Das Ende von Klopps Heavy-Metal-Fußball

Lukas von Hoyer
·Lesedauer: 5 Min.

Jürgen Klopp ist um Worte selten verlegen, um die Rückschläge des FC Liverpool zu begründen. Doch wie kann er sein Team wieder in die Spur führen?

Als am Sonntagabend der Schlusspfiff in Anfield ertönte, da war Jürgen Klopp mit Sicherheit klar, dass die Mission Titelverteidigung gescheitert ist.

Der Coach des FC Liverpool hatte mit seinem Team gerade eine herbe 1:4-Pleite gegen Dauerrivale Manchester City kassiert, als er an den Mikrofonen erklärte, dass er eigentlich ganz zufrieden mit der Leistung seines Teams gewesen sei. Das einzige Problem: "Wir haben City zwei Tore geschenkt."

Überraschende Aussagen, wenn man bedenkt, dass Liverpool nun zehn Punkte hinter City steht und es gleichzeitig nicht lange her ist, dass die Reds das Maß aller Dinge in der Premier League und vielleicht sogar ganz Europa waren. Nun reichen also zwei individuelle Fehler aus, um eine 1:4-Heimniederlage zu kassieren?

Quatsch, meint Manchester-United-Legende Roy Keane. "Sie sind schlechte Champions", wurde er in seiner Rolle als TV-Experte deutlich.

Die Ausreden des Jürgen Klopp

Die ständigen Ausreden, die Klopp finde, gehen Keane auf die Nerven.

Tatsächlich scheint der deutsche Trainer derzeit Woche für Woche neue Gründe dafür zu finden, warum sein Team sportlich momentan einfach nicht im Meisterrennen mithalten kann. Die Mannschaftsleistung ist dabei selten das Problem.

Nun ist dieses Phänomen nicht ganz neu. In England wird Klopp praktisch schon seit seiner Ankunft als "König der Ausreden" bezeichnet. Mal ist es das Wetter, dann der Schiedsrichter und manchmal eben eine einzelne Situation des Spiels.

Doch die derzeitigen Begründung lassen den Schluss zu, dass Klopp recht ratlos - vielleicht sogar hilflos - ist, wie Liverpool wieder zurück in die Spur finden kann.

Seine zunehmende Dünnhäutigkeit, deren Opfer gerade ein israelischer TV-Journalist wurde, erinnert an seine letzte Saison in Dortmund, in der er mit dem BVB nach der Hinrunde auf dem letzten Tabellenplatz lag und um Ausflüchte ebenfalls nicht verlegen war. So bezeichnete er einen Journalisten als "Seuchenvogel", weil Dortmund immer verliere, wenn der Reporter anwesend sei.

Mit Liverpool steckt Klopp nun erneut bin einer schwierigen Situation, denn der Meister droht auf Rang vier liegend die Qualifikation für die Champions League zu verpassen. (Service: TABELLE der Premier League)

Klopp will mit seinen Erklärungen womöglich von den Problemen der Mannschaft ablenken. Doch welche hat sie konkret? Und an welchen Stellschrauben kann Klopp noch drehen?

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Die Verletzungsmisere der Reds

Nicht Wegzureden ist ein Problem der Reds, das auch Klopp immer wieder in den Mittelpunkt hebt: Die Serie von Verletzungen.

Bereits Mitte Oktober hatte sich Abwehrchef Virgil van Dijk eine schwere Knieverletzung zugezogen, wenig später folgten Verteidigerkollege Joe Gomez und zu Jahresbeginn Joel Matip ins Lazarett.

Ausfälle, die in dieser Form kaum zu kompensieren sind. Klopp wird es mit den Neuzugängen Ben Davies und Ozan Kabak versuchen. Letzterer kam im Winter auf Leihbasis vom FC Schalke. Ob er schnell helfen kann, ist aber fraglich.

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Gegen Manchester City spielte Klopp mit Jordan Henderson und Fabinho in der Innenverteidigung - beide sind eigentlich im defensiven Mittelfeld beheimatet. Das reißt eine andere Baustelle Problem auf: Im Mittelfeld fehlt es an allen Ecken und Enden. Das war gegen die Skyblues längst nicht zum ersten Mal auffällig.

Hinzukommt der Ausfall von Diogo Jota, der enorm schmerzt. Der Portugiese war im Sommer von den Wolverhampton Wanderers gekommen und hatte praktisch sofort überzeugt. In der Offensive ist in seiner Abwesenheit deutlich weniger los.

Die individuellen Fehler

Persönliche Blackouts sind auch eines der Probleme, die Klopp dauerhaft anspricht.

"Wir können die Fehler von Alisson nicht wegreden, wir müssen nicht drumherum reden", sagte der 53-Jährige am Sonntag: "Es gibt keinen wirklichen Grund, vielleicht hatte er kalte Füße. Klingt komisch, könnte aber sein. Trotzdem gibt es die Möglichkeit, den Ball auf die Tribüne zu hauen."

Tatsächlich häufen sich die individuellen Fehler von Woche zu Woche, und auch Alisson hatte gegen City nicht zum ersten Mal nicht gut ausgesehen.

Klar, Fehler passieren. Aber mentale und körperliche Aussetzer haben auch Gründe. Diesen muss Klopp auf die Spur kommen - so schnell wie möglich.

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Thiago noch kaum ein Faktor

Im Sommer holten die Reds Thiago als Last-Minute-Transfer vom FC Bayern. Der Spanier ist an der Anfield Road aber noch nicht so wirklich angekommen.

Der Start war mit einer Corona-Erkrankung denkbar ungünstig, seitdem sind aber schon einige Monate vergangen. Klopp hat es noch nicht geschafft, Thiago in sein Pressing-System so einzubauen, dass er den Spielrhythmus der Mannschaft konstant mitbestimmt.

Wenn sich das ändern würde, dann wäre das im schwächelnden Mittelfeld eine große Hilfe.

Das kräfteraubende Spiel

Es drängt sich der Eindruck, dass Klopps Team das kräfteraubende Spiel einholt, dass der Coach seit jeher praktizieren lässt. Schluss also mit dem Heavy-Metal-Fußball? Es scheint so.

Nach drei Jahren Dauerfeuer der Reds wirken die Spieler platt und müde im Kopf. Das zeigt sich beispielsweise in einfachen Abspielfehlern von Mohamed Salah, die dem Superstar in der vergangenen Saison wohl im Schlaf nicht unterlaufen wären.

In Kombination mit der Verletzungs-Misere gewinnt der Faktor Kraft noch an Bedeutung, und diese scheint der FC Liverpool einfach nicht mehr zu haben. Auch das ist eine Parallele zu Klopps Zeit beim BVB, als die Borussen das Tempo ihres eigenen Trainers irgendwann einfach nicht mehr mitgehen konnten.

Der Fußball von Klopp funktioniert nur mit Vollgas. Also muss er es schaffen, dass sein Team in wichtigen Situationen und Spielen voll da ist. Die aktuelle Terminhatz lässt allerdings kaum Zeit für entsprechendes Training.

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Muss der FC Liverpool nachrüsten?

Wer einen Blick nach vorne wirft, der wird sich fragen, ob und wie die Reds im Sommer nachlegen müssen - um den Titel zurückzuerobern.

Jamie Carragher glaubt, dass Liverpool drei neue Spieler braucht. "Einen Innenverteidiger, jemanden, der (Georginio) Wijnaldum ersetzt und jemanden, der für die vordere Dreierkette kommt", beschrieb er bei der Mail näher.

Die Reds-Legende spricht schon jetzt davon, dass man sich nach einer enttäuschenden Saison ausgerechnet ein Beispiel an Manchester City nehmen sollte.

Nach einer Meisterschaft und der verpassten Titelverteidigung - die nun so gut wie sicher ist - zurückschlagen, heißt das Motto.

VIDEO: Wo steht Klopp nach der klaren Pleite gegen Manchester City?