Eigenrauch: "Das Malocher-Gen wird nur vorgegaukelt"

Reinhard Franke
·Lesedauer: 8 Min.

Erlebt Schalke 04 am Saisonende sein (königs)blaues Wunder? Der Verein taumelt geradewegs Richtung 2. Liga. (Die Tabelle der Bundesliga)

Schon acht Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz und nun steht auch noch das Derby gegen den BVB an (Bundesliga: FC Schalke 04 - Borussia Dortmund, Sa. ab 18.30 Uhr im LIVETICKER). Yves Eigenrauch spielte in seiner Karriere nur für S04 und war einer der legendären "Eurofighter", die mit dem Verein 1997 den UEFA-Pokal gewannen. Im SPORT1-Interview spricht der 49-Jährige über den Niedergang auf Schalke.

SPORT1: Herr Eigenrauch, wie viel bedeutet Ihnen Schalke 04 heute noch?

Yves Eigenrauch: Der Verein ist natürlich ein Teil meines Lebens und das wird er auch immer bleiben. Schalke war nicht nur ein Job für mich. S04 war damals im Gegensatz zu heute authentisch und das ist das, was ich idealerweise mit dem Klub verbinden würde: Natürlichkeit und Ehrlichkeit. Wir hatten zu meiner Zeit Mitte der 1990er Jahre eine Mannschaft, die für diese Werte stand, was den Sport für mich immer ausgemacht hat, nämlich nicht nur mit Worten, sondern auch durch das ganze Auftreten. Ehrlich mit Abstrichen, denn man kann nicht ungefragt immer vollkommen ehrlich sein. Aber vor allem im Umgang mit den Fans sollte das so sein. Es ist extrem bitter festzustellen, dass sich auf Schalke da offensichtlich vieles geändert hat.

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SPORT1: Wurde Schalke in den vergangenen Jahren das Herz rausgerissen?

Eigenrauch: Nein. Aber die Entwicklung sorgt bei mir für Befremdung. Weil ich nicht nachvollziehen kann, wie gewisse Dinge gehandhabt werden. Wenn ich mir nur die Außendarstellung des Vereins anschaue, dann muss ich sagen, dass es da doch fast nur noch um wirtschaftliche Sachen geht. Also um Geld. Ich tu mich schwer bei einer Verklärung der Vergangenheit. Im Fußball ging es auch zu meiner Zeit um Geld, aber nicht nur. Für mich war immer ein Mittelmaß wichtig. Heute geht es doch nur darum höher, schneller, weiter zu kommen. Und für mich war immer wichtig ein Level zu erreichen, bei dem ich zufrieden bin. Das sollte man auch auf Schalke verinnerlichen. Doch das scheint heute leider nicht mehr gefragt. Aber nicht nur auf Schalke nicht.

Eigenrauch: "Die aktuelle Situation ist erschreckend"

SPORT1: Was fällt Ihnen zur aktuellen Lage auf Schalke noch ein?

Eigenrauch: Die aktuelle Situation auf Schalke ist einfach nur erschreckend. 1993/1994 waren wir auch Letzter und standen nach der Hinrunde auch mit dem Arsch an der Wand. Die heutigen Schalke-Profis sind doch stark, auch physisch, aber sie kriegen es als Mannschaft wohl nicht hin. Es muss einfach mal der Knoten platzen, das dachte ich schon zuletzt nach dem 4:0-Sieg gegen Hoffenheim, aber es war dann doch nicht die Initialzündung.

SPORT1: Haben Sie noch das Gefühl, dass es auf Schalke noch echte Spielertypen gibt? Malocher wie früher?

Eigenrauch: Man muss da unterscheiden. Malocher-Typen auf dem Platz und abseits des Rasens. Wobei man die Zeiten mit damals halt nicht vergleichen kann. Heute wird einem Schalke-Profi und generell den Spielern jeder Fehltritt um die Ohren gehauen. Jeder Mensch glaubt von einem Profi ein Foto machen zu müssen, das dann gleich gepostet wird. Mit so etwas müssen die Spieler heutzutage erstmal umzugehen lernen. Ein Profi hat doch gar keine Privatsphäre mehr oder eine sehr eingeschränkte Privatsphäre. Nicht nur auf Schalke wird jede Enttäuschung gleich ins Netz gestellt.

"Klare Aussagen sind nicht mehr erwünscht"

SPORT1: Täuscht der Eindruck oder ist auf Schalke alles austauschbar?

Eigenrauch: Nicht nur auf Schalke. Das betrifft auch die Verhaltensmuster bei anderen Klubs. S04 ist natürlich in einer beschissenen Situation, was die sportliche Situation betrifft. Aber die eigentliche Problematik gibt es ja überall im Sport. Das fängt schon bei der Erziehung an. Die Jugendlichen lernen nicht mehr mit Kontra umzugehen. Alles muss immer nur geschmeidig und glatt sein. Oder wie bei Schalke austauschbar. Aber man muss zu seinen Fehlern stehen. Ein Streit ist nichts Negatives. Bei den Königsblauen hat man sich doch gar nicht mehr mit Meinungsverschiedenheiten auseinandergesetzt. Deshalb ist man auch nicht weitergekommen beziehungsweise gewachsen. Klare Aussagen werden nicht mehr getroffen beziehungsweise sind wohl auch nicht erwünscht.

SPORT1: Sind die Profis auf Schalke nur noch Marionetten?

Eigenrauch: Es hat den Anschein. Sie haben keine eigene Bestimmung mehr. Den Spielern wird vorgegeben, wann sie mit wem sprechen können. Das und das darf gesagt werden, gewisse Themen werden einfach verboten. Das Business ist viel zu linear geworden.

SPORT1: Mit welchem Schalke-Profi kann sich ein Jugendlicher überhaupt noch identifizieren? Früher waren das Typen wie Sie, Mike Büskens, Olaf Thon. Es gibt keine Identifikation mehr, oder?

Eigenrauch: Das vermag ich nicht zu beurteilen. Obwohl die Leute früher auch nicht wussten, wie wir auf Schalke wirklich sind. Da wurde ein Bild gezeichnet von dem Schalke-Profi und so ist es in ähnlicher Form. heute. Alles ist nur noch gläsern. Leidenschaft und Engagement fehlen mir auf Schalke. Da sind wir wieder beim Thema Malocher. Obwohl ich den heutigen Schalke-Profis keinen Vorwurf machen will. Das Engagement ist da, aber irgendwie fehlt der letzte Wille.

SPORT1: Auch auf der Trainer-Position gab es in der Vergangenheit keine Kontinuität.

Eigenrauch: Das Problem mit den Trainern ist kein Neues. Das gab es auch schon Anfang der 1990er Jahre. Das gehört leider dazu auf Schalke. schön wäre es natürlich, wenn man dort eine gewisse Kontinuität rein bekommen könnte, aber da spielen viele Faktoren eine Rolle. In den vergangenen Jahren haben Trainer die Erwartungshaltung deutlich nicht erfüllen können. Manchmal muss es einfach stimmen, bisher hat es nicht gepasst.

Eigenrauch: "Man hat auf den Sack bekommen"

SPORT1: Die Fans auf Schalke sehnen sich nach neuen Eurofightern. Sie auch?

Eigenrauch: Schon. Aber das ist ein großes Problem in der Entwicklung auf Schalke. Auch bei anderen Klubs. Der Sport hat sich immer über gewisse Werte wie Gemeinschaft, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit definiert. Bei uns war damals auch nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen, aber Probleme wurden intern behandelt, dafür hat man dann auf den Sack bekommen.

SPORT1: Lassen Sie uns über das Thema Hierarchie sprechen. Gibt es die auf Schalke?

Eigenrauch: Ich kann keine erkennen. Aber eigentlich brauchst du keine Hierarchie. Entweder entsteht die von alleine oder eben nicht. Du kannst als Team aber auch gleichberechtigt miteinander agieren. das halte ich für viel sinnvoller, als immer von einer Hierarchie zu sprechen. es geht darum, dass man sich auf einer Linie bewegt, die gleichen Ziele hat und miteinander gleiche oder ähnliche Verständnis hat, wie man zum Erfolg kommen kann. Das wäre wichtig für Schalke. Nicht nur für die 25 Spieler, sondern für alle Mitarbeiter.

SPORT1: Aber warum ist das Gemeinschaftsgefühl in den vergangenen Jahren auf Schalke irgendwie abhanden gekommen?

Eigenrauch: Weil sich der Sport leider komplett gewandelt hat. Das ist auf Schalke besonders ausgeprägt, aber woanders ist das auch so. Heute wird nicht mehr über den Fußball als Sport gesprochen, sondern über Fußball als Business. Und das Geschäft betrifft die Spieler sowie das Umfeld bei Königsblau. Das passt überhaupt nicht zusammen. Das Geschäft gehört dazu, aber es muss ausgewogen sein. Inzwischen werden auf Schalke Einzelspieler zu einer Mannschaft zusammengefügt, früher waren wir ein Team. Gemeinschaft ist das Stichwort.

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SPORT1: Dann ist Schalke also kein Malocher-Klub mehr?

Eigenrauch: Richtig. Das Malocher-Gen wird nur vorgegaukelt. Aber nicht bewusst. Es wird sich an diesem Wort festgehalten, weil es wesentlicher Bestandteil des Klubs ist, aber es geht um Authentizität und Ehrlichkeit und nicht nur einen auf Business machen. Ich finde auch den Spruch "Schalke, wir leben dich" ganz nett, ist aber am Reißbrett entstanden.

Eigenrauch: "Bei Assauer wusste man, woran man ist"

SPORT1: Huub Stevens hat zuletzt seinen Rückzug angekündigt. Ist damit auch der letzte Schalker Hoffnungsträger weg?

Eigenrauch: Es geht gar nicht um einzelne Personen, sondern um ein Bewusstsein, das wieder einkehren muss, was den Fußball auf Schalke betrifft. Das ist keine Werbetafel, mit der man spazieren gehen kann. Fußball ist etwas Elementares. Natürlich ist Huub Schalke, aber er kennt das Business auch und weiß, dass der Fußball sich verändert hat. Ich weiß nicht, wie anstrengend das im Aufsichtsrat für ihn war, im Sportlichen und Wirtschaftlichen einzugreifen.

SPORT1: Fehlt Schalke 04 ein Typ wie Rudi Assauer?

Eigenrauch: (überlegt etwas) Er fehlt auf Schalke genauso wie Spieler, die Profil zeigen und klar für etwas stehen. Er könnte einfach als Typ helfen mit der tendenziellen Gradlinigkeit. Bei ihm wusste man immer, woran man ist. So etwas fehlt im ganzen Fußball. Es wird immer nur auf Umstände reagiert. Entweder man hat eine Philosophie und versuchst diese durch zu ziehen oder du hast keine Philosophie und orientierst dich daran, wie andere Leute reagieren, anstatt dein Ding zu machen.

SPORT1: Ihr Ding haben Sie gemacht, als Sie bei der Protest-Demo gegen Clemens Tönnies dabei waren. Sie sind also kein Freund von ihm...

Eigenrauch: Ich weiß nicht, ob er neben seinem finanziellen Engagement Schalke genutzt hat. Man hat Tönnies in seinem Gebaren zu lange gewähren lassen und da fand ich es eher unangebracht. Damit meine ich nicht seine irritierenden Äußerungen auf der Handwerker-Tagung. Er ist ein Bestandteil des Niedergangs von Schalke 04.

SPORT1: Wenn Schalke absteigt, liegt es auch daran, dass die Spieler nicht das Herz der Eurofighter haben?

Eigenrauch: Die Spieler heute haben sicher ein Herz für den Fußball, ob sie auch ein Herz für Schalke haben, weiß ich nicht. Sind sie sich wirklich der Bedeutung eines Abstiegs bewusst? Wenn du zu Schalke kommst, dann weißt du nach vier Wochen, worum es geht. Das scheint inzwischen nicht mehr so zu sein.