Schöne neue Welt


Es klingt wie die schöne neue Welt von Auto und Mobilität. „Wir können Ihnen 38.000 Stunden Lebenszeit zurückgeben“, verspricht Johann Jungwirth auf dem Handelsblatt-Autogipfel in Sindelfingen. Das ist vielleicht nicht ganz so ernst gemeint, beschreibt aber die Richtung, in die der Volkswagen-Konzern gehen will. Jungwirth ist der Chief Digital Officer (CIO) der Wolfsburger. Er trägt bei VW einen wesentlichen Anteil daran, dass sich das Unternehmen den großen Themen der Automobilbranche wie Digitalisierung, Elektromobilität und Autonomes Fahren geöffnet hat.

Nicht nur bei Volkswagen, sondern auch bei allen anderen Autoherstellern haben die Megatrends der Branche Einzug gehalten. Die Automobilindustrie steht vor den größten Veränderungen der vergangenen 50 Jahre. Ging es bislang darum, einfach nur die besten Autos zur produzieren, muss sich die Branche jetzt viel breiter aufstellen. Es geht um Mobilität in all ihren Varianten. Die Autohersteller müssen sich zum Dienstleister für mobile Fragen wandeln.

Der Wechsel auf den Elektroantrieb ist dabei vielleicht noch die kleinere Herausforderung für die Automobilindustrie. „Das ist nicht das Problem für uns“, sagt auch VW-CIO Jungwirth auf dem Autogipfel. Motor ist Motor, damit können Hersteller wie Volkswagen, BMW und Daimler umgehen. Von Diesel- und Ottomotoren auf ein Elektroaggregat umzusteigen, das sollte die Branche also eigentlich schaffen.

Der oberste digitale Denker aus dem Volkswagen-Konzern verbreitet auch Optimismus, was Konnektivität, Digitalisierung und Autonomes Fahren betrifft. Auch diese Themen sollten die Autohersteller in den Griff bekommen. Einzige wichtige Voraussetzung: „Der Mensch muss an erster Stelle stehen, darum geht es.“ Viel direkten Umgang mit Kunden muss die Branche allerdings noch lernen, das sind die meisten Hersteller bislang nur ansatzweise gewohnt.

Johann Jungwirth ist ein glühender Verfechter des Autonomen Fahrens. Selbstständig fahrende Autos werden aus seiner Sicht in den kommenden Jahrzehnten dafür sorgen, dass ein Autofahrer zehntausende Stunden an Lebenszeit zurückbekommen wird. Weil das Auto selbst fährt und die Menschen völlig andere Dinge erledigen können, wenn sie mit dem Wagen unterwegs sind. Arbeiten im Stau etwa wird durchgängig möglich, weil niemand mehr die Hände ans Steuer legen muss.


Damit autonom fahrende Autos zum Erfolg werden, muss die Branche allerdings einige Grundvoraussetzungen erfüllen, so sieht es zumindest Johann Jungwirth. Solche Fahrzeuge müssten Emotionen wecken und auch optisch auffallen, wie der Sedric, das erste vollständig autonom fahrende Auto aus dem Volkswagen-Konzern. Die neuen Fahrzeuge sollten zudem echte Innovationen enthalten – nur mit zusätzlichem Nutzen würden sie die Kunden akzeptieren. Jungwirth spricht von der „Mobilität für alle“, weil künftig auch Blinde, Kranke und ältere Menschen im Auto unterwegs sein könnten.

Die regulatorischen Probleme hält Jungwirth für lösbar. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die autonom fahrenden Autos von den Behörden eine Straßenzulassung bekommen würden. Zweifel an der Sicherheit hat Jungwirth nicht. Künftig werde die Zahl der Unfälle sogar zurückgehen, weil Maschinen zuverlässiger als Menschen seien. Vor allem aus diesem Grund würden die Autos die Straßenzulassung bekommen.


Wann kommen die fliegenden Autos?


Ein Unternehmen wie Volkswagen müsse sein Rollenverständnis ändern und sich vom reinen Autohersteller zum Anbieter von Mobilitätsdiensten wandeln. „Wir wollen damit überall vertreten sein“, betont Jungwirth.
Innerhalb des Volkswagen-Konzerns wird noch über ganz andere Formen der Mobilität nachgedacht. Jörg Astalosch leitet die VW-Tochter Italdesign, eine Design- und Ideenschmiede in Italien. Der eine oder andere mag darüber noch schmunzeln, doch die Volkswagen-Tochter hält sie für ein ernsthaftes Geschäft: Flugautos. Im März auf dem Genfer Automobilsalon hatte Italdesign bereits den Pop-up präsentiert, das erste Flugauto des Hauses.

Fliegende Fahrzeuge sind eine Antwort auf die weiter wachsende Zahl von Staus in den großen Ballungsräumen. „Deshalb lohnt es sich, auch den Himmel für den Transport zu öffnen“, glaubt Jörg Astalosch. Volkswagen ist im Übrigen nicht der einzige Autohersteller, der über ein solches Konzept nachdenkt. Der Daimler-Konzern arbeitet am „Volocopter“, der im September auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt zu sehen war.


Jörg Astalosch glaubt, dass die Flugautos Mitte des nächsten Jahrzehnts kommerziell einsatzfähig sein werden. „Die Automobilindustrie kann sich damit neu erfinden“, sagt er. Flugautos seien ein weiteres Beispiel dafür, wie sich die Branche zum Anbieter neuer Dienstleistungen wandeln könnte.

Das Autonome Fahren ist nicht nur ein Aktionsfeld für die Autohersteller, sondern auch für die IT-Branche. Microsoft bietet bereits Büroassistenten für Autos an, Volvo und BMW arbeiten damit. Dazu gehört eine neue Variante der Internet-Telefonie, „Skype for Business“. Microsoft sieht sich als Partner der Automobilbranche, der keine eigenen Fahrzeuge baut und verkauft. Der US-Konzern will vor allem dafür sorgen, dass autonom fahrende Autos sicher unterwegs sind. „Das wäre der größte anzunehmende Unfall für die Branche – wenn die Autos gehackt werden“, so Sabine Bendiek, Microsoft-Deutschland-Chefin, auf dem Handelsblatt-Autogipfel.

Auch Google arbeitet intensiv am Thema Mobilität. Spracherkennung bekommt wachsende Bedeutung, besonders beim Fahren. „Auch im Auto wird mit dem Smartphone gesprochen“, sagt Philipp Justus, Google-Vizepräsident für Zentraleuropa. Spracherkennung (und damit Sprachbefehle) versprechen mehr Sicherheit beim Fahren, weil niemand mehr umständlich Schalter und andere Bedienelemente drücken muss. Das IT-Unternehmen verkauft zudem seine Software Android als Betriebssystem für das Infotainment in Fahrzeugen, zu den Kunden zählen Audi und Volvo.