Er schnappte Daimler einen Milliarden-Auftrag weg und überholte aus dem Stand BMW: Wie gefährlich wird der Rivian-Chef für die deutsche Autoindustrie?

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Rivian-Chef Robert J. Scaringe.
Rivian-Chef Robert J. Scaringe.

Bis Ende Oktober hat der US-Elektroautohersteller Rivian lediglich 189 Fahrzeuge produziert. Nun folgte an der Technologiebörse Nasdaq der größte Börsengang der Elektroautogeschichte. Das Unternehmen ist mehr wert als der traditionsreiche deutsche Autobauer BMW und will auch dem Konkurrenten Tesla den Markt streitig machen. Hinter dem Erfolg steht Rivian-Chef Robert J. Scaringe. Der 38-Jährige fädelte Milliarden-Deals mit Amazon ein und hat auch vor etablierten Herstellern keine Angst. Viele vergleichen ihn mit Tesla-Chef Elon Musk – doch die Unterschiede könnten nicht größer sein.

Dabei liegen die Parallelen zwischen Rivian und dem großen Vorbild Tesla auf der Hand. Wie Tesla setzt Rivian voll auf den E-Antrieb. Wie Tesla verkauft Rivian seine Fahrzeuge ohne Zwischenhändler direkt an die Kunden. Und wie Tesla will auch Rivian ein landesweites Ladesäulennetz aufbauen.

Doch Rivian-Chef Scaringe unterscheidet sich stark vom Exzentriker Musk. Während der Tesla-Milliardär durch bizarre Bühnen- und Internetauftritte auffällt, ist Scaringe eher im Hintergrund aktiv und gilt als ruhiger, ausgeglichener Ingenieur. Schon mit 18 Jahren hegte er den Traum einer eigenen Automarke. Nachdem er seinen Doktortitel am Massachusetts Institute of Technology (MIT) erlangte, verwirklichte der damals 26-Jährige schließlich seinen Traum und gründete Rivian.

Dass sein Auto mithilfe von Elektrizität und nicht fossilen Brennstoffen angetrieben werden soll, ist eine Entscheidung aus Überzeugung. Das Klima ist dem US-Amerikaner wichtig. So soll Scaringe einmal versucht haben, seinen CO2-Fußabdruck zu verringern, indem er nur noch zu Fuß und mit dem Rad unterwegs war, sich kalt duschte und seine Wäsche per Hand wusch. Der erste Deal mit US-Autobauer Ford platzte zudem, weil ihn die Konzernchefs in ein Steak-House eingeladen hatten. Scaringe lehnte ab. Denn er ist Veganer.

Scaringe scheut das Risiko nicht

Auch auf den sozialen Netzwerken hält sich Scaringe auffällig zurück. Auf Twitter folgen dem Unternehmer knapp 50.000 Nutzer. Gepostet wird nur sporadisch. An Musk mit seinen 63 Millionen Followern kommt Scaringe bei Weitem nicht heran. Doch das muss er auch nicht. Denn Scaringe hat sich in der Vergangenheit vor allem dadurch ausgezeichnet, das Risiko nicht zu scheuen – vielleicht sogar mehr als sein Konkurrent Musk.

Als Tesla an die Börse ging, konnte das Unternehmen einen Jahresumsatz von umgerechnet 100 Millionen Euro vorweisen. Der Umsatz bei Rivian liegt bisher bei null. Stattdessen machte der Autobauer seit 2020 über zwei Milliarden US-Dollar Verlust, wie aus "SEC-Unterlagen" hervorgeht. Scaringe selbst hält indessen nur 1,1 Prozent der Aktien an Rivian. Der größte Anteil gehört stattdessen Investor Amazon (19 Prozent). 2020 lag sein Gehalt bei 1,3 Millionen Euro, wie das "Manager Magazin" berichtet. Nach dem Börsengang sind seine Anteile nun auf einen Wert von zwei Milliarden Dollar gestiegen. Eine riesige Summe. Doch auch hier im Vergleich mit Musks Aktienpaket im Wert von 170 Milliarden Dollar nur Peanuts.

Die beiden Rivian Pick-up-Trucks auf dem Times Square in New York.
Die beiden Rivian Pick-up-Trucks auf dem Times Square in New York.

Doch Scaringe will sich vor dem Tesla-Chef nicht verstecken. Und das muss er auch nicht, wie der Börsengang von Rivian zeigt. Der Tesla-Rivale platzierte 153 Millionen Anteile zu 78 Dollar je Stück. Der Erlös lag am Ende bei 11,9 Milliarden Dollar. Rivian wird nun mit 76,4 Milliarden Dollar bewertet und ist damit mehr wert als BMW (68,4 Milliarden Dollar).

Der Milliarden-Deal mit Amazon

Der Rivian-Boss will nun den Hype um seinen Autobauer nutzen. Das Pick-up-Modell R1T und der E-SUV R1S sollen beide noch in diesem Jahr an den Start gehen. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen über 7000 Mitarbeiter. Die Jahresproduktion der Fahrzeuge soll im kommenden Jahr auf bis zu 50.000 steigen. Neben einem zweiten Werk in den USA ist auch ein Werk in Europa geplant. Auch Deutschland ist in der engeren Standortauswahl.

In dem europäischen Werk sollen zumindest anfangs nur Nutzfahrzeuge vom Band laufen. Diese werden Amazon dabei helfen, seine selbst gesteckten Klimaziele zu erreichen. Das US-Unternehmen möchte bis 2040 komplett klimaneutral werden und hat deshalb bei Rivian die Fertigung Tausender elektrisch angetriebener Lieferwagen in Auftrag gegeben. Im Rennen um den Auftrag war damals auch Daimler, deren E-Sprinter als eine der besten auf dem Markt gelten. Doch Daimler bewegte sich zu langsam, die E-Version des Sprinters auch in die USA zu bringen. Dort gab es zu diesem Zeitpunkt nur die Verbrenner-Variante. Der deutsche Hersteller schloss am Ende lediglich einen Vertrag mit Amazon über 1800 Fahrzeuge für Europa ab. Den wirklich großen Fisch zog dagegen Rivian an Land.

Die Rivian-Lieferflotte für Amazon.
Die Rivian-Lieferflotte für Amazon.

Der Deal ist für Rivian nicht nur lukrativ, sondern hat dem kleinen Autobauer auch eine Menge Aufmerksamkeit beschert. Schließlich hat niemand geringeres als Jeff Bezos den Vertragsabschluss verkündet. Die Auslieferungen sollen noch 2021 starten. Bis zum Ende der Dekade soll Amazons Flotte dann insgesamt 100.000 Rivian-Transporter umfassen. Die auffallend gestylten und für die „last Mile“ konzipierten Lieferwagen sollen international eingesetzt werden und auf lange Sicht jährlich bis zu vier Millionen Tonnen CO2 einsparen. Über den Antrieb der Kastenwagen schweigen sich sowohl Amazon als auch Rivian noch aus. Unter der Karosserie dürfte jedoch zu großen Teilen die DNA der PKW-Modelle von Rivian stecken

Angriff auf Daimler, BMW und Co.

Nach Angaben des E-Auto-Startups werden seine zwei ersten Fahrzeuge eine Kombination aus Geschwindigkeit, Reichweite und Stauraum haben, an die die Konkurrenz nicht rankommt. Bei dem R1T Pick-up-Truck und dem R1S SUV gibt es keine Kompromisse, sagt das Unternehmen. "Auf der Straße sind die Autos wirklich außergewöhnlich — sie übersteigen alles, was ein Performance-SUV bietet", sagte Scaringe einst zu Business Insider in einem Interview. Dabei war der Marktstart für den R1T bereits im vergangenen Jahr geplant. Die Auslieferung wurde dann zuerst auf Juli 2021 angesetzt, um dann erneut auf das Jahresende verschoben zu werden. Doch diesmal soll es wirklich klappen. Die Basisversion des Pick-ups wird 67.500 Dollar, also umgerechnet rund 57.160 Euro kosten. Der familienfreundliche und etwas besser ausgestattete SUV R1S ist mit einem späteren Basispreis von 70.000 Dollar (59.278 Euro) etwas teurer.

Damit Rivian Marken wie BMW, Audi oder Mercedes gleich beim ersten Versuch schlagen kann, braucht das Unternehmen einen Vorteil, den die Konkurrenten laut Scaringe nicht haben: "Ich glaube, die wichtigste Sache, die wir haben, ist eine weiße Weste." Indem das Unternehmen bei null anfängt, könne Rivian viel schneller als herkömmliche Autohersteller vorankommen. Anstatt zu versuchen, Dinge, die für benzin- oder dieselbetriebene Autos entwickelt wurden, in elektrische Autos zu pressen, könne Rivian den besten Weg finden, von Grund auf ein elektrisches Auto zu designen. Manche luxuriöse elektrische Autos etablierter Konkurrenten wie der Audi e-tron und Mercedes-Benz EQC werden auf Plattformen gebaut, die für Autos mit Verbrennungsmotoren ausgelegt sind. Nicht so die Fahrzeuge von Rivian.

Scaringe im Interview-Gespräch.
Scaringe im Interview-Gespräch.

„Es ist eine Balance zwischen den Vorteilen, eine enorme Beweglichkeit, Geschwindigkeit und neue Technologie zu haben, ohne die Handschellen der Altlasten zu tragen“, sagt Scaringe. „Das sind die positiven Aspekte davon, ein neues Unternehmen zu sein. Natürlich haben wir aber nicht die Dimensionen, die Kaufkraft oder das Kapital, das ein etablierter Player vielleicht hat.“ Das sagte Scaringe damals vor dem Börsengang. Nun hat sein Unternehmen nicht nur die Ambitionen und Ideen, sondern auch die finanziellen Möglichkeiten, sich auf dem Markt zu etablieren.

Am Ende ist es dann allerdings doch der Vergleich mit Tesla, der hängen bleibt. Scaringe und Musk mögen sich als Personen unterscheiden, doch ihre Unternehmen verbindet ein entscheidender Aspekt. Rivian und Tesla sind aktuell stark von ihren Chefs abhängig. Das schreibt Rivian sogar an potenzielle Investoren, wie das "Manager Magazin" berichtet. Eine ehemalige Managerin warf dem Rivian-Chef in einem Blog-Eintrag zudem vor, dass er eine "toxische Bro-Culture" geschaffen habe. Scaringe sei beim Autobauer von einer männlichen Riege von Ja-Sagern umgeben, deren klarer Anführer er sei. Vorwürfe, die man auch von Elon Musk bei Tesla kennt.

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