Die Schweiz sucht den Superfighter


Als der erste F-5 „Tiger II“ mit Donnerlärm von der Startbahn abhob, war Willy Brandt noch Bundeskanzler und im Radio lief „Am Tag, als Conny Kramer starb“. Seit dem Jahr 1972 hat sich so einiges geändert. Doch 45 Jahre nach ihrem Erstflug sind die amerikanischen Oldtimer-Jets noch immer im Einsatz, und zwar in der Schweiz.

Der Acht-Millionen-Einwohnerstaat im Herzen Europas hat eine eigene Luftwaffe. Und die will nun endlich Ersatz für ihre fliegenden Oldies. Weil auch die jüngeren Jets vom Typ F/A-18 ab 2030 ausgemustert werden, plant die Regierung nun den ganz großen Wurf: Insgesamt acht Milliarden Franken (6,9 Milliarden Euro) sollen die neuen Kampfflugzeuge und ein bodengestütztes Luftverteidigungssystem kosten. Es wäre das wohl teuerste Rüstungsprojekt der Schweiz. Doch ob die Schweizer darüber abstimmen dürfen, ist noch nicht entschieden. Kein Wunder, denn beim letzten Mal erlitt die Regierung mit ihren Plänen für einen neuen Kampfjet eine Bruchlandung. 


Die Schweizer nehmen die Sache ernst. „Ohne Luftverteidigung wäre die Bevölkerung im Fall eines bewaffneten Konflikts schutzlos Angriffen ausgesetzt“, begründete der Bundesrat seine Entscheidung. Verteidigungsminister Guy Parmelin erklärte gar, „dass sich die Situation in der Welt und für Europa geändert hat“. Das bedeute zwar nicht, dass die Schweiz im nächsten Jahr angegriffen werde. Aber wie die Welt danach aussehe, wisse niemand. Es gehe um nicht weniger „als die Zukunft der Armee und damit die Glaubwürdigkeit der Schweiz“, urteilt die „NZZ“.

Für die Schweiz geht also um einen Teil des nationalen Selbstverständnisses – und um viel Geld. Trotzdem ist noch offen, ob die Eidgenossen über die Modernisierung der Flugzeugflotte abstimmen dürfen. Das Problem: Schon einmal hatte sich die Regierung auf ein neues Modell festgelegt, machte dann aber eine peinliche Bruchlandung. Im Jahr 2014 wollte die Regierung die betagten Tiger-Jets durch moderne Jäger vom Typ Gripen ersetzen. 22 Flugzeuge des schwedischen Herstellers Saab sollten beschafft werden. Doch die Schweizer stimmten dagegen. Der Gripen, der sich damals noch in der Entwicklung befand, wurde als „Papierflieger“ verspottet. Die Gegner des milliardenschweren Projekts hielten es für sinnvoller, das Geld für andere Zwecke zu verwenden.


Eine Debatte darüber, welcher Jet der Richtige ist, will die Regierung wohl vermeiden. Dem Zeitplan zufolge will sich der Bundesrat wohl erst 2020 auf einen Typen festlegen – und damit „nach einer allfälligen Referendumsabstimmung“. Ab 2025 sollen die Flugzeuge dann an die Luftwaffe ausgeliefert werden. Soweit die bisherigen Pläne aus Bern. Doch nachdem die Schweizer über den Gripen abstimmen durften, ist der politische Druck für ein neues Referendum hoch. Viele Parteien sprechen sich für eine erneute Abstimmung aus. Verteidigungsminister Parmelin ließ am Freitag die Frage offen, ob es zu einem Urnengang kommt. „Ich habe keine Angst, das Geschäft vor dem Volk zu verteidigen“, sagte er der „NZZ“.


Vom „Golf der Lüfte“ bis zum „Problembär der Luftwaffe“


Wie viele neue Jets geordert werden sollen, dazu hat sich der Bundesrat noch nicht geäußert. Bekannt ist aber, dass fünf Modelle in die engere Auswahl kommen:

  • Die schwedische Gripen E des Herstellers Saab, der beim letzten Anlauf beim Referendum scheiterte. Damals als „Papierflieger“ verspottet, hat der Gripen seinen Erstflug inzwischen absolviert. Er gilt als vergleichsweise kostengünstige Alternative, wurde gar als „Golf der Lüfte“ bezeichnet.

  • Die amerikanische F-35A zählt dagegen zur fliegenden Oberklasse. Der Jet von Lockheed Martin ist nicht nur das modernste Modell, sondern wohl auch das kostspieligste. Rund 400 Milliarden US-Dollar verschlang die Entwicklung des Flugzeugs, das auf dem Radar so gut wie unsichtbar sein soll. Der Nachteil: Es gilt als technisch anfällig und vergleichsweise behäbig.

  • Auch die amerikanische F/A-18 Super Hornet hat Chancen. Sie ist eine Weiterentwicklung jenes Modells, das sich schon jetzt bei den Schweizern im Einsatz befindet. Die Umstellung dürfte der Luftwaffe also leicht fallen.

  • Der Eurofighter Typhoon wurde ursprünglich noch für den Kalten Krieg entworfen, aber immer wieder umgemodelt. Inzwischen sind mehr als 500 Jets ausgeliefert worden, doch mit diversen Kinderkrankheiten sorgt der Eurofighter immer wieder für Schlagzeilen, auch bei der Bundeswehr. Die Opposition verspottete den Jet gar als „Problembär der Luftwaffe“.
  • Die Dassault Rafale wurde im französischen Alleingang entwickelt, nachdem das Land aus dem Eurofighter-Konsortium ausgestiegen war. Bei der letzten Evaluation der Schweizer hatte der Jet knapp gegen die schwedische Konkurrenz verloren. Seine Bestellung wäre auch ein Bekenntnis zu den französischen Nachbarn.



Das Verteidigungsministerium der Schweiz will ab kommendem Jahr bei den Herstellern Angebote einholen. Dabei sollen sich die Lieferanten zu so genannten Kompensationsgeschäften verpflichten. Die Hersteller müssten demnach Aufträge in der Höhe des vollen Kaufpreises an Unternehmen in der Schweiz vergeben. Die Praxis ist bei Rüstungsprojekten nicht unüblich, aber umstritten. Die Regierung verspricht „maximale Transparenz“.

Und was wird aus den alten Tiger-Jets? Als die Schweizer nach der Jahrtausendwende Dutzende der schon damals betagten Kampfjets ausmusterten, fand sich dafür ein unwahrscheinlicher Käufer: Die amerikanische Luftwaffe. Die fliegenden Oldtimer sind in den USA heiß begehrt, sie dienen dort als Attrappe für feindliche Maschinen. Die US-Navy fand für das aberwitzige Tauschgeschäft sogar einen eigenen Namen, „Reverse Foreign Military Sale“. Zum ersten Mal kauften die Amerikaner von einem anderen Land Jets zurück, die sie selbst produziert hatten. Die Maschinen waren ein Schnäppchen: Im Schnitt waren sie gerademal 2500 Stunden geflogen.