Sechs kritische Dinge, die ihr in "Tatsächlich Liebe" übersehen haben könntet

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Herzerwärmende Weihnachtsschnulze oder sexistischer Blockbuster? Unsere Autorin entscheidet sich für letzteres.
Herzerwärmende Weihnachtsschnulze oder sexistischer Blockbuster? Unsere Autorin entscheidet sich für letzteres.

Bei diesem Text handelt es sich um einen Meinungsbeitrag. Die darin geäußerten Gedanken sind die der Autorin.

Für viele Menschen – mich eingeschlossen – gehört der Film "Tatsächlich Liebe" zum Weihnachtsritual. Während der Hollywoodstreifen, in dem unter anderem Keira Knightley und Hugh Grant mitspielen, für die meisten als Wohlfühlromanze mit Starbesetzung gilt, kritisieren andere frauenfeindliche Aspekte, die im Drehbuch enthalten sein sollen. Wenn ihr die Kritik der Schriftstellerin Lindy West an "Tatsächlich Liebe" noch nicht gelesen habt, solltet ihr das tun. Ihr erster Kritikpunkt: Die ständigen Verweise auf übergewichtige Frauen.

Die seltsamen Witze über Dicke

Für einen Film, in dem es angeblich um wahre Liebe geht, stehen im Drehbuch viel zu viele Witze über das Gewicht von Frauen. Die Autorin Courtney Enlow hat eine Aufstellung der vielen Dicken-Witze erstellt, die sich alle um eine Figur drehen: Natalie.

"Das größte Rätsel von 'Tatsächlich Liebe' ist, warum alle denken, dass Natalie, gespielt von der Schauspielerin Martine McCutcheon, so eine monströs fette Kuh ist", schrieb Enlow im Jahr 2014.

Über Nathalies Gewicht werden zu viele Witze gemacht.
Über Nathalies Gewicht werden zu viele Witze gemacht.

Zuerst erzählt Natalie ihrem Chef David, Junggeselle und zudem Premierminister von Großbritannien und gespielt von Hugh Grant, eine Geschichte darüber, wie ihr Freund mit ihr Schluss gemacht habe, weil "sie fett geworden ist".

Dann hat Natalie eine seltsame Begegnung mit dem Präsidenten der USA, der seine Machtposition ausnutzt, um sich an sie heranzumachen. Nachdem er Zeuge dieses unangenehmen Moments geworden ist, rächt sich David mit einer politisch aufgeladenen Rede, die auf den US-Präsidenten abzielt.

Anschließend bittet er darum, dass Natalie "anderweitig eingesetzt wird". Auch während dieses Gesprächs kommt ihr Gewicht wieder zur Sprache, indem Davids Stabschef sie als "das pummelige Mädchen" bezeichnet. Später nennt Natalies Vater sie "Pummelchen", als ob das ein süßer Spitzname wäre, den eine erwachsene Frau – oder irgendein Mensch – gerne hören würde.

Und es geht noch weiter, zwar nicht im Film, aber im Trailer: Jeder erinnert sich auch an die kultige "Tatsächlich Liebe"-Szene, in der Mark – ein Mann, der sich in die neue Frau seines besten Freundes, Juliet, verliebt hat – im Haus der Frischvermählten auftaucht und ihr in aller Stille seine romantische Liebeserklärung macht.

Diese Szene mag auf den ersten Blick romantisch erscheinen, aber das ist sie nicht.
Diese Szene mag auf den ersten Blick romantisch erscheinen, aber das ist sie nicht.

Süß, oder? Nun eigentlich ist die Szene im Grunde unheimlich und respektlos. Dein bester Freund hat gerade eine Frau geheiratet, für die du Gefühle hast. Ja, das ist nicht schön, aber dein Plan ist es, hinter dem Rücken deines Freundes Juliet zu sagen, dass du sie liebst und das wahrscheinlich für den Rest deines Lebens tun wirst?

Oder wie Lindy West kritisierte, dass der Trauzeuge in Keira Knightleys Haus auftauche, einen auf netten Jungen mache, aber sie eigentlich emotional manipuliere, was aber in Romantik umgedeutet werde. Und Keira Knightley küsse ihn auch noch dafür.

Und es kommt noch schlimmer. Vor zwei Jahren, als wir uns die Trailer für die Weihnachtsfilme noch einmal ansahen, weil es sich nicht vermeiden ließ, stellten wir fest, dass es in dieser Szene ursprünglich noch "romantischer" zugehen sollte. Mark sollte in einer früheren Version des Drehbuchs Juliet "Fettsack" nennen, während er ihr gerade seine Liebe gesteht. Das ergibt doch keinen Sinn. Und ihre Reaktion? Sie lacht einfach darüber. Als ob das der lustigste Witz wäre, den ein Mann, den sie kaum kennt, über sie machen könnte.

Der allgemeine Mangel an Handlungsfähigkeit von Frauen

Abgesehen von den Witzen über das Gewicht der Frauen fällt es auf, dass diese in dem Film wenig bis gar keine Rolle spielen, es sei denn, sie sind auf Sex aus. Die einzigen beiden weiblichen Figuren, die über etwas anderes als einen Mann sprechen, sind Karen und ihre – sichtlich minderjährige – Tochter Daisy. Sie diskutieren über die Rolle des Hummers im Krippenspiel. Aber Daisy ist eine der Nebenfiguren – noch dazu ein Kind – und alle anderen Frauen sprechen nur von romantischen Situationen mit Männern.

Das Gespräch zwischen Karen und Daisy geht um ein Hummer-Kostüm.
Das Gespräch zwischen Karen und Daisy geht um ein Hummer-Kostüm.

Lindy West wies darauf hin, dass das beste Beispiel dafür die Geschichte von Colin Firth sei, der sich in einem französischen Haus aufhalte und sich in die Frau verliebe, die jeden Tag sein Haus putzt, ohne jemals richtig mit ihm zu sprechen. "Colin Firth verliebt sich auf den ersten Blick in Aurelia und legt damit die zentrale moralische Lektion von 'Tatsächlich Liebe' fest: Je weniger eine Frau spricht, desto liebenswerter ist sie", schrieb West. "Keine der Frauen in diesem Film reden. Alle Männer in diesem Film 'gewinnen' am Ende eine Frau. Das ist ja mal ein verdammt guter Film."

Das demoralisierende Ende der Betrugsgeschichte

Der deprimierendste Handlungsstrang in "Tatsächlich Liebe" ist Harrys außereheliche Affäre. Harry, gespielt von Alan Rickman, hat eine Affäre mit seiner Sekretärin. Schließlich merkt Harrys Frau Karen, was vor sich geht, und stellt ihn unter Tränen zur Rede.

Wir brauchen mehr Konfrontation zwischen Harry und Karen.
Wir brauchen mehr Konfrontation zwischen Harry und Karen.

Am Ende des Films sehen wir, wie sie ihn am Flughafen begrüßt, und es ist unklar, ob sie beschlossen hat, ihn zu verlassen oder nicht. Allerdings twitterte eine der Drehbuchautorinnen von "Tatsächlich Liebe" 2015 eine deprimierende Bestätigung über das Ende.

Harry hatte nicht nur eine körperliche, sondern auch eine emotionale Affäre. Aber Karen beschließt, bei ihm zu bleiben, obwohl ihr Zuhause nie wieder so glücklich sein wird wie zuvor. Wir behaupten nicht, dass eine Scheidung immer die richtige Lösung ist, aber es ist ärgerlich, dass diese Geschichte keinen wirklichen Abschluss hat. Zumindest hätte ich gerne ein echtes, bedeutungsvolles Gespräch zwischen Harry und Karen über seine Taten und ihre Ehe gesehen.

Die ganzen Rollkragenpullover

Nur ein Scherz. Die Rollkragenpullover sind das Beste an diesem Film. Wenn es eine Sache gibt, die bei jedem erneuten Anschauen von "Tatsächlich Liebe" immer mehr Spaß macht, dann ist es die Aufzählung und anschließende Bewertung aller Rollkragenpullover, die im Film getragen werden. "BuzzFeed" hat bereits 2013 das Ranking "Wir bewerten alle Rollkragenpullis in 'Tatsächlich Liebe'" veröffentlicht.

Es gibt Mias frechen schwarzen Rollkragenpullover, Daniels traurigen "Meine Frau ist gerade gestorben"-Rollkragenpullover und Judys nudefarbenen Rollkragenpullover. Aber der beste von allen ist Marks "Oh, Mist, Juliet weiß, dass ich sie liebe"-Rollkragenpullover. 

Aber mal im Ernst: Ich schaue mir "Tatsächlich Liebe" immer noch jedes Jahr an, aber wie meine Kollegin Megan Willet sagte, ist es ein Film, den man am besten aufmerksam anschaut. Sich der problematischen Darstellung von Frauen und Beziehungen in Filmen wie "Tatsächlich Liebe" bewusst zu werden, ist ein wichtiger erster Schritt. Wenn ihr also wollt, lehnt euch zurück und genießt den kitschigen Sexismus und die Fülle an Rollkragenpullovern. Aber verwechselt nicht die Botschaft des Films von der "Liebe" mit der Realität.

Dieser Text wurde von Lisa Ramos-Doce aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.

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