Schlechte Zahlen auf VWs weltweit wichtigstem Automarkt: CEO Herbert Diess zählt intern China-Chef Wöllenstein an

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Herbert Diess, Vorsitzender des Vorstands der Volkswagen AG.
Herbert Diess, Vorsitzender des Vorstands der Volkswagen AG.

Der Grand-Provokateur schlägt erneut zu: Herbert Diess sorgt in Wolfsburg dieser Tage wieder für mittlere Beben. Am Mittwoch ist bekannt geworden, dass er dem Aufsichtsrat gesagt hat, der Umbau und die Elektrifizierung der Marke VW könnten jeden vierten Arbeitsplatz kosten. Der Umbau geht Diess zu langsam. Es dauerte nicht lange, bis der Betriebsrat auf dem Teppich stand und die Konzernspitze beschwichtigen musste.

Es ist aber nicht nur der Umbau bei der Marke VW. Diess ist nach Informationen von Business Insider unzufrieden mit seiner Führungsmannschaft. Jüngst hat er intern seinen China-Chef Stephan Wöllenstein angezählt. Die Verkaufszahlen der ID-Reihe im Reich der Mitte sind nämlich im laufenden Jahr deutlich unter den Erwartungen. Im Mai wurden 1500 Fahrzeuge der ID.-Familie an Kunden ausgeliefert, im Juni rund 3000, im Juli 5800, im August rund 7000 Fahrzeuge und im September nun etwa 10.000 Einheiten, sagt ein VW-Sprecher auf Anfrage von Business Insider. Für einen Volumenhersteller wie Volkswagen sind das sehr bescheidene Zahlen.

Damit die Wolfsburger das gesetzte Ziel von 80.000 bis 100.000 verkauften IDs noch erreichen, müssten sie nächsten Monat die Verkaufszahl verdoppeln und mindestens auf dem Niveau bleiben.

Intern gibt es erhebliche Zweifel daran, dass das anvisierte Ziel noch erreicht werden kann. Das hat vielfältige Gründe. Insider berichten, dass Wöllenstein seinen Vertrieb schlecht aufgestellt habe, dieser sei kompliziert, kreativlos und altbacken. Es ist aber auch das Fahrzeug selbst. Insider berichten auch, dass die chinesische Konkurrenz mit ihren Autos bei den IDs mithalten könne, bei der Software sogar die Nase vorne habe und die Fahrzeuge auch noch zu besseren Preisen anbiete. Aus Konzernkreisen heißt es, dass die gehobene Mittelschicht sich in China gerne chauffieren lasse – dafür sei der ID.4 allerdings deutlich zu kurz. Volkswagen hat deswegen zügig den größeren ID.6 nachgeschoben.

Ein VW-Sprecher weist auf Anfrage von Business Insider darauf hin, dass es schwierig sei, neue Produkte auf dem chinesischen Markt zu platzieren. Denn die Kunden würden dort vor allem Autos kaufen, die bereits erfolgreich sind. Außerdem sei die chinesische Kundschaft von E-Fahrzeugen eine ganz andere als die Verbrenner-Käufer: jünger, urbaner und anspruchsvoller beim Einkauf.

Mittlerweile hätte Wöllenstein mit seinem Vertriebsteam darauf reagiert. In den vergangenen fünf Monaten hat er 150 ID-Shops in größeren chinesischen Metropolen aufgebaut, die den Geschäften von Tesla ähneln, sich im Stadtzentrum befinden und nah bei den Kunden sind. Gerade junge Chinesen würden ihre Fahrzeuge in modernen Malls in der Innenstadt kaufen und viel Wert auf persönliche Beratung legen. Die klassischen Händler kämen für sie nicht mehr infrage.

Der langsame Hochlauf der ID-Reihe war ein heiß debattiertes Thema im ganzen VW-Konzern. Schließlich hängt von dem Erfolg auf dem chinesischen Markt der Erfolg der gesamten E-Strategie des Konzerns ab. Entsprechend stark wuchs der Druck auf Wöllenstein. Er und sein Team müssen seit einiger Zeit ausführliche Berichte an die Konzernspitze schreiben, mit welchen Konzepten und Maßnahmen sie die Verkaufszahlen der IDs hochtreiben wollen. Damit wird klar: Wöllenstein ist an der kurzen Leine. Aus Konzernkreisen heißt es: Sollte der VW-Mann nicht die Zielmarke von 80.000 bis 100.000 verkauften E-Autos in China erreichen, wird die Luft dünn für ihn.

Die Unternehmensseite gibt sich trotz der trüben Situation in China optimistisch: „Wir liegen in China bei den Auslieferungen der ID. Familie voll im Plan", sagt ein VW-Sprecher. "Bereits drei Monate nach Marktstart ist ID. 4 Nummer 1 im Segment der A SUVs im E-Auto Markt (in China, Anm. d. Red). Der ID.6 steht kurz nach Markteinführung unter den Top 5. Der ID.3 wird im November an die ersten Kunden ausgeliefert. Im Gesamtjahr 2021 wird Volkswagen – abhängig von der Chip-Belieferung – zwischen 80.000 bis 100.000 Fahrzeuge der ID.-Familie in China ausliefern“, fügt der Sprecher an.

Es ist aber nicht nur China. VW-Chef Herbert Diess hat jüngst auch seinem Ärger über den Mangel an Chips freien Lauf gelassen – und darüber, wie der verantwortliche Konzernvorstand Murat Aksel und seine Taskforce versuchen, das Problem zu lösen. Aksel gilt als Diess-Vertrauter, der VW-Vorstand hat Aksel von BMW abgeworben und ihn als Einkaufsvorstand durchgesetzt. Nun soll er erstmals von Diess härter angegangen worden sein. Insider sprechen davon, dass Aksel seinen „Welpenstatus“ verloren habe. Diess verwies intern wiederholt auf den Umstand, dass BMW deutlich besser durch die Chipkrise komme und frühzeitig reagiert hätte.

Insider berichten, dass BMW schon seit der Reaktorkatastrophe in Fukushima eine Task-Force habe, die frühzeitig vor möglicher Ressourcen-Knappheit warnt und interne Prozesse einleitet, damit sich die Produktion auf den Engpass einstellen kann. So soll es auch beim Halbleitermangel gewesen sein: Die BMW-Taskforce hat zwei Monate vor dem Eintreten des Mangels gewarnt, die Münchner konnten sich einstellen, ihre Steuergeräte umstellen und mit Chips ausrüsten, die eigentlich Verwendung in der Unterhaltungsindustrie finden. Aus VW-Unternehmenskreisen heißt es, dass in Wolfsburg erst eine Taskforce gegründet wurde, als der Mangel bereits da war.

Herbert Diess, so viel wird deutlich, fordert von seinem Vorstand und den Mitarbeitern nun Blut, Schweiß und Tränen. Er sollte den Bogen bei einem Misserfolg aber besser nicht überspannen, heißt es. Jedenfalls nicht in China. Verantwortlicher Vorstand für das Reich der Mitte ist nämlich Herbert Diess selbst.

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