Schuld und Häme: Vettels rabenschwarze Nacht

Tobias Wiltschek

Vom Gipfel der Glückseligkeit ins tiefe Trauertal  - und das in gerade einmal 22 Stunden.

Es war 22.04 Uhr Ortszeit am Samstag, als Sebastian Vettel nach seinem überragenden Auftritt im Qualifying von Singapur völlig außer sich war -  vor Begeisterung, vor Adrenalin, vor Vorfreude auf das, was am Tag darauf kommen sollte.

Keiner - wohl auch er selbst nicht - wollte ernsthaft daran zweifeln, dass er auf einem seiner Lieblingskurse den Spieß im Formel-1-Titelkampf gegen Lewis Hamilton wieder herumdrehen würde. Als Pole-Setter startete er vier Startplätze vor seinem Rivalen.

Am Sonntag, 20.05 Uhr Ortszeit, ist sein Traum von der WM-Führung jäh geplatzt. Er hatte noch nicht einmal die erste Kurve erreicht, als er auf regennasser Strecke mit seinem Ferrari-Teamkollegen Kimi Räikkönen und Red-Bull-Pilot Max Verstappen kollidierte.

Wenig später drehte er sich von der Strecke. "Ich habe mich in Kurve drei gedreht, was aber daran lag, dass das Auto bereits beschädigt war", erklärte Vettel später. Er rutschte wahrscheinlich auf dem eigenen Kühlwasser aus, das in Folge des Crashs ausgelaufen war. Das Aus!

Hamilton erbt die Führung von Vettel

Doch es kam noch schlimmer: Die Führung übernahm ausgerechnet sein schärfster Rivale Hamilton. Als der seinen Vorsprung Runde für Runde ausbaute, trat Vettel den schweren Gang vor die Mikrofone der Journalisten an; niedergeschlagen, genervt, desillusioniert.


Als erster der am Unfall beteiligten Piloten schilderte der Heppenheimer im deutschen Fernsehen das Geschehen. "Ich habe den Max gesehen, wie er am Anfang Boden auf mich gut macht. Zur ersten Kurve hin wollte ich ihm die Linie ein bisschen zumachen. Im nächsten Moment hat es dann schon geknallt", sagte er bei Sky.

Zur Schuldfrage wollte er sich zunächst nicht äußern: "Wer schuld war oder nicht, ist jetzt egal. Das Rennen ist vorbei für uns."

Verstappen gibt Vettel die Schuld

Ganz anders sah das Verstappen. Der Teenager, der selbst häufig in Verdacht steht, mit mehr Risiko als Verstand zu fahren, stempelte Vettel als Sündenbock ab. "Die Schuld liegt hauptsächlich bei Sebastian. Er hat angefangen, mich einzuquetschen. Vielleicht hat er Kimi auf der linken Seite nicht gesehen. Das ist aber keine Entschuldigung", schimpfte der 19-jährige Niederländer.

Anschließend musste sich Vettel von Verstappen auch noch belehren lassen. "Wenn man um die WM kämpft, sollte man ein solches Risiko nicht eingehen", sagte der Red-Bull-Fahrer.


Ein Rennunfall sei das jedenfalls nicht gewesen, "wenn drei Autos dabei rausgeflogen sind", so Verstappen, der sich eine weitere Stichelei nicht verkneifen konnte: "Ich bin glücklich, dass nicht nur ich, sondern wir alle drei ausgeschieden sind."

Auch wenn die Rennleitung zu dem Schluss kam, dass es doch ein Rennunfall gewesen ist, stand Verstappen mit seiner Meinung nicht allein da.

"Es sind alle gleich gut weggekommen. Sebastian hat dann nach links gedrückt auf Verstappen. Er hat aber nicht gesehen, dass Kimi schon an der Mauer ist. Das hat den Unfall ausgelöst", sagte Mercedes-Aufsichtsratsboss Niki Lauda nach dem Rennen bei Sky.

Hamilton lässt sich feiern

Zu diesem Zeitpunkt ließ sich Hamilton bereits als strahlender Sieger feiern. Ein Feuerwerk hatte den Nachthimmel von Singapur erhellt, als der Brite nach gut zwei Stunden vor allen anderen über die Ziellinie fuhr - und damit seinen Vorsprung auf 28 Punkte ausbaute. (Fahrerwertung der Formel 1)

Es ist zweifellos ein Big Point für den 32-Jährigen im Titelkampf. Ausgerechnet auf der Strecke, die seinem Rivalen wie auf den Leib geschneidert schien, fuhr Hamilton den in dieser Saison bislang größten Vorsprung an der Spitze heraus.

Ob Vettel und die anderen Ferrari-Angestellten das Licht-Spektakel überhaupt noch gesehen haben, ist nicht bekannt. Der rote Kommandostand jedenfalls war schon lange vor Rennende verwaist.


"Empty feeling" stand unter dem Bild auf einem Tweet der Scuderia. Ein leeres Gefühl dürfte auch Vettel erfasst haben. Statt in Singapur mit einem Sieg Hamilton wieder hinter sich zu lassen, muss er in den sechs verbleibenden Rennen einem noch größeren Rückstand hinterherlaufen. (Rennkalender und Ergebnisse der Formel 1)

Es sei zwar "kacke gelaufen", aber "kein Weltuntergang", sagte der 30-Jährige über die Konstellation im WM-Kampf. Sein Gesicht sprach eine andere Sprache.