Schule für illegale afghanische Flüchtlingskinder im Iran: Das Tor zu einer neuen Welt

Rund 2,5 Millionen Afghanen waren laut UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR 2016) als registrierte Flüchtlinge über die Welt verstreut. Afghanistan steht damit auf Platz zwei der Herkunftsländer. Fast eine Million dieser registrierten afghanischen Flüchtlinge leben laut UNHCR (Juli 2017) im Iran – sowie etwa zwei Millionen weitere illegale afghanische Flüchtlinge, Menschen ohne Papiere, schätzt die iranische Einwanderungsbehörde.

Statistik des UNHCR

Statistik der EU

Die Provinz Kerman im Süden des Irans ist die Provinz mit dem höchsten Anteil an Zuwanderern im Verhältnis zur Einwohnerzahl: Rund zehn Prozent der drei Millionen Einwohner sind Afghanen. Einige von ihnen kamen vor fast vierzig Jahren hierher.

Menschen zweiter Klasse

Schätzungsweise etwa 130.000 Afghanen in Kerman leben als Illegale, sie wurden nie als Flüchtlinge registriert und haben keine Papiere – und damit keine oder nur wenige Rechte, egal, wie lange sie schon hier leben. Menschen zweiter Klasse.

Der 13-jährige Said zum Beispiel, er wurde hier geboren. Als Illegaler hatte er kein Recht, in die Schule zu gehen. Bis der Iran 2015 ein Dekret verabschiedete, das allen Flüchtlingen, auch den illegalen, Zugang zu öffentlichen Schulen erlaubte. Ein Meilenstein – und für tausende Flüchtlingskinder das Tor zu einer neuen Welt. Oder, um es mit Saids Worten auszudrücken: “Ich kann alles lesen, alles, was ich will, zum Beispiel Straßenschilder oder das Rezept eines Arztes im Krankenhaus.”

#aidzone team back from #iran! Fascinating shoot to document how #refugee children are integrated in the Iranian #schooling system pic.twitter.com/tbycLQ6JKM— Monica Pinna (@_MonicaPinna) October 10, 2017

Das Dekret von 2015 in die Praxis umzusetzen, hieß zuerst einmal, dass Flüchtlingsfamilien ohne Papiere bei der Anmeldung ihres Kindes in der Schule nicht die Abschiebung riskieren. Was illegale Afghanen im Iran seit Jahren fürchten müssen.

(Mehr zum Leben der Illegalen und den Abschiebungen siehe

NZZ und Berliner Zeitung)

Ansturm auf die Schulen: Tausende neue Schüler

Außerdem mussten die Schulen für die vielen neuen Schüler vorbereitet werden. Dafür stockte auch die EU ihre finanzielle Hilfe über ihre Partner im Iran wie die Hilfsorganisation Norwegian Refugee Council (NRC) auf. Olivier Vandecasteele, NRC-Landeschef im Iran: “Wir haben rund vierzig Schulen im Land unterstützt – vor allem bei der Ausrüstung und Sanierung von Schulen, damit sie wieder geöffnet werden können: Diese Schule, die Sie hinter mir sehen, war zum Beispiel mehrere Jahre lang geschlossen. Wir haben auch etliche Programme für Kinder organisiert, die aufgrund ihres Status jahrelang aus dem Schulsystem ausgeschlossen waren. Sie brauchen deshalb Förderklassen zum beschleunigten Nachholen, um in die Schule integriert werden zu können.”

Die EU stellte für die Unterstützung der afghanischen Flüchtlinge im Iran dieses Jahr gut zehn Millionen Euro zur Verfügung, der Kommissar für humanitäre Hilfe besuchte das Land zweimal. Schließlich hat auch Europa ein gesteigertes Interesse daran, dass es den Flüchtlingen im Iran besser geht…

Caroline Birch von der Abteilung für humanitäre Hilfe der EU hat über die Jahre einen Wandel bei den Bedürfnissen der afghanischen Flüchtlinge im Iran bemerkt: “Viel hat sich verändert, seit die ersten Afghanen vor über dreißig Jahren hierher kamen. Es geht jetzt weniger ums nackte Überleben, als darum, dass die Kinder die gesamte Grundschule durchlaufen, um später zur Oberschule gehen und vielleicht sogar studieren zu können.”

Viele Kinder bleiben weiterhin zu Hause – oder müssen arbeiten

Nach Schätzungen des für Flüchtlinge zuständigen Ministeriums gehen in der Provinz Kerman weiter etwa 10.000 Kinder nicht zur Schule. Zum einen, weil ihnen die nötige Vorbildung fehlt. Auch Said musste im Sommer zum Förderkurs, um altersgerecht eingestuft werden zu können. Geldprobleme sind ein anderer Grund. Seine Mutter Fatemeh erzählt: “Letztes Jahr haben wir die Kinder in der vierten Klasse angemeldet, mussten sie aber nach ein paar Monaten wieder herausnehmen: Der Schulbus und die Gebühren waren zu teuer.”

Dieses Jahr läuft es für die Familie anders, sagt sie: “Bisher hat man uns nicht aufgefordert, etwas für die Schule zu zahlen. Ich arbeite jetzt auf einer Pistazien-Farm, mein Mann hat ebenfalls Arbeit, und Said wollte auch arbeiten gehen. So konnten wir den Schulbus bezahlen. Jeden Nachmittag arbeitet er in einem Motorradladen in der Nähe von vier bis neun.”

#Thousands of undocumented #afghan #refugees have joined #school since 2015 in #Iran. Access to #school in #iran, next week on #Aidzone pic.twitter.com/lpxzLXvXEw— Monica Pinna (@_MonicaPinna) October 19, 2017

Die Schulkapazitäten liegen immer noch weit hinter dem Bedarf zurück. In der Provinz Kerman wurden in zwei Jahren 30.000 Kinder angemeldet, ein Drittel illegale. Im Schnitt sitzen nun 40 bis 44 Kinder in einer Klasse – dabei sollten es maximal 25 sein.

Hamid Shamsaldini von der Einwanderungsbehörde rechnet vor: “Für 30.000 Schüler bräuchten wir nach dem Standard einer Klasse mit 20 bis 25 Kindern 1.200 Klassen.”

Gut 25 Kilometer nördlich der Stadt Kerman liegt Sangiabad, mitten in der Wüste. Zum Schulkomplex hier kommen die Kinder aus all den verstreuten Dörfern der Umgebung. Der Norwegian Refugee Council errichtete hier gerade ein neues Schulhaus. Vandecasteele: “Hier gab es ein Kapazitätsproblem, das wir mit diesem neuen Gebäude lösen konnten. Wir haben zehn Klassenräume gebaut, in denen 300 zusätzliche Schüler Zugang zu Bildung bekommen können.”

Eine neue Perspektive für eine neue Generation?

90 Prozent dieser Schüler sind Afghanen, und die Hälfte davon Illegale, Kinder ohne legalen Aufenthaltsstatus. Wie Amir Hossein. Zehn Jahre ist er alt und im Iran geboren. Seine Großmutter Hajar ist stolz, dass einige ihrer 21 Enkel heute endlich zur Schule gehen können – nach Jahren der Entbehrung: “Wir kamen vor dreißig Jahren aus Afghanistan, doch ein Jahr später starb mein Mann. Ich konnte die Kinder nicht zur Schule schicken. Wir hatten viele Probleme, wir haben viel gelitten. Wir hatten Heimweh, keinen Mann mehr und niemanden, der sich um uns kümmern konnte. Die Kinder waren Waisen.”

Die Kinder in die Schulen hineinzulassen und sie dort auch zu halten, ist ein substanzieller Schritt für eine ganze Generation von Menschen, die im Schatten leben – und jetzt vielleicht eine bessere Perspektive haben als ihre Eltern und Großeltern.