Schattendasein auf Film und Foto: Weil Technik rassistisch ist

Michael K. Williams in “Boardwalk Empire” (Bild: Warner Bros.)

Dunkelhäutige Schauspieler führen einen Krieg um Anerkennung an vielen Fronten. Sie werden nicht nur oft und immer wieder von Entscheidungsträgern in der Filmbranche ignoriert, auch die Film- und Fototechnik ist ihnen gegenüber rassistisch eingestellt. Ein kurzer Blick auf eine unfaire Filmwelt.

Als sich Steve McQueen, der Regisseur des oscargekrönten Dramas “12 Years a Slave”, den 1960er-Jahre-Krimi “In der Hitze der Nacht” ansah, fiel ihm etwas auf, was bis dahin nur wenigen aufgefallen war. Hauptdarsteller Sidney Poitier schwitzte in manchen Szenen des Filmklassikers deutlich mehr als sein Kollege Rod Steiger. Warum? Auf ihn waren mehr Scheinwerfer gerichtet als auf Steiger. Und der Grund hierfür war: Der Afroamerikaner Poitier hatte eine dunklere Hautfarbe, sie musste stärker beleuchtet werden, damit sie auf dem fertigen Film nicht unterbelichtet erscheint.

Das Beispiel verweist auf ein grundsätzliches Problem nicht nur in der Geschichte des Films, sondern überhaupt der Farbbildmedien: Dass die Film- und Fototechnologie nämlich auf einen hellen Hauttypen ausgerichtet ist. Schwarze Menschen werden weniger detailgenau wiedergegeben, sofern nicht mit technischen Mitteln nachgeholfen wird. Worum es hier also geht, ist die Erkenntnis, dass nicht nur Menschen, nicht nur die Macher etwa in den Chefetagen der Filmbranche voreingenommen gegenüber anderen Menschen sein können, auch die Filmtechnik ist alles andere als weltoffen.

“In der Hitze der Nacht” mit Sidney Poitier und Rod Steiger (Bild: 20th Century Fox)

Kodaks berüchtigte “Shirley Cards”
Es ist ein Thema, das allgemein bekannt ist, beim Diskurs um Rassismus in der Filmbranche aber gerne untergeht. Bekannt ist in diesem Zusammenhang ein vielzitierter Kommentar Jean-Luc Godards. Der Arthouse-Regisseur und Mitbegründer der französischen Filmbewegung Nouvelle Vague hatte sich Ende der 1970er Jahre bei Dreharbeiten im afrikanischen Mozambique strikt geweigert, Kodak-Film zu benutzen. Seine schlichte Begründung: Das Filmmaterial des Herstellers sei rassistisch.

Tatsächlich war Kodak seinerzeit nicht nur federführend bei Entwicklung und Verkauf von Filmmaterial sowohl für Film- als auch Fotokameras. Das Unternehmen bestimmte auch die technischen Standards rund um sein wichtigstes Produkt. Und die fußten schlicht und einfach auf den Idealvorstellungen seiner kaufkräftigsten Kunden damals: der weißen Mittelschicht in westlichen Industrieländern.

Ausgehend von dem, was als globale Norm festgelegt wurde, entwickelte Kodak in den 1950er Jahren die sogenannte “Shirley Card”. Es handelt sich um ein Referenzbild, welches das Model Shirley Page in Nahaufnahme zeigt. Die junge Frau sitzt vor einem weißen Hintergrund inmitten eines sorgfältig eingerichteten Stilllebens aus Kissen in den Farben Blau, Gelb und Rot. Sie trägt ein weißes, schulterfreies Oberteil, die Hände stecken in schwarzen, ellbogenlangen Handschuhen. Und das wichtigste Detail in dem Bild, das alle relevanten Farben abdeckt: Shirleys Haut ist Elfenbeinweiß.

Fortschritt und Stillstand im Digitalzeitalter
Fortan war die Shirley Card der Orientierungspunkt bei der Kalibrierung eines idealfarbigen Bildes. Die Normfestsetzung bedeutete aber auch, dass dunkelhäutige Menschen auf Fotos und in Filmen zu einem Schattendasein verdammt waren. Erst in den 1970er Jahren gab Kodak den Protesten nach und führte auch Shirley Cards ein, in denen neben weißen auch schwarze, lateinamerikanische und asiatische Models zu sehen waren. Ein Triumph der Moral gegenüber dem Vorurteil war diese Entscheidung aber nicht. Kodak reagierte auf die Beschwerden aus den Möbel- und Schokoladenbranchen, deren braunfarbigen Produkte auf Bildern nicht adäquat zur Geltung gekommen waren.

Regisseurin Ava DuVernay kritisierte die Serie “Boardwalk Empire” für ihre Beleuchtung, die nur auf weiße ausgerichtet sei (Foto: Chris Pizzello/Invision/AP)

Von einer neutralen Filmtechnik sind wir selbst heute noch weit entfernt. Sogar im Digitalzeitalter ist der weiße Hauttyp die Norm. Sensoren in digitalen oder Smartphone-Kameras orientieren sich nach hellen Quellen und kalibrieren auf dieser Grundlage das Bild. Soziale Netzwerke haben Filter eingebaut, die hochgeladene Bilder mit schwarzen Menschen automatisch nachhellen. Intelligente Facetracking-Systeme in Kameras folgen nur weißen Gesichtern, schwarze werden ignoriert. Vor zwei Jahren sorgte Googles Onlinedienst “Google Fotos” für Aufsehen, als dessen Algorithmus bei der Klassifizierung von Bildern schwarze Menschen als Gorillas bezeichnete.

Mehr Licht, bitte!
Selbst im professionellen Bereich von Film und Foto gibt es nach wie vor Defizite. Auch hier ignorieren Technik und Techniker noch immer dunkelhäutige Menschen. Ein Grund, weshalb sich die afroamerikanische Filmemacherin Ava DuVernay (“Selma”) angesichts der Serie “Boardwalk Empire” zu der Kritik genötigt sah, dass die Set-Beleuchtung hier auf weiße Schauspieler ausgerichtet sei. Schwarze Darsteller wie Michael K. Williams blieben oft im Schatten.