Olaf Scholz haucht der SPD nach den Chaostagen neues Leben ein – und will die Mitglieder von der nächsten Großen Koalition überzeugen.

Olaf Scholz haucht der SPD nach den Chaostagen neues Leben ein – und will die Mitglieder von der nächsten Großen Koalition überzeugen.

Als der kommissarische SPD-Chef vor dem Festzelt aus seiner schwarzen Limousine steigt, gibt er sich wortkarg. Er winkt nur kurz in die Kameras, sagt, dass der politische Aschermittwoch doch ganz passend komme, wie ein Neuanfang. Dann wartet Olaf Scholz, das Sakko zugeknöpft, keine Krawatte, stumm auf den Einmarsch. Er macht kurz Fotos mit ein paar Mitgliedern, wirkt etwas nervös.

Kein Wunder, der Norddeutsche, geboren in Osnabrück und aufgewachsen in Hamburg, seit sieben Jahren Erster Bürgermeister der Hansestadt, ist nicht gerade als schwungvoller Redner bekannt. Scholz, dem schon vor Jahren der Spitzname „Scholzomat“ angeheftet wurde, wegen seines manchmal einschläfernden Duktus, ist eher ein trockener Verwalter und Gestalter. Aber auch einer, der Wahlen gewinnen kann – und davon gibt es in der SPD des Jahres 2018 nun mal nicht so viele.

Ein Jahr nachdem Martin Schulz unter tosendem Applaus und „Martin, Martin!“-Rufen ins Festzelt in Vilshofen einmarschierte und SPD-Mitglieder Schilder mit „Jetzt Schulz!“ und „Zeit für Martin!“ in den blau-weißen Zelthimmel reckten, als die SPD vom „größten politischen Aschermittwoch aller Zeiten“ redete, steht die Partei vor einem Scherbenhaufen. Erst das Hickhack vergangene Woche ums Außenministeramt, das Schulz, ganz Machtpolitiker, anfangs für sich reklamierte – und sich dann auf Druck der Basis wieder zurückzog.


Nun, am Faschingsdienstag, Schulz‘ sofortiger Rücktritt vom Parteivorsitz – samt gescheiterter Postenübergabe. Der Parteivorstand hatte Fraktionschefin Andrea Nahles einstimmig als Nachfolgerin nominiert. Schulz wollte, dass sie den Posten auch kommissarisch übernimmt. Aber auch hier rebellierte die Basis, sprach von Hinterzimmerpolitik und Kungelei. So machte die Bundes-SPD den nächsten Rückzieher: Nahles soll erst auf einem Sonderparteitag Ende April gewählt werden, bis dahin übernimmt Olaf Scholz.

„Vielen Dank für die Einladung, moin moin“, ruft Scholz von der Bühne in Vilshofen an der Donau herunter. Es gibt Applaus, aber niemand erhebt sich von den Holzbänken wie noch bei Schulz vor einem Jahr. Nur die Jusos stehen auf, halten „No Groko“-Pappen in die Höhe, fünf Minuten lang, stiller Protest. Während Scholz darüber spricht, dass die SPD viele gute Punkte in den Verhandlungen mit der Union erreicht hat, richten sich die meisten Kameras auf den Parteinachwuchs.

35 Minuten spricht der Hanseat. Es ist eine Dauerwerbesendung für die Neuauflage der Großen Koalition. „Wir haben ganz schön was erreicht für die Zukunft unseres Landes“, sagt Scholz, der wochenlang in Berlin mitverhandelt hat. „Die Bürger würden es uns nicht verzeihen, wenn wir nicht verantwortlich handeln würden.“ Computer hätten mit künstlicher Intelligenz herausgekriegt, dass zwei Drittel des Koalitionsvertrags aus dem Wahlprogramm der SPD stammen. „Wer hat noch Fragen?“, ruft er ins Zelt.

Die Anwesenden applaudieren. „Das ist ein Programm, dem man zustimmen kann.“ Was die SPD an politischer Verantwortung haben könne, sei enorm. Man müsse sich nur die Diskussionen in der CDU anschauen, um zu wissen, dass die SPD es wohl irgendwie richtig hingekriegt habe. „Nicht nur ein bayerischer Politiker hat wohl den Zenit seiner politischen Karriere überschritten, sondern wohl auch eine Frau aus dem Norden“, fügt Scholz in Anspielung auf CSU-Chef Horst Seehofer sowie Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel hinzu.

Scholz kann also doch Bierzelt. Dennoch bricht er mit den Bräuchen des politischen Aschermittwochs. Während die CSU-Redner in Passau poltern, konzentriert sich Scholz auf sein Ziel, der SPD die GroKo schmackhaft zu machen.

Seine Rede ist entsprechend kraftvoll, immer wieder ballt er die Faust, rudert mit den Händen, haut aufs Rednerpult. Trotzdem ist die Stimmung bei Weißwurst und Bier deutlich gedämpfter als noch vor einem Jahr. Beim Schulz-Auftritt 2017 mussten Besucher in den letzten Reihen stehen, heute sind etliche Holztische im Zelt leer geblieben.


Scholz sieht mit dem Eintritt in die Regierung auch eine historische Chance für Europa. Es gehe nicht mehr um Binnenmarkt oder Freihandel. „Jetzt geht es um richtige Politik“, meint er und zählt auf: Außenpolitik, Sicherheitspolitik, die Außengrenzen. „Was machen wir mit dem Arbeitsmarkt? Wie sorgen wir dafür, dass unsere Währung gut funktioniert und dass es überall gute Lebenschancen gibt?“

In Europa müsse es in den kommenden Jahren um die wirklich wichtigen Dinge gehen. Die Chance, die die Wahl des Europa-Reformers Emmanuel Macron in Frankreich bietet, dürfe man nicht verstreichen lassen. „Jetzt ist das Zeitfenster, und nicht in fünf oder in zehn Jahren, vielleicht gibt es dann gar keins mehr“, sagt Scholz. „Jetzt müssen wir handeln.“ Auf Attacken in Richtung der politischen Gegner wartet man bei Scholz vergeblich. Klar, die CSU könnte sich Hamburg beim sozialen Wohnungsbau mal als Beispiel nehmen. Aber ansonsten bleibt er relativ zahm.

Zum Schluss streichelt er noch ein wenig die gebeutelte Seele der Sozialdemokratie. Er wolle, dass die Menschen wieder auf die SPD setzten, um das Land zu regieren. Die Partei müsse den Bürgern „eine Perspektive bieten“, dann gehe es mit der Sozialdemokratischen Partei noch lange weiter. „Und es wird eine große Zukunft sein, liebe Genossinnen und Genossen.“ Scholz verbeugt sich leicht, die Besucher im Zelt erheben sich, schwenken SPD-Fahnen.

Was nach diesem Auftritt klar ist: Scholz ist neben Andrea Nahles der große Gewinner der Chaostage. „Meine Aufgabe ist eine dienende“, sagte er noch am Dienstag im Willy-Brandt-Haus. Er werde in den kommenden Wochen dafür sorgen, dass die „Geschäfte der SPD gut vorankommen“, das Mitgliedervotum wolle er „gut organisieren“.

Doch damit redet Scholz sich klein. Er wird in jedem Fall eine wichtige Rolle in der SPD spielen, womöglich auch in der nächsten Regierung. Scholz wird als Finanzminister und Vizekanzler gehandelt, sollten die SPD-Mitglieder sich für die GroKo-Neuauflage entscheiden. Dass Scholz GroKo und Ministeramt kann, hat er bewiesen: Knapp zwei Jahre diente er unter Merkels erstem schwarz-roten Kabinett bereits als Arbeitsminister.