Schiri-Zoff und Videobeweis: Das muss sich ändern

Marcel Bohnensteffen

Kein Spieltag ohne Aufregung um den Videobeweis. Auch am vergangenen Wochenende sorgten mehrere überstimmte Schiedsrichter-Entscheidungen für Verärgerung bei Spielern und Trainern.

Die Regularien für den Einsatz des Videoschiedsrichters wurden heimlich geändert. Das bringt die Klubs in Rage. Gladbachs Chefcoach Dieter Hecking geht sogar davon aus, dass das Projekt im Winter beendet wird.

Wie der Videobeweis derzeit praktiziert wird, ist für SPORT1-Experte Marcel Reif jedenfalls ein Desaster. "Wenn du es kaputt machen willst, musst du es genauso machen", sagte er im CHECK24 Doppelpass.

Hinzu kommt der Eklat zwischen einigen Top-Referees und ihren Bossen. Herbert Fandel und Hellmut Krug stehen intern am Pranger. Ein Kompromiss der DFB-Ethikkommission hat die Fronten nicht gerade aufgeweicht. Kenner der Szene wie Ex-Schiedsrichter Babak Rafati warnen vor schwerwiegenden Folgen des Dauerstreits. 

SPORT1 nennt Ansätze wie der DFB den Videobeweis in den Griff bekommt und für Ruhe unter den Unparteiischen sorgt.

- Klare Definition

Für den früheren Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack wird der Videoschiedsrichter zu willkürlich eingesetzt.

"Es besteht großer Handlungsspielraum und was in dem Zimmer in Köln passiert, weiß man ja überhaupt nicht", sagte er im CHECK24 Doppelpass. Seine Empfehlung: "Man sollte klare Definitionen finden, wann oder wie oft eingegriffen wird."


Das Problem: Genau diese klaren Vorgaben haben die Verantwortlichen beim DFB aufgeweicht. Neuerdings darf der Videoassistent nicht mehr nur bei klaren Fehlentscheidungen eingreifen, sondern auch dann, wenn dessen Beurteilung signifikant von der des Schiedsrichters abweicht. Dadurch haben die Interventionen deutlich zugenommen.

SPORT1-Experte Reif regt an, zum alten Verfahren zurückzukehren: "Es geht nur um krasse Fehlentscheidungen. Es darf aus Köln einem Schiedsrichter kein Quatsch erzählt werden, sondern es soll nur eine Hilfestellung sein, wenn es eindeutig falsch ist."

- Wieder mehr Verantwortung für die Schiedsrichter

Deutschlands Referees genießen international einen ausgezeichneten Ruf. Derzeit geben sie durch interne Querelen aber nicht nur nach Meinung Reifs ein "desaströses Bild" ab.

Stimmen werden lauter, dass die Unparteiischen wieder mehr Verantwortung übernehmen sollen - ohne Intervention aus dem Darkroom. SPORT1-Schiedsrichterexperte Bernd Heynemann kritisiert: "Köln entscheidet jetzt, was auf dem Platz passiert. Es kann nicht sein, dass der Schiedsrichter die arme Sau ist."


- Challenge-Möglichkeiten einräumen

Vielleicht lässt sich dieser Missstand dadurch lösen, indem künftig die Mannschaften selbst entscheiden, wann der Videobeweis zur Anwendung kommt.

Michael Ballack plädiert für Challenge-Möglichkeiten – ähnlich wie beim Tennis oder Hockey. "Man sollte es reglementieren und vielleicht nur ein oder zwei Mal pro Spiel eingreifen", schlug er im CHECK24 Doppelpass vor.


Immerhin würde bei diesem Verfahren der Druck von Schiedsrichtern und Videoassistenten genommen.  Eine Mannschaft, die ihr Vetorecht vorschnell verbraucht, "hat eben Pech gehabt", findet Ballack.

- Transparenz herstellen

So, wie der Videobeweis momentan ausgeübt wird, schließt er Zuschauer im Stadion und vor Fernsehgeräten aus. Für die Fans bleibt oftmals unklar, wie und warum Entscheidungen nachträglich korrigiert werden.

SPORT1-Experte Reif fordert: "Auf der Videowand muss jedem Zuschauer klar gemacht werden, was gerade passiert." Zusätzlich sollen sich die Schiedsrichter seiner Meinung nach im Anschluss an das Spiel öffentlich stellen und ihre Entscheidungen erläutern. So wie Guido Winkmann am Samstag.

Der Unparteiische räumte ein, den Stuttgarter Burnic zu Unrecht mit Geld-Rot des Feldes verwiesen zu haben. Zugleich lieferte er die Begründung, warum in dieser Szene der Videoschiedsrichter nicht zum Einsatz kommen konnte.

- Den Videobeweis zur Chefsache erklären


Die Aufweichung des Videobeweises wurde an DFB-Präsident Reinhard Grindel vorbei delegiert. Der Verbandsboss hat seinen Unmut darüber zum Ausdruck gebracht.

SPORT1-Experte Reif fordert ein Machtwort des DFB-Präsidenten. "Es ist an Reinhard Grindel zu sagen: 'Ich habe den Hut auf und so machen wir es jetzt'", sagte er im CHECK24 Doppelpass.

- Krugs Macht beschneiden

Im schwelenden Konflikt ist Hellmut Krug, Projektleiter Videobeweis, zur Reizfigur geworden. Einige Spitzen-Schiedsrichter unterstellen ihm Günstlingswirtschaft und Manipulation bei Bewertungen. Zuletzt beteuerte ein anonymer Bundesliga-Referee, in der Testphase des Videobeweises seien technische Pannen verschleiert worden. 

Am Wochenende tauchte dann ein neuer Vorwurf gegen Krug auf. Einer, der es in sich hat. Bei Spielen fungiert Krug als Supervisor von Videoassistenten. Eigentlich übt er dabei nur eine Kontrollfunktion aus - ohne Mitspracherecht.


Wie die Bild am Sonntag berichtet, soll Krug beim Spiel Schalke gegen Wolfsburg aber sehr wohl in Prozesse eingegriffen haben und Entscheidungen zu Schalker Gunsten revidiert haben. Krug streitet das ab. Pikant: Der 61-Jährige stammt aus Gelsenkirchen. 

SPORT1-Chefredakteur Digital Ivo Hrstic kritisiert Krugs Außendarstellung und seine Rolle als Projektleiter: "Es ist nicht akzeptabel, was derzeit passiert. Fans sehen sich getäuscht und sind zu Recht sauer."

Auf Geheiß der Ethikkommission muss Krug zumindest seinen Posten im Führungsgremium der Schiedsrichter räumen. Vielen in der Szene geht dieser Schritt aber nicht weit genug. 

Der frühere FIFA-Referee Urs Meier forderte zuletzt im SPORT1-Interview Krugs Entmachtung, sollten sich die Vorwürfe gegen ihn bewahrheiten: "Jeder, der einer Schiedsrichter-Kommission angehört, hat ehrlich und aufrichtig zu arbeiten. Alles andere ist für die Schiedsrichterei nicht tragbar", sagte Meier.