen, bei denen Anbieter den Kunden eine Mindestverzinsung auf ihre Beiträge abzüglich der Kosten zusagen, bereits eingestellt - bei Victoria 2010, bei Hamburg-Mannheimer (Ergo Leben) 2016.

Doch bislang signalisierte Ergo eher Bereitschaft, sogar noch Bestände anderer Versicherer übernehmen zu wollen, um diese dann zu verwalten und auslaufen zu lassen. Nun hingegen sollen Millionen eigene Verträge mit rund 56 Milliarden Euro an Kapitalanlagen auf einen anderen Investor übergehen.


Die Botschaft hinter dem neuen Schritt ist klar: Die Lebensversicherung ist nicht mehr nur für Neukunden unattraktiv - Geld sicher und mit Garantien anzulegen, ist in Niedrigzinszeiten eine Herausforderung geworden, die immer zu Lasten der Rendite geht. Auch für Bestandskunden, die teils noch üppige Garantiezinsen von bis zu vier Prozent in ihren Verträgen stehen haben, ist die Lage angespannt. Ihre Ansprüche zu bedienen, ist eine Herausforderung, die Ergo sich nun ersparen will.

Für Panik unter Ergo-Kunden gibt es dennoch keinen Anlass. Es ist in der Branche ein allgemeiner Trend, Bestände an Abwicklungsspezialisten, sogenannte Run-Off-Plattformen, zu übertragen. Das bringt aus Kundensicht sowohl Vorteile als auch Nachteile mit sich. Weil die Run-Off-Plattformen keine Neukunden werben müssen, brauchen sie keine hohen Überschüsse, um damit in der Werbung punkten zu können. Zumindest in der Theorie ein klarer Nachteil. Doch die Finanzaufsicht BaFin hat bereits früh bekanntgegeben, genau darauf achten zu wollen, dass Kundeninteressen nicht zu kurz kommen.


Ein Vorteil hingegen ist, dass die Run-Off-Spezialisten es im Idealfall schaffen, die Kosten gering zu halten, weil sie eben ohne einen teuren Vertrieb und oft auch mit einer kleineren Verwaltung auskommen können.

In Zeiten von Niedrigzinsen wird das die entscheidende Frage: Wie hoch sind die Kosten meines Lebensversicherers? In der Geldanlage selbst schaffen Lebensversicherer keine großen Sprünge. Zu eng ist das Korsett, in dem sie durch ihre alten Zinszusagen stecken. Insofern investieren sie das für die Kunden angelegte Geld ganz überwiegend in festverzinsliche Wertpapiere. Und damit ist derzeit wenig zu holen.

Bei den Kosten haben die Versicherer hingegen noch viel Luft. Betrachtet man nur größere und wachstumsstarke Lebensversicherer, sind die Abschlusskosten im dreijährigen Mittel bis Ende 2016 nur leicht auf 4,7 Prozent der Gesamtbeiträge der Neuverträge gesunken. Im Vorjahr hatte das Drei-Jahres-Mittel noch 4,8 Prozent betragen. Die Verwaltungskosten hingegen sind sogar noch gestiegen. Lag das dreijährige Mittel hier Ende 2015 bei 2,3 Prozent der Versicherungsbeiträge, waren es Ende 2016 2,5 Prozent, zeigt eine Auswertung der Geschäftsberichte.


Beide Werte sind zu hoch - und das wissen alle in der Lebensversicherungs-Welt. Nur ist es extrem schwierig, die Kosten zu senken. Es geht um viele Arbeitsplätze, die Stimmung im Vertrieb und in der Verwaltung. Hier zu kürzen, ohne die eigenen Mitarbeiter und Vertriebler gegen sich aufzubringen, ist eine Herausforderung.

Gerade das können Run-Off-Plattformen deutlich leichter schaffen, wenn sie ihren Spielraum nutzen. Je größer sie sind, desto leichter dürfte das werden. Und vor diesem Hintergrund müssen die Verkaufspläne für Kunden keine schlechte Nachricht sein.