Saudi Arabien schreitet aus der Steinzeit ins 21. Jahrhundert

Saudi-Arabiens Kronprinz hat bei seinem Treffen mit Donald Trump viel vorzuweisen: die Modernisierung seines Landes im Eiltempo.


Im Schatten der Palmen vor der Nationalbibliothek mit seiner filigranen weißen Segeltuch-Fassade bauen ganz in schwarz gehüllte Frauen ihre Stände mit Essen auf. „Ich komme jetzt immer öfter aus meinen vier Wänden heraus und kann auch noch etwas für meine Familie tun“, erzählt die 53-jährige Alia und rührt in ihrem großen Topf eine Kichererbsen-Suppe.

Ihr Mann bringt aus dem Wagen gebratene Lammfleisch-Röllchen und fährt dann weg. Denn selbst Auto fahren darf die dreifache Mutter bisher nicht. Aber ab 24. Juni werden Frauen in Saudi-Arabien – dem einzigen Land der Welt, das bisher Frauen Autofahren verbietet – die Steuer in ihre Hände nehmen. Erste Auto-Messen speziell für Frauen werden bereits in der Hafenmetropole Dschidda und in der Hauptstadt Riad durchgeführt. Das Interesse ist gewaltig.

„Aber es hat sich schon so viel geändert“, erzählt Alia, die so verschleiert ist, das nur die dunklen Augen zu sehen sind. „Aber das ist nur alte Gewohnheit und etwas Unsicherheit“, erklärt sie. Immerhin dürfe sie nun erstmals allein, ohne Männerbegleitung, auf die Straße. Das sei ein großer Gewinn.

Und nicht alle Frauen sind heute schwarz verhüllt. „Als unsere Tochter zum ersten Fußballspiel, zu dem Frauen ins Stadion durften, nach Dschidda fuhr, hatte sie nur ein einfaches Kopftuch um.“ Der Hafenstadt-Klub Al-Ahli, der bereits dreimal Meister war und seit drei Saisons mit einem syrischen Stürmer den Torschützenkönig der Saudi Premier Division stellt, schlug den Provinzverein Al-Batin 5:0.

Dass Frauen bald selbst Auto fahren dürfen, seit 12. Januar in Fußballstadien anfeuern und zusammen mit Männern Konzerte besuchen dürfen, ist eine „Kulturrevolution, zudem noch von oben“, sagt ein hochrangiger Diplomat in Riad.

Kronprinz Mohammed bin Salman Al Saud habe bei seinen Treffen mit US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus viel vorzuweisen an Fortschritt in seinem Land, vor allem die Frauen zögen voll mit: 107.000 Frauen bewarben sich auf die 140 Jobs für Passkontrollen bei den Grenzschutzbehörden. Gerade wurde verkündet, dass Frauen erstmals auch in Saudi-Arabien Soldatinnen werden dürfen.

Das bisher als erzkonservativ verschriene Königreich erlebt gerade beispiellose Reformen: Das bis heute völlig vom Öl geschmierte Land will unabhängig von der ebenso flüssigen wie volatilen Ressource werden. Und es muss sich zugleich so transformieren, dass die Bevölkerung – 70 Prozent sind jünger als 30 Jahre und viele arbeitslos – Jobs und Lebensperspektiven bekommt.


Privatwirtschaft wird gefördert statt der bisher korrupten Mittelsmänner, die dem Staat überteuert Dienste ausländischer Firmen verfügbar machten. Der erzradikale Islam der Wahhabiten, die bisher die Heiligen Stätten Mekka und Medina beherrschten, wird geschliffen.

Angetrieben wird der Wandel aus der Steinzeit ins 21. Jahrhundert, der „Vision 2030“ genannt wird, vom erst 32 Jahre alten Kronprinzen Mohammed bin Salman. Er will zum ersten Mal in der 85-jährigen Geschichte des Wüstenstaats seinem Vater nachfolgen. Während bisher nie Söhne direkt auf den Thron stiegen, wolle Mohammed bin Salman laut bösen Zungen bereits in diesem Jahr, jedenfalls aber zu Lebzeiten des 82 Jahre alten Königs Salman bin Abdulaziz Al Saud die Krone bekommen.

MbS, wie der junge Kronprinz nur genannt wird, hat alle Rivalen beiseite geräumt. Er spiele „Game of the Thrones“ – die berühmte TV-Serie in der Realität, sagen Insider.

Doch es gibt auch eine andere, eine positive, eine weibliche Sicht der Dinge in Riad: MbS lebe nicht nur von Ankündigungen, er habe bereits die Patina in seinem Land abgekratzt und so manche Grundfesten eingerissen: Am Nationalfeiertag im September tanzten erstmals Männer und Frauen auf den Straßen zu Technomusik.

Der frühere Siemens-Chef Klaus Kleinfeld soll für 500 Milliarden Dollar die modernste Großstadt der Welt – Neom – auf einer Fläche größer als Mecklenburg-Vorpommern dem Wüstensand abringen. Bis Ende des Jahres soll der mit 100 Milliarden Dollar Einnahmen größte Börsengang der Geschichte erfolgen: der IPO des weltgrößten Ölriesen, Saudi Aramco. Und saudische Frauen erfahren im wahrsten Sinne des Wortes radikale Reformen.

Neun Tage musste Manal Al Sharif noch ins Gefängnis, als Saudi-Arabiens erste IT-Sicherheitsexpertin im Mai 2011sich mit Freundinnen verabredete, um sich beim Autofahren zu filmen. Die Videos stellten sie ins Netz. Al Sharif, die das Magazin „Forbes“ zu den „10 Women who rocked the world“ zählt, machte dabei vom Lenkrad des schwarzen Geländewagens ihres Bruders aus das Victory-Zeichen.

Vielleicht ist das Autofahren gar nicht die wichtigste Forderung der Frauen, aber ein bedeutendes Symbol. Immerhin war es der Staats-Nachrichtenagentur SPA die Meldung wert, dass der Oberste Rat der Religionsgelehrten eilfertig ihre Fahne in den königlichen Wind gehängt hatte und erklärte, es gebe nichts im Koran, das Frauen Fahren verbiete.

Neue Berufe für Frauen

80 Prozent aller saudischen Frauen wollen laut einer Umfrage des Instituts Kantar TNS jetzt einen Führerschein machen. Frauenfahrschulen werden gerade eingerichtet und weibliche Polizistinnen und Gefängnisbeamtinnen ausgebildet, die im Falle von Unfällen weibliche Fahrsünder festnehmen oder gar inhaftieren sollen. Immerhin: Besondere Frauen-Kfz-Kennzeichen wurden verworfen und sie dürfen künftig auch Lkws und Motorrad fahren und Fahrerinnen der Taxi-Internetdienste Uber – an dem der saudische Staatsfonds PIF einen bedeutenden Anteil hält – oder bei dessen arabischen Rivalen Careem werden.

Doch Aktivistin Al Sharif ist schon weiter: Ihre neue Kampagne will das Vormundschaftsrecht, das Frauen rechtlich auf die Stufe von Kindern stellt und in vielen Fällen die Zustimmung von Vater, Ehemann, Bruder oder Sohn verlangt, abschaffen. Ihr neuer Hashtag: #iammyownguardian.

So weit würde Esra Assery nicht gehen. Die Start up-Unternehmerin räumt zwar ein: „Natürlich gibt es Probleme, Schranken, Limits für Frauen ­ aber wir sind viel weiter als es von außen aussieht.“ Assery hat 2011 die Digital-Marketing-Agentur eTree gegründet – rein mit Frauen als Mitarbeiterinnen. „Denn ich wollte vor allem Jobs für Frauen schaffen. Frauen sind viel besser gebildet, haben meist viel bessere Uni-Abschlüsse. Und sie wollen heute Familie und Karriere“, erzählt die 32-Jährige in ihrem Firmensitz in Riad.

Noch einen Gegensatz gibt es: Begann eTree allein mit Frauen, so arbeiten von 68 Angestellten heute acht Männer für Assery. Ohne Scheu vor dem früher strikt gehandhabten Verbot, dass Frauen und Männer nicht zusammen arbeiten dürfen, geht sie in den Arbeitsraum, wo Männer hinter großen Apple-Bildschirmen digitale Werbestrategien für Kunden wie Shell, GE, Cisco, das saudische Gesundheitsministerium, den arabischen Uber-Rivalen Careem, Flughäfen, und andere lokale Firmen im Land programmieren. Mit einem Vorurteil will Assery aufräumen: Dass Frauen nur schwer Unternehmerinnen werden könnten, sagt sie im mit bequemen Leinen-Couchs ausgestatteten Meeting-Room für beide Geschlechter.

„Unternehmerin zu werden ist in Saudi-Arabien so einfach wie Kaffeekochen“, berichtet Assery, die ihren Mann als größten Unterstützer sieht und ihre Firmen als „meine Kinder“. Die nötigen Unterlagen seien durch die Behörde in drei bis fünf Minuten durchgeschaut und die Firma registriert. „Dann muss man noch die Anmeldegebühr zahlen, aber das geht online und ist billiger als in vielen anderen Ländern“, ergänzt sie.

Und fügt hinzu: Vor fünf, sieben Jahren hätte man noch einen Mann gebraucht, um bei Gericht eine Firma anzumelden. Heute gehe das alles online – „und wir haben die beste IT-Infrastruktur weltweit, da braucht man nicht einmal Auto fahren“, lacht sie. Saudische Frauen hätten „einen großen Vorteil: Wir sind Teil des Wandels und unsere Stimmen werden gehört.“

Da kann auch Rania Nashar zustimmen: „Ich bin nicht verheiratet, aber ohne die Männer um mich herum – mein Vater, die Mitglieder des Aufsichtsrats, die alle Männer sind – hätte ich es nicht geschafft. Aber sie wissen, was sie an mir haben.“ Seit Februar 2017 leitet Nashar die Samba Financial Group, 20 Jahre lang ist sie bereits im Geldgewerbe: Die studierte Computerexpertin, hat erst Websites für die Bank aufgebaut, wurde 2006 erste Frau im Vorstand der Anti-Geldwäsche-Behörde, danach erste Frau in der gesamten Golf-Region, die eine Compliance-Abteilung führte, und als  erste Frau Chief-Auditor bevor sie zum CEO aufstieg.


Sie sei, sagt die resolute Bankerin, die einen goldenen Elefanten auf ihrem wuchtigen Schreibtisch hat, ein „neues Rollenmodell für weibliche Führungsqualität“. Sie müsse beweisen durch weiter gute Geschäftszahlen und Wachstum, dass Frauen es auch an der Spitze können. „Ich ebne den Weg, dabei sehe ich Männer eher als Unterstützer denn als Behinderer.“ Aber ihr Ziel sei klar, sagt Nashar: „Frauen nicht weiter hindern, treibender Teil unserer Wirtschaft zu sein. Bisher ist einer von vier Unternehmern eine Frau. Das muss sich ändern und mehr Frauen in Führungspositionen kommen.“

Sie sehe große Fortschritte, meint Nashar, als sie aus dem elfstöckigen grauen Bank-Quader blickt. Es sei nicht so, dass Autofahren nicht wichtig sei. Aber das sei nicht so bedeutend wie andere Fragen: Über die Hälfte der Stipendien für Studenten, die ins Ausland geschickt werden, seien Frauen.

„Wir werden im Westen als unterdrückt und als Menschen zweiter Klasse wahrgenommen. Aber das stimmt nicht“, sagt Nashar energisch und meint sogar: „Wir sind bei einigen Sachen sogar schon weiter. Frauen bekommen den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit wie Männer.“ Woher sie das wisse? Da lacht sie laut: „Ich war schließlich vor meinem Job als CEO die Chef-Auditorin der Bank.“ Saudi-Arabien sei erst 85 Jahre alt. Frauen bekämen erst seit den 1960er-Jahren Schulbildung. „Wir ändern uns so schnell wie kein anderes Land der Welt“, wagt die Karrierefrau Nashar eine gewagte Prognose.

Kronprinz MbS schüttelt das Königreich noch mehr durch mit seiner weit reichenden Liberalisierung: Im März sollen die ersten von 300 Kinos öffnen – erstmals seit 1980. In Kürze soll es erstmals Touristen-Visa geben. Ein Ferienresort mit Bier-Ausschank und gemischtem Strand ist in Planung und der britische Virgin-Gründer Richard Branson dabei.

Vergnügungsparks sind bereits im Bau. Aus dem staubtrockenen Saudi-Arabien wird eine Art grell glitzerndes Dubai. Denn die 20 Millionen Königskinder sollen nach dem Willen des Monarchen künftig ihre Milliarden in heimischen Shopping Malls, Kinos, Ferienanlagen und bei Modeschauen ausgeben statt im Ausland.

Bisher müssen aber noch immer Ehemänner oder sogar jüngere Söhne Frauen erlauben, auszugehen und sie begleiten. „Diese Männer-Vormundschaft macht mein Leben zur Hölle“, twitterte eine „JuJu19“ vor ein paar Wochen. Da fing gerade eine große Verhaftungswelle angeblich korrupter Unternehmer, Minister und Beamten an, die in Riads Edelhotel Ritz Carlton in den Luxus-Arrest kamen – bis sich die allermeisten mit Millionen-Zahlungen freikauften.

Es ist der Ort, an dem der Kronprinz wenige Tage zuvor noch sein „Future Investment Forum“ abhielt und sein 500-Milliarden-Projekt Neom ankündigte und gut gelaunt Selfies mit Untertanen machte. „Ich bin nur einer von 20 Millionen Menschen hier. Ohne sie wäre ich nichts, sie drängen und treiben mich an“, kokettierte MbS. 

Als „Mister alles und überall“ ist MbS bekannt, er ist „der Motor, der Saudi-Arabien heute antreibt“, heißt es in seinem Umfeld – das aus der Vergangenheit ganz andere Führer kennt – anerkennend.

Als Vizepremier, Verteidigungsminister, Chef des mächtigen Wirtschaftsreform-Rates, Vorsitzender des neuen Anti-Korruptions-Komitees und als Chairman des inzwischen auf 400 Milliarden Dollar verwalteten Vermögens emporgeschnellten Staatsfonds Public Investment Fund (PIF) ist er fast allmächtig inzwischen.

„Aber vielen im saudischen Könighaus geht das alles zu schnell“, will ein hochrangiger Kenner des Landes in Riad wissen, und er fügt hinzu, während er an einem Glas Tee nippt: „Saudi-Arabien braucht das Tempo.“ Doch MbS, der Kronprinz, lasse sich nicht beirren bei seiner Vision 2030.

Und Prinzessin Reema bint Bander Al-Saud sieht bereits eine noch breitere Zukunft für ihre Heimat: Als neue De-facto Sportministerin lässt sie jetzt Mädchen in Schulen turnen und rennen, rüstet Stadien mit Frauen-Toiletten um und hat Lizenzen für die ersten Frauen-Fitnessstudios vergeben.

Zu einem locker gebundenen Kopftuch, das viel Haar frei lässt, trägt sie einen modisch geschnittenen Umhang, der nur noch entfernt an die obligatorische Abaya erinnert und umso mehr an ihren Hauptjob: Als Besitzerin und CEO der Luxus-Ladenkette Alfa Intl.

„Dieser Trip musste angetreten werden“, lobt die redegewandte und fordernde Unternehmerin den Kurs des Kronprinzen. „Jetzt haben wir eine Road Map“, sagte sie, macht eine kurze Pause, um dann Ungeheuerliches für das Königreich nachzuschieben: Wahlen für Stadträte, bei den Frauen erstmals auch abstimmen und kandidieren konnten, seien „ein erster Schritt, aber nicht ausreichend nur auf lokaler Ebene“.

Bisher herrscht ein absolutistischer Monarch im Land der Al Sauds. Doch Prinzessin Reema will noch weiter und sieht „uns saudische Frauen als die Antreiber für eine bessere Welt“. Inshallah – so Allah will.