Satire: "Das ist der totale Krieg" - Die AfD setzt den Helm auf

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Der neugewählte Bundesvorstand der AfD singt die Nationalhymne (Bild: dpa)

Der AfD-Parteitag in Hannover war… lebendig. Interessant auch, was man beklatschte. Über die Partei lässt sich vieles sagen, aber eines nicht: dass sie nicht wachsam wäre.

Eine Satire von Jan Rübel

Gäbe es die AfD nicht, lebten wir im dunklen Tal der Ahnungslosen. Also wirklich, nach dem jüngsten Parteitag wird mir angst und bange: In welchem Land haben wir in den vergangenen 72 Jahren gelebt? Zerfall allerorten. Zum Glück kennt man in der AfD die richtige Antwort.

Schießen können sie, die Rechtspopulisten. Zwar haben sie immer gegen ein Establishment geschimpft, gegen Kungelrunden in Parteihinterzimmern; da fielen die Rauchschwaden an Hannoveraner Tresen schon auf, hinter denen Delegierte, Unterdelegierte und Oberdelegierte intensiv das nächste Parteitagsmanöver planten – aber die Ausgangslage ist halt dramatisch, oder wie es der zum Vorstandsbeisitzer gewählte Steffen Königer zusammenfasste: “Vom Kindergarten bis zum Abitur werden unsere Kinder vollgepumpt mit Ideologien, mit Frühsexualisierung, Gender-Mainstream, mit Political Correctness. Die 68er haben im Bildungssektor eine Kraterlandschaft hinterlassen, verbrannte Erde, eine zerbombte Kulturnation. Liebe Freunde, das ist der totale Krieg gegen das Volk der Dichter und Denker.”

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Mein lieber Scholli, vor 1968 muss die Kulturnation also unzerbombt gewesen sein, geradezu intakt; dabei waren erst ein paar Jährchen vergangen, seitdem ein anderer den totalen Krieg ausgerufen hatte – aber ich vergaß: Jener richtete sich gegen andere, nicht gegen das Volk der Richter und Henker. Als Propagandaminister Joseph Goebbels 1943 rief: “Ich frage euch: Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?” – zeitigte seine Rede gewissen Erfolg, recht viele waren mit seinen Worten happy.

Ordentlich durchgeladen

Einigkeit ist eine heikle Angelegenheit. Damals ging es schlecht aus, da fielen die Bomben auf die Kulturnation umso heftiger. Man kann sich demnach irren. Aber welchen Moment meinte eigentlich die Überraschungskandidatin des Parteitags, als sie sagte: “Die Deutschen sind in ihrer Geschichte immer stark gewesen, wenn sie einig waren.” Den Fall der Mauer 1989? Den Kriegseintritt 1914? Die Rückkehr des Stileises “Dolomiti” 2014?

Doris von Sayn-Wittgenstein schlug ein wie eine Granate im Lager der so genannten Moderaten in der AfD. Der Berliner Landesvorsitzende Georg Pazderski sollte verhindert werden, da entschieden sich die Büchsenspanner vom rechten Lager durchzuladen und schickten in letzter Minute die schleswig-holsteinische Landeschefin in eine Kampfkandidatur gegen Pazderski. Die Frau hat Tempo: Seit 2016 lebt sie erst im Nordland, seit 2016 ist sie erst AfD-Mitglied und viel Zeit zur Vorbereitung auf ihre Bewerbungsrede wird sie auch nicht gehabt haben, aber jene kam gut an.

Zuerst bemerkte von Sayn-Wittgenstein, dass sie in der Partei viele Landsleute ausmache, „die ähnlich denken und fühlen wie ich“. Klar, die gefühlten Fakten haben Relevanz bekommen, denn die echten Fakten reichen nicht, um sich hübsch bedroht zu fühlen. Munter ging es dann los: “Ich möchte nicht, dass wir in dieser so genannten Gesellschaft ankommen. Das ist nicht unsere Gesellschaft. Da werden wir ausgegrenzt.”

Doris von Sayn-Wittgenstein fühlt sich offenbar ausgegrenzt (Bild: dpa)

Wo steht denn von Sayn-Wittgenstein gerade bei ihrer Wanderung? Ich verstehe, so rasant wie sie ihre politische Karriere vollzieht, kann man schon die Orientierung verlieren. Da braucht es Durchblick: Etwas “so genanntes” will ja keiner. Ich nehme auch immer Vollmilch mit extra Fett, keinen H-Milch-Verschnitt. Nur eines verstand ich nicht: Wer grenzt die Anwältin von Sayn-Wittgenstein aus? Lebt es sich nicht gut im Land, wird sie von den Schleswig-Holsteinern ob ihres vielleicht nicht ganz astreinen Plattdeutsch gemobbt? Oder meinte sie, es herrsche Häme gegen den Adel in Deutschland? So klar ist die Lage nicht, der Adelsversteher Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe kommentierte ihren Aufstieg in der AfD im September 2016 laut “Focus” wie folgt:

“Ich bin hoch erfreut, feststellen zu dürfen, dass eine der 64 (glaube ich) Adoptivstapler(innen) des in der echten Linie ausgestorbenen, nur noch durch im Erwachsenenalter adoptierten bzw. daraufhin geehelichten oder geborenen Personen repräsentierten ‘Zweigs’ der Familie Sayn-Wittgenstein (der am ‘von’ erkennbar ist; alle anderen ‘zu’) es bis in den Schleswig-Holsteinischen Landesvorstand der AfD gebracht hat.” Du meine Güte, da brummt mir der Schädel vor lauter “von” und “zu”.

Jedenfalls wird der Fürst dann echt gemein: “So wächst zusammen, was zusammengehört: Die Partei, die uns sinngemäß täglich etwas von kulturfremden Sozialparasiten erzählt, hebt eine Person in verantwortliche Stellung, die parasitär an einer Kultur und Tradition andockt, mit der sie nichts zu tun hat. Makes sense.”

Ich glaube, nun habe ich verstanden, was von Sayn-Wittgenstein meinte, als sie sagte, “da werden wir ausgegrenzt”.

Jetzt auch noch der Volkstanz

Ich finde, da sollte nicht gleich die Hutschnur reißen. Toleranz ist eine feine Sache. So meinte die Spitzenkandidatin, die sich nach ihrer erfüllten Mission der Pazderskiverhinderung sogleich zurückzog, in ihrer Bewerbungsrede auch: “Es ist wichtig, dass wir unsere hergekommenen Traditionen und Kulturen leben können. Und es kann nicht sein, dass Gruppierungen vom Verfassungsschutz beobachtet werden, weil sie vielleicht den Volkstanz üben oder eine besondere Heimatliebe an den Tag legen.”

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So weit ist es also gekommen? Deutsche Geheimagenten schnüffeln unter tanzenden deutschen Röcken? Ich habe gleich nachgeschaut, bei der Deutschen Gesellschaft für Volkstanz (DGV), die vermelden auf ihrer Website keinen einzigen Übergriff – leben die auf dem Mond? Sicherlich meinen die AfDler dies, wenn sie “Frühsexualisierung, Gender-Mainstream, Political Correctness” monieren: Die Jugend von heute kennt nur noch halbnacktes Headbanging zum “Kapital” von Karl Marx.

Da hilft nur noch beten. Zum Glück weiß hier von Sayn-Wittgenstein Bescheid. “Wir leben von einer Seele. Wir sind ein sehr spirituelles Volk.” Das tut gut, ich fühle mich plötzlich ganz geistig durchleuchtet. Davon wird sie uns sicherlich bald mehr erzählen, von dieser Seele. Bei der nächsten Etappe ihres Sprints.