Darum ist Schalke der bessere BVB

Thorsten Langenbahn, Andreas Kloo
Schalke macht mit Trainer Domenico Tedesco (r.) derzeit einiges mehr richtig als Borussia Dortmund mit Trainer Peter Bosz

Über den Videowürfel der Veltins-Arena flimmerten nach Schlusspfiff die Tore vom letzten Auswärts-Derbysieg. Ibrahim Afellay und Marco Höger trafen am 20. Oktober 2012 zum 2:1-Erfolg der Königsblauen.

Mehr als fünf Jahre später hat der FC Schalke 04 den großen Rivalen Borussia Dortmund erstmals seit langem überflügelt – und geht nicht mehr als klarer Außenseiter ins Revierderby am kommenden Samstag (15.30 Uhr im LIVETICKER)

Mit dem 2:0-Sieg über den Hamburger SV am 12. Bundesliga-Spieltag brachte sich Schalke nicht nur tabellarisch in Position, es war auch eine Kampfansage in Richtung östliches Ruhrgebiet. "Die Nummer eins, die Nummer eins, die Nummer eins im Pott sind wir", hatte es schon während des Spiels gegen den HSV aus der Nordkurve geschallt.

Mit einem Erfolg im Derby wäre die Vormachtstellung besiegelt. Das ist auch den Spielern bewusst. "Wir wissen, wie viel dieses Spiel den Fans bedeutet", sagte Daniel Caligiuri zu SPORT1.


Die Chancen auf einen Auswärtssieg in Dortmund sind gut wie lange nicht, denn der Tabellenzweite aus Herne-West ist dem Erzrivalen aus Lüdenscheid-Nord derzeit gleich in mehreren Belangen voraus. SPORT1 zeigt, warum Schalke derzeit der bessere BVB ist.

- Der Trainer

Domenico Tedesco hat den Königsblauen eine klare Handschrift verpasst. Unter der Regie des 32-Jährigen spielen die Schalker nicht ausnahmslos schön, aber effektiv und erfolgreich.

Die zweckmäßige Art des Bundesliga-Novizen kommt an – weil sie Punkte bringt. Tedesco weiß zudem, seine Ideen zu vermitteln. So hat er etwa Max Meyer als Sechser langsam aufgebaut, der Jung-Nationalspieler dankt es ihm mit überzeugenden Leistungen.

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Dortmunds Coach Peter Bosz hat mit seinem 4-3-3-System zwar auch eine klare taktische Vorstellung. Aber er tut sich weiter schwer, das System seinem Team zu vermitteln.

"Peter Bosz hat es noch nicht geschafft zu klären: Was ist denn jetzt das richtige System für uns? Dann ist es ganz normal, dass innerhalb der Mannschaft verschiedene Stimmungen und Strömungen entstehen, wie man denn jetzt spielen soll", erklärte SPORT1-Experte Thomas Strunz im CHECK24 Doppelpass.

- Die Balance im System

Das Schalker Konstrukt ist so stabil wie schon lange nicht mehr. Die Balance zwischen Offensive und Defensive funktioniert vorbildlich. "Wir schießen vorne momentan nicht fünf, sechs Tore. Aber es ist auch sehr, sehr schwierig, gegen uns ein Tor zu erzielen. Das zeigt eine gewisse Qualität", meinte Sportvorstand Christian Heidel nach dem siebten Saisonsieg.

"Wir haben die gewissen Spieler drin", sagte Tedesco bei Sky und lobte zugleich die "gute Kollektivarbeit" seines Teams.

In Dortmund dagegen ist die Balance nach einem guten Saisonstart völlig verloren gegangen. Strunz erklärt das sehr anschaulich: "Drei wollen lieber tiefer stehen, vier anderen ist es egal und die restlichen drei sagen, wir gehen mal ganz nach vorne. Da habe ich große Bedenken, ob Bosz das alles wieder zusammenführen kann."


- Die Defensive

Zehn Gegentreffer aus zwölf Bundesliga-Spielen – nur Spitzenreiter FC Bayern hat mit acht Toren weniger kassiert. Zum Vergleich: Beim Fünftplatzierten BVB hat es in der Liga bereits 16-mal geklingelt, allein 14-mal in den vergangenen fünf Partien.

Ganz anders Schalke: "Wir haben in den letzten fünf Spielen nur ein Tor bekommen – das ist sehr außergewöhnlich in der Bundesliga", findet Heidel.

Abwehrchef Naldo, Thilo Kehrer und Benjamin Stambouli haben als Dreierkette einen erheblichen Anteil an dieser neuen Stabilität. Das Trio konnte sich seit Saisonbeginn einspielen.

Bosz musste in Dortmund dagegen immer wieder rotieren, vor allem auf den Außenverteidigerpositionen. Dazu leistete sich auch Torhüter Roman Bürki den einen oder anderen Patzer. Das slapstickhafte erste Gegentor in Stuttgart führte die Verunsicherung beim BVB vor Augen. 

 - Der Kader

Nicht nur die spielerische Balance stimmt, auch die Ausgeglichenheit zwischen Jung und Alt passt. Die Schalker haben ihren Kader außerdem von 31 auf 23 Spieler reduziert. Damit gibt es weniger unzufriedene Reservisten und einen deutlich fokussierteren Konkurrenzkampf.

Bei der Aufstellung des Schalker Cheftrainers zählt allein das Leistungsprinzip. "Bei uns kann sich kaum einer mehr als eine schlechte Trainingseinheit leisten, dann reagiert der Trainer sofort", sagt Christian Heidel über den internen Kampf um die Plätze. Auch die Tatsache, dass der Ausfall zweier Leistungsträger wie Leon Goretzka und Nabil Bentaleb geräuschlos kompensiert werden kann, zeigt die Stärke des engen Schalker Kaders.

Beim BVB dagegen ist Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang nicht adäquat zu ersetzen, wie sich in Stuttgart zeigte. Auch der Ausfall von Lukasz Piszczek schmerzt die Dortmunder in der Defensive sehr.

- Der Goretzka-Effekt

Pünktlich zum Derby wird der Top-Star und Spielmacher der Schalker zurückkehren. "Ich möchte nicht zu viel versprechen. Aber mein Ziel ist es schon, nächste Woche wieder dabei zu sein", sagte er am Rande des HSV-Sieges – und bezeichnete dieses Ziel als "realistisch".

Die königsblaue Nummer acht ist diese Saison in überragender Form. Auch als Persönlichkeit führt er die Schalker an, reißt seine Mitspieler mit, wenn es mal nicht läuft. Solch eine herausragende Führungsfigur sucht man in der Elf der Dortmunder momentan vergeblich.

Mario Götze kommt zwar immer besser in Form. Das reicht aber noch nicht, um als Anführer beim BVB zu wirken.


- Die Ruhe im Umfeld

Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies hat sich in der jüngeren Vergangenheit mit öffentlichen Ansagen oder Kritik zurückgehalten. Diese Ruhe tut allen Beteiligten gut, um sich aufs Wesentliche konzentrieren zu können.

Ganz lassen kann Tönnies es aber nicht. Dem kicker sagte er: "Wir wollen auch langfristig wieder vor Dortmund stehen, wir wollen den BVB am liebsten wieder überholen. Das muss aber noch nicht in dieser Saison sein. Wenn es passiert, ist es natürlich trotzdem gut." Schalke blendet also Nebengeräusche weitestgehend aus, was den Dortmundern - siehe die Suspendierung von Aubameyang - derzeit nicht so gut gelingt wie in den letzten Jahren.