Schleuser vor deutscher TV-Kamera: "Pro Geflüchteten nehmen wir 12.000 Dollar"

·Lesedauer: 7 Min.
"Der Schlepper-Job bedeutet Lügen. Wenn du nicht lügst, kannst du diesen Job nicht machen!" - Der Schleuser spricht im Interview mit Olivia Kortas erstaunlich offen in die Kamera von Christoph Kürbel. Die Reporter vom funk-Format "Y-Kollektiv" zeigen die Sequenzen in ihrer packenden  Reportage "Todesfalle Belarus: belogen, abgezockt, erfroren". (Bild: Sendefähig / funk)
"Der Schlepper-Job bedeutet Lügen. Wenn du nicht lügst, kannst du diesen Job nicht machen!" - Der Schleuser spricht im Interview mit Olivia Kortas erstaunlich offen in die Kamera von Christoph Kürbel. Die Reporter vom funk-Format "Y-Kollektiv" zeigen die Sequenzen in ihrer packenden Reportage "Todesfalle Belarus: belogen, abgezockt, erfroren". (Bild: Sendefähig / funk)

Was ist eigentlich gerade an der polnisch-belarusischen Grenze los? Und warum ist kaum eine Besserung der Lage in Sicht? Zwei investigative Reporter des funk-Formats "Y-Kollektiv" haben über die Hintergründe eine packende Reportage gedreht.

"Während wir diesen Film machen, sterben hier Menschen." - Olivia Kortas und Christoph Kürbel stellen eine wuchtige Botschaft an den Beginn ihrer Reportage über die Situation an der östlichen EU-Außengrenze. Wobei so ein markiger Satz angesichts des aussagekräftigen Titels - "Todesfalle Belarus: belogen, abgezockt, erfroren" - kaum noch nötig gewesen wäre.

Ohnehin ist, wenn wir ehrlich sind, die Lage hinlänglich bekannt - sie spielte nur medial zuletzt keine große Rolle mehr. Viele Flüchtende, die aufgrund falscher Versprechungen einer schnellen Weiterreise nach Polen und in die EU aus dem Nahen Osten nach Belarus kamen, befinden sich in einer akuten Notlage. Die Situation ist verfahren. Polen hält die Grenze dicht, die EU hat die Flugrouten nach Minsk gekappt, wirtschaftliche Sanktionen gegen Belarus ausgesprochen, zeigt sich aber einmal mehr weitgehend ohnmächtig. Derweil campieren hunderte Asylsuchende in den Wäldern an der polnisch-belarusischen Grenze - bei eisigen Temperaturen.

An der polnisch-belarusischen Grenze: Olivia Kortas vom funk-Format "Y-Kollektiv" zeigt, wie das lebensgefährliche Business mit der Migrationsroute funktioniert. "Während wir diesen Film machen, sterben hier Menschen", sagt sie. (Bild: Sendefähig / funk)
An der polnisch-belarusischen Grenze: Olivia Kortas vom funk-Format "Y-Kollektiv" zeigt, wie das lebensgefährliche Business mit der Migrationsroute funktioniert. "Während wir diesen Film machen, sterben hier Menschen", sagt sie. (Bild: Sendefähig / funk)

So funktioniert "das Business mit den Geflüchteten"

"14 Menschen sind bereits erfroren, doch noch immer machen Schlepper, Travel Agents und sogar der belarusische Staat Geld mit dem Leid der Menschen", heißt es seitens der Filmemacher. In den Herkunftsländern träumen weiterhin viele vom Aufbruch nach Europa für ein vermeintlich besseres Leben - über die Route nach Belarus. Warum das alles? Und mit welchen Folgen für die Betroffenen? Die Reportage, die der kühnen Idee folgt, in nur 30 Minuten Sendezeit ein umfassendes, authentisches Bild zu vermitteln, erzählt gewiss nicht die ganze Geschichte, aber sie wirft ein bedrückendes Licht auf die entscheidenden Aspekte.

Nach monatelangen Recherchen drehte das Team der Redaktion "Y-Kollektiv" von funk im November zehn Tage im Nordirak, in der Türkei und in Polen, um zu dokumentieren, wie "das Business mit den Geflüchteten" funktioniert. Am Ende ist man als Zuschauer ebenso ratlos wie der kurdische Außenpolitiker Safeen Dizayee, der in die Kamera sagt, es breche ihm das Herz, zu sehen, dass die eigenen Landsleute in Osteuropa gerade verzweifeln und sogar sterben. Er zeigt sein Handy. Es ist voll mit Sprachnachrichten und SMS - Hilferufe von der polnisch-belarusischen Grenze, die er kaum ertragen könne. Abgeschickt von Menschen, die vom Regime in Minsk und von Schleusern mit falschen Versprechungen angelockt wurden und nun in einer furchtbaren Sackgasse stecken.

Der kurdische Außenpolitiker Safeen Dizayee sagt, es breche ihm das Herz, zu sehen, dass die eigenen Landsleute in Osteuropa gerade verzweifeln und sogar sterben. (Bild: Sendefähig / funk)
Der kurdische Außenpolitiker Safeen Dizayee sagt, es breche ihm das Herz, zu sehen, dass die eigenen Landsleute in Osteuropa gerade verzweifeln und sogar sterben. (Bild: Sendefähig / funk)

"Ein Jahr gearbeitet für die Tickets und das Visum"

Der auf den Channels von "Y-Kollektiv" und funk abrufbare Film setzt in Erbil an. Ein lokaler Partner schildert den deutschen Journalisten, für die er auch als Übersetzer tätig ist, seine Sicht der Dinge. Er kenne sehr viele, die aus der kurdischen Region bereits nach Belarus gereist sind, Menschen, die einen Neubeginn suchten: "Sie haben es hier verkackt. Deshalb wollen sie weg und neu anfangen - Dinge wiedergutmachen." Eine Aussage, hinter der in Wahrheit natürlich grundverschiedene Lebensgeschichten stecken.

Akam, den das Team wenig später trifft, ist einer von diesen Leuten. Der 29-Jährige kauft warme Kleidung ein - er habe gehört, dass es in Belarus kalt ist. Seine Wohnung ist bereits leer, er hat nur noch die gepackte Reisetasche - und nun wartet er auf den Flug. Akam will weg, so schnell es geht - nach Deutschland. Er habe eine schwere Erkrankung, benötige Behandlung und Medikamente, außerdem fühle er sich in seiner Stadt aufgrund seiner Krankheit, die unter anderem ein starkes Zittern zur Folge habe, diskriminiert. "Ich habe ein Jahr gearbeitet für die Tickets und das Visum. Wir werden auch das Auto meiner Familie verkaufen", sagt Akam, dem ganz offensichtlich von Schleusern falsche Hoffnungen suggeriert wurden.

Jetzt sitzt er erst einmal in seiner Wohnung, die Flugrouten nach Belarus sind dicht. Für das nach seinen Worten 4.000 Dollar teure Visum habe er 1.600 Dollar angezahlt, sobald er angekommen ist, werde er den Rest nachschießen. Weitaus höher sind offenbar die Kosten für die Schleuser: "Sobald man Deutschland erreicht und aus dem Auto steigt, schaltet man das Geld für den Schleuser frei", gibt Akam an. Mit den Schleusern stehe er via Handy und Messenger in Kontakt.

"Wenn du nicht lügst, kannst du diesen Job nicht machen!"

Ja, er habe gehört, dass es gefährlich sei und in der polnisch-belarusischen Grenzregion wirklich kalt sein soll. Freunde hätten ihn gewarnt. Doch Akam will sich vom Plan, nach Deutschland zu gelangen, nicht abbringen lassen. Fraglos steckt der auf die Ausreise wartende Mann in einem ungeheuren Zwiespalt. Sein Beispiel mache deutlich, "mit welchen Entscheidungen diese Menschen hier kämpfen", fasst Reporterin Olivia Kortas die emotionale Situation zusammen.

Anderntags besucht das Team einen Travel Agent in einem der Reisebüros, die die Pakete für derartige Reisen schnüren. Er berichtet vom guten Geschäft mit den Menschen, die nach Europa wollen, und bestätigt im Prinzip die Angaben von Akam: Rund 3.500 bis 4.000 Dollar müsse man für Flug, Visum und einer Hotelübernachtung in Minsk berappen. "Wir haben die Menschen nicht über den Tisch gezogen", versichert er auf die Frage, ob er ein schlechtes Gewissen habe, angesichts der Tatsache, dass auf der Flucht schon Menschen zu Tode gekommen sind. Er habe sich nichts vorzuwerfen. Rückkehrer, die die Reise abbrachen und Belarus wieder Richtung Heimat verließen, sehen die Sache anders. Sie fühlen sich von den Travel Agents sehr wohl abgezockt, erklären einige gegenüber den deutschen Journalisten.

Noch weitaus lukrativer und bei Weitem skrupelloser erscheint allerdings das Geschäft der Schleuser. Tatsächlich gelingt es Olivia Kortas und Christoph Kürbel, in einem Haus am Stadtrand von Erbil mit einem von ihnen zu sprechen. "Pro Geflüchteten nehmen wir 12.000 Dollar", sagt der Mann, der im Beitrag unkenntlich gemacht wird, ohne Umschweife. Die Summe werde unter insgesamt vier beteiligten Schleusern aufgeteilt. Ein Teil gehe auch an Posten, "die wir an der Grenze zwischen Belarus und Polen schmieren". In den vergangenen Monaten habe er so 35.000 bis 40.000 Dollar verdient. Aussagen, die sich nicht überprüfen lassen. Ebenso wie die noch unglaublichere Bekundung, dass auch er, der Schleuser, mit den Geflüchteten fühle und er froh gewesen sei, als die Route geschlossen wurde.

Immerhin sagt der Mann, dem 15 Jahre Haft drohen, wenn er erwischt wird, auch: "Der Schlepper-Job bedeutet Lügen. Wenn du nicht lügst, kannst du diesen Job nicht machen!" Und nun? - "Die Leute aus dem Wald rufen uns an und fragen, ob wir sie über die Grenze bringen können. Sie sind bereit, 7.000 Dollar zu zahlen. Aber die Gruppe, mit der ich zusammenarbeite, macht das erst für 10.000 Dollar." Nein, es ist noch nicht vorbei.

"Ich nenne diese Route die Todesroute"

In Polen, an der Grenze zu Belarus, spielt sich der brisanteste Part der "Y-Kollektiv"-Reportage ab. Die Grenze ist massiv gesichert. Wer es dennoch nach Polen schafft, versuche mit Hilfe von Schleusern weiter nach Deutschland zu gelangen, heißt es im Film. Jene, die von Grenzern gefasst werden, würden "oft zurück nach Belarus gebracht" - das wären sogenannte Pushbacks, die eigentlich gegen europäisches Recht verstoßen.

Um das zu beweisen und um den Geflüchteten in Not zu helfen, läuft Anwohner Maciej durch den Wald und findet die Menschen, die sich verlaufen. Die Gegend ist unwirtlich, es mangelt an Verpflegung. Teilweise würden die Menschen aus Pfützen trinken, weiß er über die Migranten, die in den kalten Wäldern darauf warten, doch noch in einen Wagen der Schleuser steigen zu können, zu berichten. Maciej sagt, er habe etwa 200 Menschen dort angetroffen in den vergangenen Wochen. Rund 30 Prozent, schätzt er, dürften es nach Deutschland geschafft haben. "Die Route über Belarus gilt als tot. Aber im Grenzwald befinden sich immer noch Menschen", lautet Olivia Kortas' Fazit.

Das Problem ist, dass es für die Allermeisten weder ein Vor noch ein Zurück gibt. In einer Aufnahmeeinrichtung schildert ein junger Mann, was er vor Ort alles erlebt hat. Viermal sei er von polnischen Grenzern zurück nach Belarus gebracht worden. Zum letzten Mal vor zehn Tagen. "Die belarusischen Soldaten schnappten uns. Wir sagten ihnen: 'Bitte, wir wollen zurück nach Minsk'. Sie sagten: 'Nein, kein Minsk. Ihr werdet hier sterben oder nach Polen gehen." Er sei auch schon geschlagen worden, und einmal hätte ihm ein belarusischer Soldat eine Flasche Wasser angeboten - für 100 Dollar. Für ihn sei es keine Frage: Hätte er gewusst, wie diese Route aussieht, hätte er sich nicht auf den Weg gemacht. "Ich nenne diese Route die Todesroute."

Dass er Olivia Kortas Tage nach dem Dreh eine SMS schickt mit der Nachricht, er habe es doch noch nach Deutschland geschafft, ist am Ende dieser atemlosen Reportage allerdings wirklich eine überraschende Pointe.

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