Schnitt-Debakel "Promis unter Palmen": Diese Show ist nur noch eine Farce

Jürgen Winzer
·Lesedauer: 6 Min.

"Du kapierst es nicht, oder?" Willi Herren sagte es bei "Promis unter Palmen" (SAT.1) zu Giulia Siegel, aber er sprach vielen Zuschauern aus dem Herzen. Im Bemühen, die Wogen nach dem Pöbel-Prinz-Skandal zu glätten, hatte SAT.1 zur Schere gegriffen und das eigene Format kastriert.

Es gab keinen neuen Skandal bei
Es gab keinen neuen Skandal bei "Promis unter Palmen", Friede, Freude, Eierkuchen herrschte aber trotzdem selten. (Bild: SAT.1)

Uiuiui, dieser Schuss ging nach hinten los. "Laaaaangweilig", "War die reinste Zeitverschwendung heute", "Schämt euch, diesen geschnittenen Unsinn zu senden". 99,9 Prozent aller Wortmeldungen auf dem Instagram-Kanal von "Promis unter Palmen" (SAT.1) zerlegten die zweite Folge, die von Reality-Trash-TV wahrlich nicht mehr viel hatte.

SAT.1 hatte nach dem Riesenaufruhr um die allerdings wahrlich unsäglichen Äußerungen von Marcus Prinz von Anhalt die Konsequenz gezogen. Man schnappte sich die bereits fertig geschnittene zweite Folge und griff zur Schere. Auftrag: Bereinigen, schwere Beleidigungen entfernen. Resultat: Von geplanten 155 Sendeminuten blieben noch knapp 120. Und von denen gingen noch 32 für Werbeblöcke drauf.

Was mag wohl Ehrenrühriges in den 30 Minuten passiert sein, die da über die Wupper gingen? Haben sich die Luxuscamper am Ende über Marcus, Prinz Polter, unterhalten? Der ist, wie weiland der Wendler bei DSDS (RTL) zur "persona non grata" geworden. Wurde mit keinem Wort erwähnt und aus dem Vorspann rausgeschnitten.

"Wie kacke können Leute sein?!" Patricia Blanko wurde in der zweiten Folge von "Promis unter Palmen" rausgewählt. (Bild: SAT.1)
"Wie kacke können Leute sein?!" Patricia Blanko wurde in der zweiten Folge von "Promis unter Palmen" rausgewählt. (Bild: SAT.1)

 

Die Zuschauer rebellieren: "Wir wollen Stress und Streit"

Das kommt davon, wenn man es allen recht machen will: man scheitert. Die hektische Selbstzensur nach der medialen Empörungswelle der Vorwoche mag einen neuen Skandal verhindert haben (im Internet wurde von massivem "Mobbing" gegen Katy Bähm gemunkelt), das gesendete Endergebnis aber enttäuschte vor allem jene, für die dieses Format gedacht ist: die Trash-TV-Fans.

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"Wir wollen keine langweiligen Spiele am Strand sehen", hieß es im Internet. "Wir wollen Stress und Streit." Und die fielen den Cuttern zum Opfer. In 90 Minuten kein einziges wirklich rüdes Schimpfwort. "Bitch", war noch das Fieseste, was Melanie Müller rüde Patricia Blanco zuzischeln durfte. Weil diese - uiuiui! - die Melanie aus dem Osten als "Frau Honecker" betitelt hatte. Immerhin blieb von Melanies Sprüchen wenigstens einer übrig: "Jetzt hat sich die Elena die Mumu gezerrt!", meinte die Müllerin, als Madame Miras ("Bei mir ist was gerissen!") bei einem sinnfreien Spiel am Beach (mehrfach) mit einer Adduktorenzerrung niedersank und dick am Oberschenkel getapt wurde.

Nach dem Skandal der Vorwoche überarbeitete SAT.1 die zweite Folge und kürzte um 30 Minuten. (Bild: SAT.1)
Nach dem Skandal der Vorwoche überarbeitete SAT.1 die zweite Folge und kürzte um 30 Minuten. (Bild: SAT.1)

 

Willi Herrens Intrigantenstadl gegen Katy Bähm

Ansonsten wurden hauptsächlich die ach so reinen Promi-Gemüter verletzt. "Ich will das Geläster nicht", seufzte Patricia Blanco. "Ich schwöre, ich kann das Getuschel nicht", stöhnte Katy Bähm. "Leute, die einem ins Gesicht lächeln und dann ... Das macht mir Angst, ich komm da drauf nicht klar." Ausgerechnet Katy als Sensibelchen? Das ist ungefähr so glaubwürdig wie Willi Herren als Retter der Aufrichtigen. Auf Elena Miras' Frage "Wem kann man denn hier überhaupt vertrauen?", kennt er gleich zwei Antworten. Die offizielle: "Katy nicht. Der tut alles, um zu gewinnen - und ich glaub, der geht auch über Leichen." Und die inoffizielle, die verschwiegene: Mir am besten auch nicht.

Willi Herren, Reality-Urgestein, Dschungel-, Sommerhaus- und Ballermann-gestählt, hat sich auf Katy, die Dragqueen, eingeschossen. Wenn sich der "falsche Fuffziger" (Willi über Katy) nur unterhält, wittert Willi die Intrigen, die er selbst in konspirativ-vertraulichen Einzelgesprächen schürt. Emmy Russ, dem naiven, hübschen Blondchen ("Der Willi ist mein Ersatzpapa hier"), redete er nachhaltig ein, dass der böse Katy die liebe Emmy gar nicht so mag, wie er es tut. Und rief dann voller Verzweiflung über das Schlechte in der Welt (und in Katy) aus: "Macht man denn alles, um ans Ziel zu kommen?"

Jaha, wollte man ihm zurufen. Als wär der dauerklamme Willi nur wegen der Sonne da und nicht wegen der Siegprämie von 100.000 Euro.

Alle gegen Kathy Bähm? Giulia Siegel hielt sich beim Intrigieren gegen die Dragqueen vorerst (noch) raus. (Bild: SAT.1)
Alle gegen Kathy Bähm? Giulia Siegel hielt sich beim Intrigieren gegen die Dragqueen vorerst (noch) raus. (Bild: SAT.1)

 

Krönender Höhepunkt der schrägen Schnitt-Show

Der Witz von Folge zwei blühte im Verborgenen. Behämmerte Halbpromis mit dem Kopf "Hau den Lukas" spielen zu lassen, also quasi "Promis mit Brett vorm Kopf", das hatte durchaus Charme. Oder rührend offene Bekenntnisse wie das von Kate Merlan, die im Intrigantenstadl irgendwann stöhnte: "Die kriechen sich alle gegenseitig in den Ar..., da hab ich keinen Bock drauf." Sie suchte wohl Trost im Alkohol, jedenfalls wirkte bei der Ausschlusszeremonie stramm wie 'ne Axt und orientierungslos wie im Blindflug: "Hab ich alles richtig gemacht?"

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Die Wahl des Campausscheiders geriet zum krönenden Höhepunkt der schrägen Schnitt-Show: eine peinliche Farce. Im Headbanger-Spiel "Hau den Lukas" hatten Melanie Müller und Katy Bähm gewonnen und wurden zu Teamkapitäninnen ernannt. Katys Team (mit Henrik Stoltenberg, Elena Miras, Chris Töpperwien, Kate Merlan und Emmy Russ) siegte dann beim Strandspiel "Baby Baby Balla Balla". Das hatte zur Folge, dass der Loser-Coach (Melanie) zwei Mitglieder des eigenen Teams auf die Abschussliste setzten musste. Und Katy und sein Team übernahmen dann die Rauswahl.

Willi Herren holte sich beim Spiel
Willi Herren holte sich beim Spiel "Hau den Lukas" eine geprellte Nase. (Bild: SAT.1)

 

Patricia Blanco ist raus: "Wie kacke Leute sein können!"

Melanie Müller, in zig Reality-Formaten ("Bachelor", "Dschungelcamp", "Promi-Boxen") taktisch gestählt, wählte Patricia Blanco ("Die ist langweilig") und Calvin "Hat nen" Kleinen, den sie eigentlich wirklich loswerden wollte ("Wär geil, wenn der geht"). Ihre Taktik ging nicht auf.

Denn "Team Katy" trat als geschlossene Einheit auf: Jeder einzelne versicherte Patricia wortreich, dass sie eine tolle Frau und total lieb und überhaupt ganz klasse sei - und dann gab doch jede/r seine/ihre Stimme zum Bleiben dem Muskelmän.

Patricia war fassungslos und sauer. Es regnete Erkenntnisse. "Wie kacke Leute sein können", wurde ihr klar. Ihre Abrechnung folgte in der Anschlusssendung "Late Night Show" mit Jochen Bendel und Melissa Khalaj: "Was ich in dieser Show gesehen habe, übersteigt alles. Ich hab auf Niveau und Klasse gewartet, aber da kam nix." Typischer Fall von denkste.

Melanie Müller gewann das
Melanie Müller gewann das "Hau den Lukas"-Spiel und wurde zur Teamkapitänin ernannt - Ausscheiden ausgeschlossen. (Bild: SAT.1)

Patricia ist raus. Das Ränkespiel - das aufgrund der Schneidetechnik von SAT.1 im Zeremonie-Showdown aber kaum einer verstand - regte Willi Herren so auf, dass er einmal so richtig die ungefilterte Wahrheit sprach, das Wort zum missratenen Abend sozusagen: "Leute, ist das schlecht!"

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