Nach der Schwangerschaft: Wie sich Frauen mental stärken können

(sob/spot)
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Nach der ersten Geburt finden sich Frauen in einer vollkommen neuen Rolle wieder. (Bild: Alena Ozerova / Shutterstuck.com)
Nach der ersten Geburt finden sich Frauen in einer vollkommen neuen Rolle wieder. (Bild: Alena Ozerova / Shutterstuck.com)

Schwanger werden, neun Monate darauf gebären - und fertig? Nein, so einfach ist es nicht. Nach der Geburt ändert sich für frischgebackene Mütter "alles", sagt Xaviera Plooij. Sie hat nach dem Erfolgsratgeber "Oje, ich wachse! Das Schwangerschaftsbuch" nun das Buch "Back to You" (Mosaik) geschrieben, mit dem sie Frauen in der Zeit nach der Geburt helfen möchte, sich in ihrer neuen Rolle als Mutter zurecht zu finden - sowohl körperlich als auch mental. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news erklärt die Autorin, worauf es in den ersten Monaten nach einer Geburt ankommt.

Sie sagen, eine Schwangerschaft beginnt neun Monate vor der Geburt und endet auch erst wieder neun Monate danach. Was geschieht in den neun Monaten nach einer Geburt?

Xaviera Plooij: Seien wir mal ehrlich: Jeder weiß, dass man nicht direkt nachdem man ein Baby bekommen hat, wieder in Topform sein kann. Doch momentan behandeln wir Frauen so. Das ist doch unfassbar. Nach neun Monaten der totalen Transformation - Hormone, Bauchmuskeln, Darm, Beckenboden, Vagina, Psyche, ja sogar Gehirn und Füße sind betroffen - reduzieren wir gerade Mutter gewordenen Frauen nur auf ihren Körper und die Figur. Dabei ist die Erholung nach der Entbindung komplexer als die Schwangerschaft selbst.

Wenn eine Frau entbunden hat, muss sie sich erstmal ihren alten Körper zurück erarbeiten. Dabei geht es nicht nur um die Figur, sondern um eine ganzheitliche Gesundheit, körperlich wie mental. Die Rolle im eigenen Leben muss neu definiert werden, die Beziehung zum Partner ist eine andere, Prioritäten müssen neu gesetzt werden und jede Frau muss eine Balance zwischen dem Mutter-Sein, der eigenen Beziehung, ihrem Sozial- und Arbeitsleben finden. Diese Liste könnten wir ewig fortsetzen. Alles ändert sich. In gewisser Weise wird die Frau in dem Moment, in dem das Kind zur Welt kommt, auch neu geboren.

In den ersten Tagen nach der Geburt beginnt die Regeneration, das "Zu sich selbst zurückfinden" - vielleicht sogar zu einer besseren Version seiner selbst. Das geht natürlich nicht in ein paar Wochen, so eine Regeneration dauert Monate. Es ist ein komplexer Prozess, in dem Körper, Geist und Seele sehr stark miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen. An der Entwicklung unseres "Back To You"-Programms waren deshalb zahlreiche Experten beteiligt. Indem wir die Expertisen aus allen Fachbereichen zusammengeführt haben, haben wir ein Gesamtbild des komplexen Regenerationsprozesses erhalten. Darauf basiert das ganzheitliche "Back To You"-Programm. Auch wenn Frauen heute am liebsten alles in einer 30-Tage-Challange erreichen würden und ich mir persönlich wünschen würde, dass es tatsächlich so schnell ginge - Tatsache ist, dass die Regeneration nach einer Entbindung einfach länger dauert. Das alte Sprichwort "neun Monate rauf, neun Monate runter" gibt es aus gutem Grund!

Sie sagen, es ist wichtig, nicht nur den Körper der Frau nach einer Geburt zu stärken, sondern auch die Psyche. Was verändert sich nach einer Schwangerschaft?

Plooij: ALLES! Wirklich alles verändert sich. Eine Frau, die nur für sich selbst verantwortlich war, trägt nun Verantwortung für das Leben eines kleinen Menschen - und dieses neue kleine Leben ist ihr sogar wertvoller als ihr eigenes. Aber es ändert sich noch so viel mehr: Nach der Geburt wandelt sich zum Beispiel nachweislich die Gehirnstruktur der Frau. Der Bereich des Gehirns, der auf Signale von außen reagiert, funktioniert nach der Entbindung besser - was positiv ist, denn so kann die Mutter auch subtile Signale ihres Babys besser erfassen. Aber es bedeutet ebenso, dass sie möglicherweise auf alles empfindlicher reagiert. Manche Frauen stellen sich dann die Frage, ob sie überhaupt noch die starke Person sind, die sie vor der Geburt waren oder schlimmer: Es lässt sie daran zweifeln, ob sie eine gute Mutter sind.

Dazu kommen die Hormone. Genau wie während der Schwangerschaft, kommt es nach der Geburt zu einer Verschiebung des Hormonhaushalts, an die sich Körper und Geist erst gewöhnen müssen. Und als ob das nicht genug wäre, stehen Frauen heute vor der ultimativen Herausforderung: In allem perfekt sein - als Mutter, Partnerin, Freundin und Berufstätige. Das ist unmöglich! Frauen sollten deshalb ihre Standards senken und von diesem Perfektionismus absehen. Das ist unerlässlich für die psychische Gesundheit nach der Geburt.

Körper, Geist und Seele sind miteinander verbunden. Deshalb ist es zu kurz gegriffen, bei der Regeneration nur auf die körperlichen Aspekte zu achten. Genauso falsch wäre es, nur auf die psychische Erholung zu setzen. Es ist viel komplexer. Deshalb konzentriert sich "Back To You" auf alle Aspekte der postpartalen Genesung.

Sie sprechen vom Weg zurück zum eigenen Ich. Wie können sich Frauen nach der Geburt mental stärken?

Plooij: Wichtig ist, dass Mütter anerkennen, dass sie nun eine andere Person, eine neue Version ihrer selbst sind und dass es Zeit braucht, um zu diesem neuen Ich zu finden. Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung, aber auch eine der schönsten Erfahrungen, die die Frauen jemals machen werden. Zudem sollten sich die Frauen darüber bewusst sein, wie und warum sich ihre Gehirnstruktur wandelt. Diese Strukturveränderung zu verstehen, erleichtert es, mit den neuen Gefühlen umzugehen. Und auch ganz wichtig: Nein sagen. Zu anderen aber vor allem auch zu sich selbst. Der Drang nach Perfektion macht einem in so vielen Fällen das Leben schwer.

Mütter sollten sich darüber hinaus klar machen, dass ihr Baby von ihnen abhängig ist. Damit es dem Kind gut geht, muss man also selbst in guter Verfassung sein. Wenn sich Frauen Zeit für sich selbst nehmen - auch wenn es nur ein paar Minuten am Tag sind -, sollten sie sich dafür nicht schuldig fühlen. Im Gegenteil. Es macht sie zu besseren Müttern. Schlaf und auch Ernährung beeinflussen die mentale Stärke und die Frauen müssen in dieser Hinsicht auf ihren erholungsbedürftigen Körper hören. Die Qualität der Ernährung wirkt sich zudem auf den Hormonhaushalt aus.

Und natürlich dürfen die Freunde und die eigene Beziehung nicht vergessen werden. Ja, das Baby ist die Nummer eins, aber Mütter brauchen auch ihre Freunde und ihren Partner, um sie selbst und mental stark zu bleiben.

Wie wichtig ist es für Frauen, sich nach der Geburt ausreichend Zeit im Wochenbett zu nehmen?

Plooij: Ruhe ist eine der vier wesentlichen Säulen der Genesung, oder wie wir sie nennen: eine der XL-Grundlagen. Diese Grundlagen - Haltung und Atem, Essen, Ruhe und Schlaf, Bewegung und Training - haben alle einen großen Einfluss auf die Erholung. Diese Grundlagen sollten Mütter kombinieren. Es klingt schwierig, aber wenn die Frauen wissen wie - und die richtigen Tricks anwenden -, ist es tatsächlich ganz einfach.

In vielen Ländern gehen Frauen schon wenige Wochen nach der Geburt wieder arbeiten. Was halten Sie davon?

Plooij: In einigen Ländern müssen Frauen sogar Tage nach der Entbindung zur Arbeit zurückkehren. Aber auch zu denken, dass ein guter Mutterschaftsurlaub allein ausreicht, führt dazu, dass Mütter und der gesamte Genesungsprozess nicht ernst genommen werden. Frauen sollten nach der Entbindung mindestens drei Monate zu Hause bleiben können. Und auch beim Wiedereinstieg in die Arbeitswelt sollten Kompromisse zwischen Arbeitgeber*innen und Mitarbeiterinnen gefunden werden. Einige Arbeiten können problemlos zu Hause erledigt werden, auch abends oder am Wochenende. Wenn das den Einstieg für Mütter erleichtert, warum sollte man dann weiterhin an 9-to-5 festhalten?

Tatsächlich verändert sich ja auch am Arbeitsalltag viel für Frauen, die gerade ein Kind bekommen haben. Möglicherweise müssen Arbeit und Besprechungen mit einem Zeitplan für das Abpumpen der Muttermilch in Einklang gebracht werden. Manche Frauen fühlen sich am Arbeitsplatz verloren, weil ihre Motivation nicht mehr dieselbe ist wie früher, dafür können es andere kaum abwarten, wieder an die Arbeit zu gehen. Beides ist in Ordnung! Es macht keine Frau zu einer schlechten Mutter, wenn sie gerne arbeitet. Andersherum wird man auch nicht zur schlechten Berufstätigen, wenn man Schwierigkeiten hat, das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Mutter-Sein zu finden. Die Herausforderungen enden also nicht nach dem Mutterschaftsurlaub.

Wie sollten Frauen, die gerade ihr erstes Kind bekommen haben, reagieren, wenn sie sich in der neuen Situation überfordert fühlen?

Plooij: Es gibt zwei goldene Regeln: Denke niemals, dass du die Einzige bist, die diese Situation herausfordernd findet! Und denke niemals, dass diese Zweifel dich zu einer schlechten Mutter machen! Für jede Frau ist die Geburt eines Kindes eine Herausforderung und die Tatsache, dass Mütter bis jetzt vor allem nach der Entbindung damit allein gelassen wurden, ist unglaublich. Meine Gespräche mit Experten aus aller Welt haben mir sehr geholfen, das Gesamtbild zu sehen und daraus ein Regenerationsprogramm zu entwickeln, das für alle Frauen - in all ihren unterschiedlichen Lebenssituationen - funktioniert.