"Das schafft nicht automatisch Gleichberechtigung": Soziologin kritisiert Regierungspläne zur Ganztagsbetreuung

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Ab 2029 soll für jedes Grundschulkind in Deutschland Ganztagsbetreuung möglich sein
Ab 2029 soll für jedes Grundschulkind in Deutschland Ganztagsbetreuung möglich sein

Es ist eines der letzten großen Milliardenprojekte, das in dieser Legislaturperiode noch beschlossen werden könnte: Nach monatelangem Streit mit den Ländern billigte das Bundeskabinett diesen Monat einen Gesetzentwurf, der Grundschulkindern einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ermöglichen soll. Gelten soll er erstmals für Kinder, die 2026 eingeschult werden. Bis 2029 soll er schrittweise alle Grundschulkinder erfassen. Dafür will der Bund bis zu 3,5 Milliarden Euro bereitstellen und sich an den laufenden Kosten der Länder beteiligen. Vorher muss der Entwurf aber noch durch Bundestag und Bundesrat.

Die Betreuungsangebote seien zwar zuletzt stark ausgebaut worden, heißt es im Entwurf, doch es reiche nicht für die Nachfrage aus. Deshalb soll das Gesetz zum einen die Betreuungslücke schließen, in die viele Mütter fallen, wenn ihre Kinder eingeschult werden. Zum anderen verfolgt das Gesetz aber noch ein viel größeres Ziel: Es soll die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erhöhen, insbesondere bei Frauen. Sie sollen durch die Ganztagsbetreuung mehr Zeit zum Arbeiten haben und damit zu einem höheren Einkommen und in der Folge zu einer besseren Altersvorsorge beitragen können, heißt es im Entwurf. Die inzwischen zurückgetretene Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hatte das Gesetz deshalb einen "Game Changer" genannt.

Doch hält das Gesetz diesem Anspruch statt? Damit Frauen auf dem Arbeitsmarkt besser gestellt sind, müsste sich noch viel mehr ändern, sagt Soziologin Bettina Kohlrausch. Sie ist wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Im Gespräch mit Business Insider sagt sie: "Nur weil der Staat Müttern Teile der Betreuung abnimmt, schafft er nicht automatisch mehr Gleichberechtigung für Frauen." Aus ihrer Sicht entsteht Gleichberechtigung erst, wenn Männer mehr von der sogenannten Sorgearbeit übernähmen und Frauen besser bezahlt würden. Unter Sorgearbeit versteht man die Zeit, in der man sich meist unbezahlt um Familienangelegenheiten kümmert, etwa Kinderbetreuung.

Die Aufteilung der Kinderbetreuung hat oft finanzielle Gründe

Die Aufteilung der Sorgearbeit ist in Familien in Deutschland sehr ungleich, hält der Gleichstellungsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2019 fest. Im Alltag heißt das: Männer kümmern sich pro Tag im Schnitt zwei Stunden und 46 Minuten um Kinder oder Familienangehörige, bei Frauen sind es vier Stunden und 13 Minuten. Für die Zeit in der Pandemie rechnen viele Wissenschaftler sogar noch mit einem deutlich größeren Unterschied – Zahlen gibt es dazu aber noch nicht.

Dabei hat die Aufteilung der Kinderbetreuung bei vielen Eltern vorwiegend finanzielle Gründe: Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus 2019 zeigt, dass Männer in Deutschland noch immer mehr als Frauen verdienen, weil sie öfter in besser bezahlten Branchen und Berufen arbeiten. Da das Elterngeld im Normalfall nur 65 Prozent des letzten Nettogehalts ersetzt und bei 1800 Euro gedeckelt ist, bedeutet das für viele Familien: Je mehr Zeit die Väter sich für ihre Kinder nehmen, desto weniger Geld bleibt der Familie übrig.

Finanziell kann das Recht auf Ganztagsbetreuung deshalb nur begrenzt etwas für Mütter ändern, wenn Väter in der Regel weiter mehr als Frauen verdienen. „Faktisch führt es in den meisten Fällen dazu, dass Frauen nach wie vor in Teilzeit arbeiten und die Väter in Vollzeit", sagt Soziologin Kohlrausch, die schon über viele Jahre zu sozialer Ungleichheit forscht. Es bleibe bei der klassischen Aufteilung der Sorgearbeit: Frau bleiben überwiegend mit den Kindern zu Hause, der Mann geht arbeiten.

Ganztagsbetreuung hilft Mütter nur, wenn es auch genügend Grundschulplätze gibt

Die SPD argumentiert, der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung soll Müttern überhaupt ermöglichen, arbeiten zu gehen. "Die Rahmenbedingungen sollen dazu beitragen, dass Mütter sich nicht mehr entscheiden müssten, ob sie arbeiten gehen oder die Kinder betreuen", sagt Sönke Rix, familienpolitischer Sprecher der SPD. Dazu gehöre natürlich auch die gleichberechtigte Aufteilung der Sorgearbeit. "Aber wir können Eltern nicht zu 100 Prozent vorschreiben, wie sie es machen sollen", so Rix.

Fraglich ist aber, ob Eltern den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung überhaupt überall geltend machen können. Denn vielerorts mangelt es an Grundschulplätzen: Allein in Berlin sollen 2021 etwa 11.200 Plätze an Grundschulen fehlen, berichtet der Tagesspiegel. Zudem suchen viele Grundschulen vergeblich nach Erziehern, die den größten Anteil der Ganztagsbetreuung übernehmen. Laut dem Nationalem Bildungsbericht 2020 fehlen in Deutschland bis zum Jahr 2025 mehr als 300.000 Erzieherinnen und Erzieher. Als Gründe dafür nennt eine Studie des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus dem Jahr 2020 dabei auch die schlechte Bezahlung der Fachkräfte. An dieser Stelle hilft den Eltern auch der Rechtsanspruch nicht weiter. Gibt es keinen Kita-Platz, kann das Kind nicht betreut werden – und vielfach bleibt die Mutter zu Hause – Rechtsanspruch hin oder her.

„Ein Game Changer wäre, die Lohnstruktur so anzupassen"

Geht es nach der Soziologin Kohlrausch, müsste es für Erzieherinnen in der Ganztagsbetreuung zudem mehr Geld geben. "Wenn der Staat schon so viel Geld in die Ganztagsbetreuung investiert, sollte der Bund eine angemessene Bezahlung des Personals auch zur Bedingung machen", sagt sie. Denn zur Realität in Deutschland gehört auch, dass der Bruttomonatslohn von Erzieherinnen mit 2793 Euro weit unter dem bundesweit durchschnittlichen Bruttolohn von 3441 Euro liegt.

Aus Sicht von Kohlrausch könnte man mit einer besseren Bezahlung gleich mehrere Probleme lösen. Erstens: Mehr Menschen würden sich für eine Karriere als Erzieherin oder Erzieher entscheiden. Zweitens: Zugleich hätten Frauen in der Ganztagsbetreuung ein Einkommen, das näher an dem der Männer liegt. Damit wäre – drittens – eine gleichmäßigere Aufteilung der Sorgearbeit möglich.

Experten schlagen vor, das Elterngeld für maximal 7 Monate zu erhöhen

Doch neben einer besseren Bezahlung, hat Kohlrausch noch eine andere Idee, um Frauen mehr Sorgearbeit abzunehmen: "Die Elternzeit ist für Mütter oft der biografische Knackpunkt", sagt die Soziologin. Wenn sie währenddessen oder im Anschluss nicht von der Teilzeit wegkämen, entwickelten sich Lohn und Karriere schlechter im Vergleich zu Männern. Ihre Lösung: Dafür sorgen, dass mehr Männer Vätermonate nehmen würden und Frauen während und nach der Elternzeit in Vollzeit arbeiten könnten.

Eine ähnliche Idee findet sich dabei auch im jüngsten Familienbericht des Bundesfamilienministeriums wieder: Dort hatte die Expertenkommission zum Thema Elternzeit und Elterngeld bereits eine Reform vorgeschlagen: Sie empfiehlt „drei exklusive Monate für jedes Elternteil und acht weitere Monate, die die Eltern frei untereinander aufteilen können". Außerdem soll das Elterngeld laut der Expertinnen für maximal sieben Monate pro Elternteil auf 80 Prozent des Nettoeinkommens erhöht werden.

Findet der Vorschlag der Kommission eine Mehrheit, gäbe es zumindest mehr finanzielle Anreize für Väter in Elternzeit zu gehen, selbst wenn sie mehr verdienen. Die große Koalition wird ein solches Projekt aber nicht mehr anstoßen. Betroffene Familien müssen also auf die nächste Regierung hoffen.

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