Scholz fühlt sich doch noch ‘Hamiltonian’: Der Tag mit Bloomberg

(Bloomberg) -- Bundeskanzler Olaf Scholz reist heute zum Weltwirtschaftsforum nach Davos, wo er nicht nur eine Reihe von Wirtschaftsbossen zum Mittagessen trifft, sondern auch eine Rede zur Lage der Weltwirtschaft und die von ihm ausgerufene deutsche “Zeitenwende” angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine halten wird. Seine Kernbotschaften brachte Scholz allerdings schon einen Tag vorher mit zu einem exklusiven Bloomberg-Interview mit Chefredakteur John Micklethwait in Berlin. Dabei zeigte sich der Kanzler überraschend zuversichtlich, dass die deutsche Wirtschaft an einer Rezession in diesem Winter vorbeischrammen dürfte.

In dem 23-minütigen Interview kam Scholz auch auf die Anstrengungen der Europäischen Union zu sprechen, den von US-Präsident Joe Biden angestoßenen grünen Subventionen des Inflation Reduction Act etwas entgegenzusetzen. Dabei ließ der Kanzler die Tür für zusätzliche Finanzierungsinstrumente auf EU-Ebene offen — machte aber auch deutlich, dass die EU-Partner sich zunächst auf die noch nicht ausgegebenen Gelder des European Recovery Fund fokussieren sollten. “I still feel Hamiltonian”, erklärte der Bundeskanzler in dem auf Englisch geführten Interview, befragt nach seiner eigenen Feststellung zur gemeinsamen EU-Schuldenaufnahme in der Covid-19-Pandemie. Diese hatte er verglichen mit der Gründungsphase der USA, deren erster Finanzminister Alexander Hamilton die Schulden der Einzelstaaten zu Bundesschulden gemacht hatte.

“Ja, das war die Botschaft, die in dieser Krise ausgesendet wurde: dass wir allen Märkten gesagt haben, dass wir zusammenhalten werden”, so Scholz im Interview. Bei der Folgefrage, ob man damit weitermachen sollte, wiegelte er freilich ab, ohne das ganz zu verneinen: “Jetzt, wo wir das getan haben, haben wir eine Menge Geld, das noch da ist, um verwendet zu werden. Es gibt gute Möglichkeiten, dieses Geld zu nutzen.”

AKTUELLE MELDUNGEN:

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  • Der Autozulieferer Continental rechnet beim Cashflow-Jahresziel nur noch mit einem Drittel des bisherigen untersten Zielwerts - wegen ausstehender Kundenzahlungen.

  • Die BASF wird für 2022 einen überraschenden Verlust ausweisen. Grund sind Abschreibungen bei der Sparte Wintershall, die aus dem Russland-Geschäft aussteigen will.

  • Die Robustheit der Wirtschaft mit Blick auf die Energiekrise erleichtert es der EZB laut Ratsmitglied Villeroy, die Leitzinsen zu erhöhen.

  • Die Bank of Japan hat ihre Stimulusmaßnahmen bekräftigt und Spekulationen, sie werde ihre Strategie ändern, einen Dämpfer erteilt. In der Folge geriet der Yen stark unter Druck.

  • Chinas Vizepremier Liu He sagte in Davos, die Wirtschaft seines Landes dürfte 2023 den Wachstumstrend von vor der Pandemie wieder aufnehmen. Die Corona-Infektionswelle habe ihren Höhepunkt überschritten.

  • Microsoft plant informierten Kreisen zufolge heute Stellenstreichungen in den Entwickler-Teams.

ANALYSEN:

  • JPMorgan-Stratege Kolanovic hat seine Aktien-Allokation erneut gesenkt. Er verwies dabei auf die bestehenden Risiken bezüglich Rezessionsgefahr und übermäßiger geldpolitischer Straffung.

  • Bunds mit kurzer Laufzeit scheinen mit Blick auf die eingepreisten EZB-Zinserwartungen verwundbar, wie Bloomberg Intelligence ausführt.

AKTIENMÄRKTE | Die meisten Börsen in Asien bewegen sich am Mittwoch wenig. Eine Rally allerdings gibt es an der Börse Tokio angesichts eines Kurssturzes beim Yen. Japans Währung fiel zum Dollar mehr als 2%, nachdem die Bank of Japan Spekulationen auf eine Abkehr von ihrem Kurs der Bondrendite-Kontrolle einen Dämpfer erteilt hat. An der Wall Street schloss der S&P 500 knapp behauptet, nachdem er zuvor vier Sitzungen in Folge zugelegt hatte. Einen Kursrutsch um 6% erlitt die Goldman-Aktie angesichts des Umstands, dass die Erträge im vierten Quartal die Erwartungen verfehlten. Die Titel von Morgan Stanley indessen schlossen über 6% im Plus. Das Wealth Management profitierte vom Zinsanstieg.

RENTENMÄRKTE | Am europäischen Staatsanleihemarkt kam es am Dienstag zu einer Rally. Laut einem Bloomberg-Bericht erwägt die EZB, ihren Straffungskurs im März zu verlangsamen. Im Februar dürfte sie die Zinsen um 50 Bp erhöhen. Geringer war der Auftrieb für Griechenland-Bonds vor dem Hintergrund einer 3,5 Milliarden Euro schweren Emission 10j Papiere. Heute beschafft Deutschland 1 Milliarde Euro über 2050-Langläufer und 1,5 Milliarden Euro über Papiere mit Fälligkeit 2053.

ROHSTOFFMÄRKTE | Die Ölpreise nähern sich dem höchsten Schlussniveau set Anfang Dezember angesichts der Erwartung, dass sich die Nachfrage in China nach der Abkehr von der Null-Covid-Strategie rapide erholen wird. Heute steht die monatliche Marktanalyse der Internationalen Energieagentur an. Der Goldpreis sinkt den dritten Tag in Folge. Im Fokus stehen die heutigen US-Daten zu Einzelhandelsumsatz und Erzeugerpreisen.

TERMINE AM MITTWOCH

  • Quartalszahlen Europa: Richemont Q3, Just Eat Takeaway.com Q4; Burberry Q3

  • Konjunkturdaten: Auftragsbestand verarbeitendes Gewerbe; Baugenehmigungen; Pkw-Neuzulassungen

  • World Economic Forum in Davos mit u.a. Reden von Bundeskanzler Scholz (15:45) und Nato-Generalsekretär Stoltenberg (17:15)

  • 11:00 EU-Verbraucherpreise Dezember (endgültig)

  • 11:30 Auktionsergebnis Aufstockung Bundesanleihe über 1,5 Mrd Euro mit Fälligkeit 15.8.2053

  • 11:30 Auktionsergebnis Aufstockung der 1,8-prozentigen Bundesanleihe über 1 Mrd Euro

  • 13:00 Bundestag, Plenum

  • US-Konjunkturdaten: Einzelhandelsumsatz, Erzeugerpreise, Industrieproduktion und Kapazitätsauslastung, Lagerbestände, Fed Beige Book

  • 16:15 Linde ao HV u.a. zum Rückzug von der Frankfurter Börse

  • Fortsetzung der Tarifverhandlungen bei der Deutschen Post (bis 19.1.)

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