"Das schwierigste Jahr, seit es das Kino gibt"

Sven Hauberg
·Lesedauer: 6 Min.

Geschlossene Kinos, verschobene Filmstarts: 2020 war auch für die Kinos eine Katastrophe. Doch es gibt Hoffnung.

Wenn man über das zu Ende gehende Kinojahr spricht, muss man es wohl so drastisch sagen wie Christine Berg. "2020 war das herausforderndste und schwierigste Jahr, seit es Kino gibt - also immerhin seit 125 Jahren." Berg ist die Vorstandsvorsitzende des HDF KINO e.V., des größten deutschen Kinoverbandes. Sie vertritt 602 Mitgliedsunternehmen, die 3.260 Leinwände bespielen.

Wobei: Es werden weniger. "Drei bis vier Häuser", sagt Berg, seien aufgrund der Corona-Pandemie in die Insolvenz gegangen. Ob es dabei bleibt oder ob noch weitere Filmtheater schließen müssen, hängt wohl auch davon ab, wie lange der aktuelle zweite Lockdown andauert. Der Schaden, den das Coronavirus in der deutschen Kinolandschaft angerichtet hat, ist aber auch so schon immens. Mit einem Verlust von rund einer Milliarde Euro rechnet Bergs Verband. So etwas hat es tatsächlich nie zuvor gegeben.

Dabei hatte das Jahr vielversprechend angefangen, waren die Kinos in den ersten Monaten voll. "Der Aufstieg Skywalkers", der dritte und letzte Teil der aktuellen "Star Wars"-Reihe, war Ende 2019 angelaufen und spielte hierzulande in den Folgewochen rund 60 Millionen Euro in die Kassen der Kinobetreiber und des US-Filmkonzerns Disney. Die intelligente Krimifarce "Knives Out" sahen in Deutschland rund 1,2 Millionen Menschen, noch mehr lösten Tickets für die deutsche Komödie "Nightlife". Anfang Februar feierte sich dann die Filmbranche einmal mehr selbst: In Los Angeles gewann der rabenschwarze südkoreanische Film "Parasite" den Oscar als bester Film und wurde auch hierzulande ein Erfolg. Ein Oscargewinner aus Südkorea - auch das hatte es zuvor noch nicht gegeben.

Filme wie "Parasite", sagt Christian Bräuer vom Branchenverband AG Kino, würden beweisen, "wie lebendig das Kino auch jenseits der Studio-Giganten ist". Der Verband mit Sitz in Berlin vertritt die Interessen von bundesweit mehr als 300 unabhängigen Filmkunst- und Programmkinos. Als "Parasite"-Regisseur Bong Joon-ho seinen Oscar in Empfang nahm, hatte der bayerische Autozulieferer Webasto seinen Betrieb gerade geschlossen. Bei dem Unternehmen mit Sitz im Landkreis Starnberg waren die ersten Corona-Fälle auf deutschem Boden bekanntgeworden. Dass wenig später das öffentliche Leben in Deutschland zum Erliegen und die Kinos würden schließen müssen, das dachte damals aber wohl niemand.

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Erst Bond, dann Mulan

Doch dann machte ausgerechnet 007 einen Rückzieher: "Keine Zeit zu sterben", der neue James-Bond-Film, wurde Anfang März auf den Herbst verschoben (nach aktuellem Stand soll er erst im April 2021 anlaufen). Wenige Tage später mussten in Deutschland die ersten Kinos zusperren. "Die hohen Grundkosten blieben weiter, und die Einnahmen sind komplett weggebrochen", fasst Christian Bräuer die Lage zusammen. "Wirtschaftlich betrachtet eine riesige Katastrophe."

Als dann immer weitere große Filmstarts abgesagt wurden, war irgendwann klar: Das Kinojahr 2020 ist gelaufen. Wobei, nicht ganz: Ausgerechnet die Autokinos, diese vermeintlichen Relikte aus dem letzten Jahrhundert, feierten eine Renaissance. Schließlich lässt sich im eigenen Fahrzeug wunderbar Abstand halten. Was aber auch den Autokinos schmerzlich fehlte, waren gute Filme.

Denjenigen Kinos, die hierzulande schließen mussten, griff die Politik finanziell unter die Arme. "Aber wie so häufig kämpfen wir nach wie vor mit komplizierten oder nicht auf den Förderbedarf zugeschnittenen Fördertöpfen", kritisiert Christine Berg vom HDF. Unterstützung, zumindest moralisch, hätten die großen US-Studios geben können, mit einem Bekenntnis zum Kino. Aber das Gegenteil war der Fall. Im April strich Universal seinen Animationsblockbuster "Trolls World Tour" von den Startlisten und veröffentlichte ihn schließlich online, als Stream. Adam Aron, Chef der größten Kinokette der Welt, verkündete daraufhin wutentbrannt, sein Unternehmen werde künftig keine Filme aus dem Hause Universal mehr zeigen.

Gebracht hat die Drohgebärde herzlich wenig. Disney veröffentlichte "Mulan" beim hauseigenen Streamingdienst statt zu einem späteren Zeitpunkt in den Kinos. Und Warner holte gar zum Rundumschlag aus. Angefangen mit dem Superheldinnenfilm "Wonder Woman 1984" sollen alle großen Blockbuster, die das Studio zuletzt gedreht hat, bei HBO Max erscheinen. Glück für die deutschen Kinos: Hierzulande soll der Warner-Streamingdienst frühestens 2022 verfügbar sein.

Während manch Journalist schon von einem "Krieg" zwischen Kinobetreibern und Studios schrieb, sieht HDF-Vorständin Berg die Dinge gelassener. "Tatsächlich rechnen wir nicht damit, dass große Produktionen flächendeckend ins Kino abwandern. Die Umsatzzahlen der Filme, die diesen Weg gegangen sind, sprechen wohl eher nicht dafür", sagt sie. Das Kino, so Berg, "veredelt" einen Film und verschafft ihm Aufmerksamkeit. Mit Zahlen lässt sich das nicht wirklich belegen.

Wie viele Abonnenten von Disney+ sich für rund 30 Euro extra "Mulan" anschauten, darüber etwa gibt es nur Spekulationen. Einige Analysten vermuten allerdings, dass sich der Schritt für Disney gelohnt haben könnte. Wobei "Mulan" auch außerordentlich viel Aufmerksamkeit erhalten hat. "Kino", sagt Berg, "wurde bereits mit dem Einzug des Fernsehens totgesagt, und heute haben wir in Deutschland nach wie vor eine flächendeckende Kinokultur."

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Hoffen auf 2021

Einer der wenigen großen Blockbuster, die im Sommer 2020 in die Kinos kamen, war "Tenet". Als der Film von Christopher Nolan im August startete, glaubte Deutschland, aus dem Gröbsten heraus zu sein. Die Filmtheater öffneten wieder, natürlich mit ausgeklügelten Hygienekonzepten. Abstand halten, Hände desinfizieren, Alltagsmaske - auch in den Kinos galt die AHA-Regel.

"Kinos durften nur knapp ein Viertel aller Sitzplätze verkaufen", sagt Christian Bräuer. Ein kostendeckender Spielbetrieb sei so nicht möglich gewesen. Dennoch: In Deutschland spielte der Zukunftsthriller "Tenet" immerhin mehr als 16 Millionen Euro ein, deutlich mehr als "Dunkirk", Nolans letzter Film. Global betrachtet floppte "Tenet" allerdings. In den USA hatte im Sommer nur rund jedes zweite Kino geöffnet, die Verluste von Warner könnten sich auf bis zu 100 Millionen US-Dollar belaufen, vermuten Analysten. Und das trotz guter Zahlen aus China, dem mittlerweile größten Kinomarkt der Welt.

Überhaupt, China: Das Land, in dem die Pandemie mutmaßlich ihren Ursprung nahm, kam früher als die USA und Europa aus der Krise. Das zeigt sich nicht nur an den Wirtschaftsdaten, die Peking zuletzt vermeldete. Auch der erfolgreichste Film des Jahres 2020 stammt aus China: "The 800", ein patriotisches Weltkriegsepos, platzierte sich mit weltweiten Einnahmen von rund 461 Millionen US-Dollar vor all seinen Konkurrenten. Ein chinesischer Film als Nummer eins, das hatte es zuvor noch nie gegeben.

Deutschland schlitterte derweil in den zweiten Lockdown, die Kinos mussten wieder schließen. "Während der erste Lockdown unausweichlich war, hat der zweite besonders geschmerzt", meint Christian Bräuer. "Denn die Kinos haben sich in den letzten Monaten mit konsequent umgesetzten Hygienekonzepten als besonders sichere Orte bewiesen. Weltweit ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein Kino zum Infektionsherd wurde." Die Wintermonate, die wichtigste Zeit im Kinojahr, bedeuten nun Stillstand. Der aktuelle Lockdown gilt bis 10. Januar, eine Verlängerung ist trotz Impfstoff-Zulassung äußerst wahrscheinlich.

Und dennoch gilt wohl auch fürs Kino jene Floskel, die man so oft hört in diesen Tagen: Im nächsten Jahr wird alles besser. Die Startlisten der großen und kleinen Filmstudios und Verleiher sind jedenfalls voll mit hochkarätigen Filmen. Sobald die deutschen Kinos wieder öffnen, dürfte "Wonder Woman 1984" anlaufen, im März soll die heißersehnte "Ghostbusters"-Fortsetzung starten, anschließend der neue "Bond", später im Jahr dann "Top Gun: Maverick" mit Tom Cruise und die Bestsellerverfilmung "Dune". "Es gibt so viele tolle Filme in der Pipeline, die sehr schnell starten könnten", sagt auch Christine Berg. "Da könnte es eher zu einem Überangebot kommen. In jedem Fall können die Kinos diesen Moment kaum noch abwarten."

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