Vergabe des Literaturnobelpreises 2018 wegen Missbrauchsskandals verschoben

Schwedische Akademie in Stockholm

Die weltweite #MeToo-Debatte hat auch auf den Literaturnobelpreis weitreichende Auswirkungen: Erstmals seit knapp 70 Jahren wird die Auszeichnung in diesem Jahr nicht verliehen. Die Vergabe solle kommendes Jahr parallel zur Kür des Preisträgers 2019 nachgeholt werden, teilte die Schwedische Akademie am Freitag in Stockholm mit. Damit zog sie die Konsequenzen aus der tiefen Krise, in der sie infolge eines Missbrauchsskandals steckt.

"Der Literaturnobelpreis 2018 wird zur gleichen Zeit wie der Preisträger 2019 gekürt und verkündet", teilte die Schwedische Akademie mit. "Die aktiven Mitglieder der schwedischen Akademie sind sich vollkommen bewusst, dass die aktuelle Vertrauenskrise sie zu einer langen und energischen Reformarbeit verpflichtet", wurde der Interimsvorsitzende Anders Olsson in der Mitteilung zitiert. Es sei "unerlässlich, uns Zeit zu geben, um vor der Kür des nächsten Preisträgers das Vertrauen wieder herzustellen".

Die Schwedische Akademie steckt seit Ende 2017 wegen Missbrauchsvorwürfen in einer tiefen Krise. Sechs der 18 Mitglieder legten in der Folge ihr Amt nieder, darunter die Vorsitzende Sara Danius und Katarina Frostenson, gegen deren Mann sich die Missbrauchsvorwürfe richten.

Die Zeitung "Dagens Nyheter" hatte im November im Zuge der weltweiten #MeToo-Enthüllungen berichtet, dass Frostensons Ehemann, der französische Künstler Jean-Claude Arnault, über Jahre hinweg 18 weibliche Mitglieder der Akademie, Frauen oder Töchter von Akademiemitgliedern und Mitarbeiterinnen belästigt oder missbraucht habe.

Arnault bestreitet die Missbrauchsvorwürfe. Die Staatsanwaltschaft in Stockholm stellte im März die Ermittlungen in einigen Fällen wegen Verjährung oder aus Mangel an Beweisen ein. Zu anderen Vorwürfen laufen die Ermittlungen noch.

Die Akademie kappte alle Beziehungen zu Arnault, strich die Subventionen für ein von ihm geleitetes Kulturzentrum und leitete eine interne Untersuchung ein. Sie sprach aber Frostenson mehrheitlich das Vertrauen aus - woraufhin zunächst drei prominente Mitglieder und schließlich unter wachsendem Druck weitere ihren Rückzug erklärten.

Der schwedische König Carl XVI. Gustaf erklärte nach der Absage der Preisverleihung laut Nachrichtenagentur TT als Schirmherr der Akademie, diese müsse nun daran arbeiten, ihre "wichtigen Aufgaben" wieder erfüllen zu können und "das Vertrauen zu erhalten".

"Dagens Nyheter"-Literaturkritikerin Maria Schottenius begrüßte die Entscheidung als "weise". Die Verschiebung der Preisverleihung gebe der Akademie Zeit, "ihre leeren Sitze zu füllen" und gestärkt zurückzukehren, sagte sie der Nachrichtenagentur AFP.

Jens Liljestrand von der Zeitung "Espressen" sprach laut TT hingegen von einem "Desaster" für die Akademie. Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Michelle Müntefering (SPD), erklärte in Berlin, die Verschiebung sei "ein wichtiges und richtiges Signal" für die Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen.

Die Akademiemitglieder sind auf Lebenszeit ernannt und können nicht zurücktreten, aber ihre Ämter ruhen lassen. Statt der für Neubesetzungen notwendigen zwölf Mitglieder sind derzeit nur zehn aktiv. Ein Akademiemitglied lässt bereits seit 1989 sein Amt ruhen, ein weiteres zog sich 2009 zurück.

König Carl XVI. Gustaf änderte mittlerweile die Statuten, um so Rücktritte von Mitgliedern und deren Ersetzung zu ermöglichen. Die Neuregelung gilt allerdings nicht rückwirkend.

Der Literaturnobelpreis wird seit 1901 vergeben. Aufgeschoben und im Folgejahr nachgeholt wurde die Verleihung bereits fünf Mal, zuletzt 1949. Damals erklärte die Schwedische Akademie, keiner der Kandidaten werde den Anforderungen im Testament von Stifter Alfred Nobel gerecht.

Komplett ausgefallen ist die Vergabe des Literaturnobelpreises auch schon mehrere Male, vornehmlich während der beiden Weltkriege, zuletzt 1943. Im vergangenen Jahr wurde der Brite Kazuo Ishiguro mit dem mit neun Millionen Kronen (850.000 Euro) dotierten Preis ausgezeichnet.