Schwule verdienen weniger Geld

Homosexuelle Männer verdienen einer Studie zufolge deutlich weniger als heterosexuelle Männer. Bei Frauen ist der Unterschied nur gering. Nun rätseln die Forscher, wie die Unterscheide zustande kommen.


Schwule Männer bekommen auf dem deutschen Arbeitsmarkt im Schnitt einen geringeren Stundenlohn als heterosexuelle. Die Differenz beim realen Brutto-Stundenlohn betrage rund 2,14 Euro, heißt es in einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Demnach liegt der durchschnittliche Brutto-Stundenlohn eines heterosexuellen Mannes bei rund 18 Euro. Berücksichtigt man Faktoren wie Alter, Bildung und Branche, verdienen Schwule sogar 2,64 Euro weniger. Die Studienautoren schreiben von einer „Sexuality Pay Gap“ – eine Lohnlücke also, die mit der sexuellen Identität zusammenhängt.

Lesbische Frauen hingegen verdienen dem Bericht zufolge mit rund 16,44 pro Stunde im Schnitt etwa genauso viel wie Schwule und sogar rund zwei Euro mehr als heterosexuelle Frauen. Diese Unterschiede seien aber statistischen Ungenauigkeiten unterworfen und insofern nicht belastbar, sagte Studienautor Martin Kroh.


Ein statistischer Beweis für Lohndiskriminierung von Homosexuellen am Arbeitsplatz sei mit den Daten nicht erbracht: „Das ist erstmal nur ein Indikator“, sagte Kroh. „Vermutlich gibt es eine Reihe von Erklärungen für die Lohnlücke.“ Laut Studie leisten homosexuelle Männer etwa mehr Überstunden als heterosexuelle – das drückt den Stundenlohn und könnte ebenfalls eine von vielen Erklärungen sein.

Für die Studie stützen sich die Autoren auf Daten des sogenannten Sozio-ökonomischen Panels, einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage, die das DIW einmal im Jahr deutschlandweit durchführt. Dabei werden neben dem Einkommen, dem Beruf, der Bildung und der Gesundheit auch die sexuelle Orientierung abgefragt. Die Studie beruht auf der Auswertung der Fragebögen von knapp 460 LGBs (Englisches Kürzel für Menschen mit lesbischer, schwuler oder bisexueller Identität) sowie mehr als 39.000 Heterosexuellen.


Die Lebenssituation Homosexueller unterscheidet sich auch in anderen Bereichen zum Teil deutlich von der Lage Heterosexueller, ergab die DIW-Studie. Weit häufiger leben Homosexuelle in großen Städten. Das zeigt auch die Statistik der Eheschließungen 2015: An der Spitze liegt Berlin mit fast sechs Prozent Anteil gleichgeschlechtlicher Eheschließungen, in Hamburg sind es 3,8 Prozent. Köln, Frankfurt und München liegen dazwischen. Der Wert für ganz NRW hingegen liegt bei 1,9, der für Bayern bei 1,5 Prozent.

Gesundheitspolitisch relevant ist, dass LGBs generell mit ihrem Leben weniger zufrieden sind und häufiger von psychischen Erkrankungen berichten: So gibt jeder fünfte an, schon einmal an einer Depression erkrankt zu sein – bei Heterosexuellen hingegen ist es nur jeder Zehnte. Als Grund vermuten die Forscher einerseits Diskriminierungserfahrungen, andererseits die Angst vor einem Outing – generell also „größere Schwierigkeiten, so zu leben, wie sie möchten“. 

Als erfreulich werteten die Autoren, dass sich Homosexuelle und Heterosexuelle bei der Beschreibung ihrer „Persönlichkeit“ so gut wie gar nicht unterscheiden. Kleinere Differenzen gab es bei den Männern: Unter ihnen bezeichnen sich Homosexuelle etwas häufiger als „offen“. Bei den Punkten emotionale Stabilität, Extrovertiertheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit gab es keine Unterschiede in der Selbsteinschätzung, weder bei Männern noch bei Frauen.


Sehr wenige Daten über Schwule und Lesben

Nach Schätzungen des DIW bezeichnen sich derzeit knapp zwei Prozent der Erwachsenen in Deutschland als homo- oder bisexuell. Die Studienautoren bemängeln, dass es bislang nur sehr wenige Daten über Schwule und Lesben gibt. Sie fordern deswegen, die Sozialberichte der Bundesregierung um das Merkmal der sexuellen Orientierung zu erweitern.


Auch der Bundesverband der Schwulen und Lesben in Deutschland beklagt eine Informationslücke. „Wir haben unzählige Umfragen, in denen gezielt nach Diskriminierung von Schwulen und Lesben gefragt wird“, sagte Verbandssprecher Ulrich der Deutschen Presse-Agentur. „Aber über andere Aspekte wissen wir noch gar nichts, etwa was das Alltagsleben oder auch die Gesundheit von LGBs angeht.“

Über die Gründe der Lohnlücke kann auch Ulrich nur spekulieren. „Die Studie differenziert leider auch nicht weiter innerhalb der LGBs“, sagte er. „Was ist etwa mit schwarzen Homosexuellen? Man wird auch über Rassismus noch mal reden müssen.“

„Eine faire und gerechte Bezahlung, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder eben auch sexueller Orientierung ist nicht nur aus ethischen Gründen geboten“, sagte die Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Personalführung, Katharina Heuer. Der Verein gilt als Karrierenetzwerk im Personalbereich. „In Zeiten des Fachkräftemangels kann sich kein Arbeitgeber Diskriminierung, in welcher Hinsicht auch immer, leisten.“