"Schlechter Witz!": Transgender-Pionierin sorgt für Zoff

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"Schlechter Witz!": Transgender-Pionierin sorgt für Zoff
"Schlechter Witz!": Transgender-Pionierin sorgt für Zoff

Laurel Hubbard könnte eine Medaille im Gewichtheben der Frauen in Tokio gewinnen. Vielleicht gelingt es ihr aber auch nicht. (NEWS: Alles zu Olympia)

So oder so werden bei den Olympischen Spielen alle Augen auf sie gerichtet sein. Und sie sind es bereits im Vorfeld. Denn: Die Neuseeländerin wird als erste Transgender-Sportlerin teilnehmen. Die 43 Jahre alte Gewichtheberin, die als Mann geboren und 2012 zur Frau wurde, ist vom neuseeländischen Olympischen Komitee (NZOC) für Tokio (23. Juli bis 8. August) nominiert worden.

Hubbard darf im Gewichtheben der Frauen antreten, nachdem sie alle Kriterien für die Teilnahme von Transgender-Athletinnen erfüllt. Ihr Wechsel der Identität liegt mindestens vier Jahre zurück. Außerdem konnte sie Testosteronwerte unterhalb der vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) geforderten Schwelle von zehn Nanomol pro Liter aufweisen. Ein Wert, der regelmäßig kontrolliert wird.

Hubbard-Nominierung löst Debatte aus

Dennoch sorgte die Entscheidung für eine kontroverse Debatte.

Kritiker stellen die Fairness bei Hubbards Teilnahme an den Spielen infrage. „Weil Männer Leistungsvorteile haben, die in ihrem biologischen Geschlecht begründet sind. Sie übertreffen uns in Geschwindigkeit, Ausdauer, Kraft“, sagt Katherine Deves, Sprecherin der Gruppe „Save Women’s Sport Australasia“.

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Deves kritisierte die Herangehensweise: „Nur den Faktor Testosteron rauszugreifen, führt in die Irre. Wir vernachlässigen die Anatomie: die schneller zuckenden Muskeln, die größeren Organe. Männer erholen sich schneller, haben stärkere Knochen, kein gekipptes Becken und sind deshalb weniger anfällig für Knie- und Sprunggelenksverletzungen. Die Liste geht weiter und weiter.“

Hubbard-Teilnahme als „schlechter Witz“ bezeichnet

Hubbards Konkurrentin, die belgische Gewichtheberin Anna Vanbellinghen, bezeichnete ihre Teilnahme sogar als einen „schlechten Witz“. Die 27-Jährige sagte, dass sie die Transgender-Gemeinschaft zwar voll und ganz unterstütze, das Prinzip der Inklusion jedoch nicht „auf Kosten anderer“ gehen dürfe.

„Jeder, der auf hohem Niveau Gewichtheben gemacht hat, weiß, dass es in den Knochen stimmt: Diese besondere Situation ist unfair für den Sport und für die Athleten. Einige Athleten verpassen so lebensverändernde Möglichkeiten – olympische Medaillen und Qualifikationen – und wir sind hilflos.“

Es ist nicht das erste Mal, dass Hubbard mit negativen Reaktionen konfrontiert wird. 2019 gewann sie bei den Pazifikspielen in Samoa zwei Goldmedaillen, jeweils vor einheimischen Sportlerinnen. Die lokale Presse war tagelang voll von entsetzten Kommentaren.

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Premierminister Tuilaepa Sailele Malielegaoi erklärte damals: „Ich glaube wirklich nicht, dass er – sie – jemals an diesem Turnier teilnehmen sollte, aber mir ist klar, dass wir inklusiv sein müssen und diese Menschen nicht ausschließen können.“ Gold im Stoßen blieb Hubbard wegen eines Fehlversuches - den das Publikum stürmisch bejubelte - verwehrt.

Unterstützer sehen Nominierung als Meilenstein

Für Hubbards Unterstützer ist die Nominierung der 43-Jährigen ein Meilenstein, der den olympischen Geist der Inklusion verkörpert und andere Transgender-Athleten, die im Sport auf allen Ebenen unterrepräsentiert sind, inspirieren könnte.

Richie Patterson, der Präsident des Olympischen Gewichtheber-Teams Neuseelands, erklärte: „Wir wissen, dass es viele Fragen rund um die Fairness bei Transgender-Athleten gibt. Aber ich möchte uns alle erinnern, dass Laurel alle erforderlichen Kriterien erfüllt.“

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Die Langstreckenläuferin Joanna Harper, die selbst eine Geschlechtsanpassung hinter sich hat und heute das Olympische Komitee berät, sagte im US-Fernsehen: „Neun Monate nach meiner Hormontherapie bin ich zwölf Prozent langsamer gelaufen - das ist der Unterschied zwischen ernsthaften männlichen Athleten und ernsthaften weiblichen Athleten.“

Auf die Frage, ob das ein fairer Wettkampf sei, antwortete sie: „Die absolute Antwort auf diese Frage ist noch nicht sicher. Wir brauchen viel mehr Daten, bevor wir eine absolute Aussage darüber treffen können.“

Hubbard: „Will nur das tun, was ich tue“

„Ich finde es wichtig, dass das Thema offen und wertfrei angegangen wird“, sagte Präsident Florian Sperl vom Bundesverband Deutscher Gewichtheber (BVDG) dem SID.

Und „absolut“, räumte er ein, wäre seiner Sportart, der aufgrund zahlreicher Dopingfälle sowie Vertuschung und Untreue auf höchster Ebene der Olympia-Ausschluss für Paris 2024 droht, durch einen Start Hubbards in Tokio einige öffentliche Aufmerksamkeit sicher.

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Hubbard selbst versucht Kritik und Schmähungen auszublenden. „Ich bin, wer ich bin“, sagte sie 2017 in einem ihrer seltenen Interviews. „Wenn ich diesen Ballast mitnehme, wird das Heben nur noch schwerer. Ich will nur das tun, was ich tue. Ich will nicht die Welt verändern.“

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