Schlussrunde der Spitzenkandidaten: AfD-Vize Gauland über AfD-Chefin Petry: Ich kann sie nicht verstehen

Alexander Gauland, Bildquelle: Screenshot ZDF

Erst sagte die Bundeskanzlerin ab, dann ihr Herausforderer. Angela Merkel (CDU) wollte nicht in der Talkshow „Schlussrunde der Spitzenkandidaten“ sitzen. Kurz darauf erklärte auch SPD-Kandidat Martin Schulz, die gemeinsam von ARD und ZDF veranstaltete Sendung zu meiden. Obwohl Merkel nicht im Studio saß, drehte sich die Diskussion am Donnerstagabend fast eine halbe Stunde lang um die abwesende Titelverteidigerin. „Woher kommt dieser Hass, der Merkel vor allem im Osten entgegenschlägt?“, wollten die Moderatorinnen Bettina Schausten und Tina Hassel wissen. Gemeint waren jene Leute, die Merkels Wahlkampfveranstaltungen tobend und trillerpfeifend – nun ja – begleiten.

Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Ursula von der Leyen mutmaßte: „Dahinter steckt das Gefühl, dass die eigene Lebensleistung nicht anerkannt wird.“ Eine, sagen wir mal, sehr beschönigende Sicht. Bei einem Merkel-Auftritt im sächsischen Bitterfeld formulierte beispielsweise eine junge Frau ihre Sorge über die mangelnde gesellschaftliche und finanzielle Würdigung ihres Engagements, in dem sie der Kanzlerin entgegenschrie: „Diese Irre soll uns mehr Geld geben.“

Katrin Göring-Eckardt von den Grünen behauptete in der gestrigen Sendung, dass die „Alternative für Deutschland“ hinter den Protesten steckt. „Die AfD hat Leute mit Bussen zu den Anti-Merkel-Kundgebungen angekarrt, die nichts weiter zu tun hatten, als zu brüllen.“ Aber es sei keine Option, Hass und Hetze zu verbreiten, so Göring-Eckardt.

Früher versammelten sich die Protestwähler hinter der Partei Die Linke, mittlerweile hinter der AfD. „Warum ist das so?“, wollten die Moderatorinnen wissen. Linken-Ikone Sahra Wagenknecht lieferte eine bemerkenswerte Antwort: „Wir haben uns in der Flüchtlingsfrage am Anfang einiges zu leichtgemacht und Probleme nicht angesprochen.“ Das war offensichtlich eine Kritik an der Willkommenskultur für Flüchtlinge, die auch Mitglieder der Linken pflegen. Im Gegensatz zur Mehrheit ihrer Partei, hatte Wagenknecht von „Gefahrenpotentialen“ gewarnt, die von den Asylbewerbern ausgehen würden.

Die Moderatorinnen Bettina Schausten (ZDF) und Tina Hassel (ARD) führten durch den Polit-Talk. Foto: ARD-Hauptstadtstudio/ZDF/Svea Pietschmann

Kein Wunder, dass Wagenknecht für solche Äußerungen Beifall von AfD-Vize Alexander Gauland erntete. „Was Frau Wagenknecht sagt, ist richtig. Die Menschen haben das Gefühl, dass durch die Flüchtlingspolitik verloren geht, was sie sich erarbeitet haben und das mündet manchmal in Wut“, schlussfolgerte Gauland. Im Übrigen werde auch er bei öffentlichen Auftritten niedergeschrien.

Offen sprach Gauland über das tiefe Zerwürfnis zwischen ihm und seiner Parteivorsitzenden Frauke Petry. Die sächsische Landtagsabgeordnete Petry hatte Verständnis für bürgerliche Wähler gezeigt, die sich von der AfD abwenden. Hintergrund war Gaulands Begeisterung für die deutsche Wehrmacht, von der sich Petry entsetzt zeigte. Gestern erklärte Gauland dazu: „Ich kann Frau Petry nicht verstehen, man sollte die eigene Leute nicht in Zweifel ziehen.“

CSU-Mann Herrmann warnt vor Hausbesetzern

Ansonsten plätscherte die Talkshow dahin, wie schon dutzende Talkshows in den Wochen zuvor. Alle Parteienvertreter präsentierten zum x-ten Mal ihr jeweiliges Mantra. Joachim Herrmann freute sich mal wieder, dass es in Bayern keine besetzten Häuser gibt und behauptete, im Freistaat sei sowieso alles besser, als im Rest der Republik. Speziell in Hamburg und Berlin habe man das Feld quasi den Chaoten überlassen, diagnostizierte Herrmann, der – so wird kolportiert – nach der Wahl aus dem Weißwurstparadies ausgerechnet in die Anarchisten-Hochburg Berlin umziehen will. Tapfer, der Mann.

Sahra Wagenknecht forderte Steuererhöhungen für Reiche und mehr soziale Gerechtigkeit, Ursula von der Leyen lobte Merkel, Göring-Eckhardt sorgte sich um die Qualität von Kitas und der FDP-Chef Christian Lindner beschwerte sich, dass die Runde nur über die „abwegigen Äußerungen“ der AfD debattiere.

Gauland schwächelt bei Sachthemen

Apropos AfD: Deren Vertreter Alexander Gauland demonstrierte, wie wenig Bedeutung seine Truppe konkreten Sachthemen schenkt.

Beispiel Rente: „Ich gebe zu, dass wir kein ausgearbeitetes Rentenkonzept haben“, erklärte Gauland.

Beispiel Bildungspolitik: Während die Politiker der anderen Parteien über die Finanzierung von Bildung durch Bund und Länder stritten, erklärte Gauland: „Es gibt Epochen der deutschen Geschichte, die im Unterricht zu kurz kommen.“ Woran er das festmacht? Daran, dass AfD-Mitglieder als Nazis beschimpft werden, so Gauland. Bei einem angemessenen Geschichtsunterricht würde das niemand behaupten, behauptete Gauland. Möglicherweise hat der AfD-Vordenker vergessen, dass er selbst erst kürzlich von der deutschen Wehrmacht geschwärmt hat und eine türkischstämmige Politikerin „entsorgen“ wollte oder dass Parteifreunde einen Erinnerungsort an den millionenfachen Mord an Juden als „Mahnmal der Schande“ bezeichnen.

Beispiel Umweltpolitik: Eine Energiewende sei „Unsinn“, denn 95 Prozent des deutschen Kohlendioxid-Ausstoßes sei nicht menschengemacht, erklärte Gauland.

Am Ende sollten alle Politiker das Wahlergebnis für ihre Parteien prognostizieren. Genauso gut hätten ARD und ZDF eine alte Folge Astro-TV ausstrahlen können, in der alberne Animateure die Zukunft aus Glaskugeln oder Skatkarten vorhersagen. Der Erkenntnisgewinn wäre ähnlich. Die gute Nachricht: In zwei Tagen ist Bundestagswahl und die Frage: „Wer bekommt wieviel Stimmen?“ wird ersetzt durch die Frage: „Wer koaliert mit wem?“

Autor: Frank Brunner

Im Video: Welche Prognosen geben andere Europäer zur Bundestagswahl ab?


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