Schwedische Akademie erwägt Pause bei Vergabe des Literaturnobelpreises

Schwedische Akademie in Stockholm

Erstmals seit 75 Jahren könnte es wieder ein Jahr ohne Literaturnobelpreis geben: Nach den Missbrauchsvorwürfen im Umfeld der Schwedischen Akademie will die renommierte Institution am Freitag bekannt geben, ob die Verleihung 2018 ausgesetzt wird. Die Verwaltungschefin der Akademie, Louise Hedberg, bestätigte dies am Mittwoch dem schwedischen Rundfunk: "Ja, das ist wahr."

Es werde keine Pressekonferenz geben, aber eine entsprechende Erklärung veröffentlicht, sagte Hedberg. Zuvor kämen die Akademiemitglieder zusammen. Zuletzt war 1943 die Vergabe des Literaturnobelpreises ausgefallen.

Die Missbrauchsvorwürfe haben die Schwedische Akademie in eine tiefe Krise gestürzt. Sieben der 18 Mitglieder legten ihr Amt nieder, darunter die Vorsitzende Sara Danius und das Mitglied Katarina Frostenson, gegen deren Mann sich die Belästigungsvorwürfe richten.

Die Zeitung "Dagens Nyheter" hatte im November berichtet, dass Frostensons Ehemann, der Franzose Jean-Claude Arnault, über Jahre hinweg 18 weibliche Mitglieder der Akademie, Frauen oder Töchter von Akademiemitgliedern und Mitarbeiterinnen belästigt oder missbraucht haben soll. Arnault ist selbst Künstler und Leiter eines Kulturzentrums.

Die Akademie kappte daraufhin alle Beziehungen zu Arnault, strich die Subventionen für die von ihm geleitete Einrichtung und leitete eine interne Untersuchung ein. Sie sprach aber Frostenson mehrheitlich das Vertrauen aus - woraufhin zunächst drei prominente Mitglieder und schließlich unter wachsendem Druck weitere ihren Rückzug erklärten.

Arnault bestreitet wie Vorwürfe gegen ihn. Die Staatsanwaltschaft in Stockholm hatte im März erklärt, sie habe die Ermittlungen gegen den Beschuldigten mangels Beweisen eingestellt.

Die Akademiemitglieder sind auf Lebenszeit ernannt und können nicht zurücktreten; sie können aber ihre Ämter ruhen lassen. Nach der Geschäftsordnung sind mindestens zwölf Mitglieder zur Abstimmung über eine Neuaufnahme notwendig. Derzeit gibt es aber nur noch zehn aktive Akademiemitglieder.

Ein Akademiemitglied lässt bereits seit 1989 sein Amt ruhen aus Protest gegen die Haltung der Akademie zur Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie. Irans geistliches Oberhaupt, Ayatollah Khomeini, hatte 1989 alle Muslime in einem religiösen Edikt dazu aufgerufen, Rushdie wegen angeblicher Beleidigung des Propheten Mohammed in seinem Roman "Die Satanischen Verse" zu töten. Die Schwedische Akademie verurteilte dies erst 27 Jahre später.

Nach dem Missbrauchsskandal und angesichts der in ihrer Handlungsfähigkeit gelähmten Akademie wird nun in Medien bereits über das Ende des Preises spekuliert. Schwedens König Carl Gustaf, der Schirmherr der Akademie ist, willigte bereits in eine Änderung der Statuten ein, um so Rücktritte von Mitgliedern und deren Ersetzung zu ermöglichen.

Bislang wurde die Vergabe des erstmals 1901 vergebenen Literaturnobelpreises sieben Mal ausgesetzt, vornehmlich während der beiden Weltkriege: 1914, 1918, 1935, 1940, sowie von 1941 bis 1943. Im vergangenen Jahr wurde der Brite Kazuo Ishiguro ausgezeichnet.

Die Schwedische Akademie wurde 1786 von König Gustaf III. zur Förderung der schwedischen Sprache und Literatur gegründet. Neben dem Literaturnobelpreis vergibt sie mehrere weitere Preise und Stipendien, darunter den auch "kleinen Nobelpreis" genannten Nordischen Preis. Der Preis wurde 1986 zum 200. Gründungstag der Akademie ins Leben gerufen.