Schlechte Zeiten für neue Wetten

Das neue Allzeithoch beim Dax sorgte nicht für Jubelstimmung. Im Gegenteil: Es folgten sofort Gewinnmitnahmen. Eine exklusive Umfrage zeigt, wie sich Anleger im vermutlich ereignislosen Sommer verhalten sollten.


Die Lage am Aktienmarkt ist unübersichtlich. Zu Beginn der vergangenen Woche erreichte der Dax ein neues Allzeithoch, woraufhin ein kurzer Ausverkauf folgte. Letztendlich bewegte sich der deutsche Leitindex in einer engen Spanne seitwärts. Die Woche schloss er 0,2 Prozent leichter.

Doch wie ist der Verlauf zu interpretieren? Auch das Dax-Sentiment des Handelsblatts hatte vor Wochenfrist kein deutliches Signal für die nächste Richtung des Börsenbarometers geliefert. Das wiederholt sich in dieser Woche. Börsenexperte Stephan Heibel rät deshalb davon ab, jetzt in den Handel einzusteigen: „Es bewahrheitet sich nun das, was ich seit einigen Wochen angekündigt habe: Anleger bereiten sich auf einen ereignislosen Sommer vor.“


Stattdessen beobachtet Heibel, dass die Anleger ihre Portfolios umschichten, konjunktursensible, zyklische Aktien verkaufen und ihre Barpositionen erhöhen. „Sämtliche Wetten – ob auf steigende oder fallende Kurse – wurden zurückgefahren“, sagt Heibel. Auch die Investitionsquote sei der positiven Marktentwicklung angepasst: hoch, aber nicht zu hoch.

Basis für diese Börsenprognosen ist das Handelsblatt-Dax-Sentiment, eine Umfrage zur aktuellen Börsenstimmung unter mehr als 2.500 Anlegern – im Börsendeutsch Sentiment genannt. Die Ergebnisse wertet Stephan Heibel, Inhaber des Analysehauses Animusx, aus und leitet daraus Vorhersagen für das weitere Geschehen auf dem Parkett ab.


Die Stimmung hat sich in der vergangenen Woche wenig verändert und bleibt beim aktuellen Dax-Sentiment im neutralen Bereich. Mittlerweile sieht fast die Hälfte der Anleger (46 Prozent) beim Dax eine Seitwärtsbewegung. In der Vorwoche waren es noch vier Prozentpunkt weniger. Jeder Vierte betrachtet die Entwicklung als Topbildung, weitere 15 Prozent gehen von einem Aufwärtsimpuls aus. Nur 14 Prozent sehen beim deutschen Leitindex hingegen einen Abwärtsimpuls oder eine Bodenbildung.


Wie sich die Kauflaune der Anleger entwickelt


Dass sich der Dax seitwärts bewegt, kommt den meisten Anlegern gelegen: 54 Prozent (plus vier Prozent) sehen sich in ihren Erwartungen zum größten Teil bestätigt, elf Prozent (plus ein Prozent) haben sogar darauf spekuliert. Dagegen sieht nur etwa jeder Vierte (28 Prozent) in dieser Woche seine Erwartungen kaum erfüllt.

In drei Monaten erwartet nur jeder Dritte einen Aufwärtsimpuls (23 Prozent) oder eine Topbildung (acht Prozent). Der Großteil ist skeptisch und rechnet mit einer Seitwärtsbewegung (30 Prozent) oder fallenden Kursen (39 Prozent). Allerdings waren die Anleger in den vergangenen Wochen noch pessimistischer, stellten vor sechs Wochen sogar einen absoluten Rekordwert in Sachen Pessimismus auf. Inzwischen ist die Erwartung neutral.


In Kauflaune befinden sich die Anleger dennoch nicht. Wie in der Vorwoche haben nur 15 Prozent vor, in den kommenden zwei Wochen Aktien zuzukaufen. Zwei Drittel der Anleger wollen dagegen zunächst abwarten, 20 Prozent (minus drei Prozent) sogar ihre Positionen verkleinern.

Das Euwax-Sentiment der Stuttgarter Börse notiert bei minus 0,88 Punkten und damit ebenfalls im neutralen Bereich. Der Privatanleger-Index basiert auf dem realen Handel mit Hebelprodukten auf den Dax und spiegelt das Verhalten von Privatanlegern wider. Auch hier war Anfang Mai der Pessimismus von Privatanlegern mit minus 12,55 Punkten noch extrem groß – doch davon ist nun nichts mehr zu sehen. Die Entwicklung des Wertes zeigt, dass die Privatanleger in Deutschland ihre Absicherungspositionen für fallende Kurse eingedeckt und aufgelöst haben.


Auch institutionelle Anleger, die Absicherungsgeschäfte über die Frankfurter Terminbörse Eurex handeln, sind neutral positioniert, wie die Put-Call-Ratio zeigt. Diese gibt das Verhältnis zwischen den gehandelten Verkaufs- und Kaufoptionen an und liegt mit 1,38 in der Nähe des Durchschnitts der vergangenen Monate, der bei 1,42 steht.

Der „Angst-und-Gier-Index“ des US-Börsenbarometers S&P 500 zeigt mit 50 Prozent ebenfalls eine neutrale Marktverfassung an. Die Investitionsquote der institutionellen US-Anleger ist mit 92,6 Prozent weiterhin verhältnismäßig hoch – allerdings nicht zu hoch. Der Bulle/Bär-Index der US-Privatanleger zeigt mit 3,74 Prozent ebenfalls eine neutrale Erwartungshaltung an.


Was gegen eine Rally spricht

Im Sinne der Sentimenttheorie lasse sich aus dieser Stimmungslage keine Richtung für die Aktienmärkte ableiten, so der Animusx-Inhaber: „Wir können lediglich feststellen, dass das Sicherheitsnetz der ersten Jahreshälfte nicht mehr vorhanden ist.“ Die Anleger hatten in der optimistischeren Stimmung der vergangenen Wochen ihre Absicherungspositionen für fallende Kurse aufgelöst, nachdem sie sich zuvor eher für einen Ausverkauf positioniert hatten.


Aktuell gibt es weder Druck nach oben noch nach unten. Heibel kann sich vorstellen, dass „jegliche Kursbewegungen in den Sommerwochen dazu genutzt werden, Positionen entsprechend anzupassen“. Sprich: Bei steigenden Kursen würden Anleger Aktien verkaufen, um ihre ohnehin noch ziemlich hohe Investitionsquote zurückfahren. Das würde eine Rally bremsen.

Ähnlich bewertet Joachim Goldberg die Situation, der eine Sentimentumfrage im Auftrag der Frankfurter Börse umsetzt. Goldberg schreibt, dass Investoren scheinbar so sehr unter Renditedruck stünden, dass sie schon kleinste Bewegungen am Markt nutzten, um Gewinne mitzunehmen.


An fallende Kurse glaubt Heibel allerdings nicht, diese benötigten einen Anlass. Ein solcher sei derzeit aber nicht in Sicht – auch wenn zuletzt sinkende Ölpreise die Kurse drückten. Zuvor hatten allerdings selbst die Aussichten auf eine mögliche straffere Geldpolitik in der zweiten Jahreshälfte bei den Akteuren nicht für Kopfzerbrechen gesorgt.

Heibel empfiehlt Anlegern deshalb, sich auf einen ruhigen Sommer einzustellen. Er selbst werde Ausschläge in die eine oder andere Richtung für Portfolioanpassungen nutzen. „Häufig ist es so, dass am Ende des Sommers vorübergehende Kursausschläge wieder ausgeglichen werden“, sagt der Sentimentexperte.


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