SAP verschärft Korruptionskontrollen in 120 Ländern

SAP reagiert auf die Korruptionsvorwürfe in Südafrika: Der deutsche Softwareriese kontrolliert Geschäfte mit dem öffentlichen Sektor in zahlreichen Ländern genauer. Es ist ein Signal an die strengen US-Behörden.


SAP sieht sich in Südafrika schweren Vorwürfen ausgesetzt. Der Konzern soll mit der Unternehmerfamilie Gupta zweifelhafte Geschäfte gemacht haben – diese nutzt ihre enge Beziehung zu Präsident Jacob Zuma und dessen verzweigte Verwandtschaft offenbar, um sich lukrative Staatsaufträge und großen Einfluss auf staatliche Institutionen zu verschaffen. Neben dem deutschen Softwareriesen sollen sich laut Medienberichten auch internationale Konzerne wie Hitachi, McKinsey und KPMG auf Deals eingelassen haben.

Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, doch SAP hat am Donnerstag erstmals ein „mögliches Fehlverhalten“ zugegeben. Daraus zieht der Konzern Konsequenzen fürs weltweite Geschäft: Er habe für „Hochrisikoländer“ die Vertriebsprovisionen im öffentlichen Sektor abgeschafft, teilte er mit. Dazu zählen rund 120 Staaten, die im Korruptionsindex von Transparency International weniger als 50 Punkte haben – darunter Schwellenländer wie Indien, Brasilien und China, aber auch EU-Mitglieder wie Griechenland und Italien. Auch zusätzliche Kontrollen bei der Zusammenarbeit mit externen Vertriebsmaklern und Wiederverkäufern sind geplant. Zudem kooperiert der Konzern mit Behörden in den USA. Die Aktie ist auch in New York notiert.


„Wir haben kurzfristig einen Wettbewerbsnachteil, aber der Markt wird das verstehen“, sagte Adaire Fox-Martin, die im Vorstand den Vertrieb mitverantwortet, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das Unternehmen müsse Umsatz liefern, aber „auf die richtige Art“. Sie hoffe, dass die südafrikanische Öffentlichkeit der Marke SAP wieder vertraue und erkenne, dass die Firma ihre Versprechungen einhalte.

„Eine wichtige Lehre für uns: Wir müssen verstehen, dass wir immer wachsam sein und uns an die höchsten Standards halten müssen“, sagte Fox-Martin, die gemeinsam mit Jennifer Morgan den weltweiten Vertrieb des Softwareherstellers verantwortet. Die Aufklärung zeige aber, dass SAP die Angelegenheit sehr ernst nehme.

Dieses Signal richtet sich nicht nur an Südafrika, sondern auch die USA: Die dortigen Behörden bestrafen auch Korruption außerhalb des Landes. Erst im vergangenen Jahr zahlte SAP wegen eines Verstoßes gegen Korruptionsregeln bei einem Geschäft in Panama 3,9 Millionen Dollar. Der Softwarehersteller hat bereits im Juli das US-Justizministerium und die Börsenaufsicht SEC über die Situation „freiwillig über die Situation in Kenntnis gesetzt“, wie er jetzt mitteilt. Die Ermittlungen laufen noch. SAP erklärte, mit beiden Institutionen umfassend zu kooperieren.

Die beiden Behörden wachen über die Einhaltung des Foreign Corrupt Practices Act (FCPA). Bei Verstößen gegen das US-Bundesgesetz drohen „signifikante Strafen“, wie die SEC auf ihrer Website schreibt. Neben der Rückzahlung unrechtmäßiger Gewinne drohten auch „substanzielle Zivilstrafen“. Firmen könnten zudem unter die Aufsicht eines unabhängigen Beraters gestellt werden.


Im Juli berichtete die investigative Journalistengruppe Ama Bhungane, SAP habe Geschäfte mit einer Firma der Gupta-Familie gemacht. Dabei habe Dax-Konzern eine ungewöhnlich hohe Vermittlungsgebühr von zehn Prozent gezahlt. Dies deute darauf hin, dass er den Einfluss der Guptas nutzen wollte, um sich Aufträge der staatlichen Firmen Transnet und Eskom zu sichern, so die Autoren.

Belege für Zahlungen an südafrikanische Regierungsvertreter habe die Untersuchung bislang nicht hervorgebracht, erklärte SAP. Es gebe aber „Hinweise auf mögliches Fehlverhalten im Umgang mit Drittanbietern aus dem Umfeld der Gupta-Familie“, erklärte der Konzern, ohne Details zu nennen. Gegen drei Mitarbeiter sei daher ein formales Disziplinarverfahren eingeleitet worden. Ein vierter, den das Unternehmen auch beurlaubt hatte, kann seine Arbeit wieder aufnehmen.

Die internen Ermittlungen sind nicht auf die konkreten Vorwürfe beschränkt. Die internationale Anwaltskanzlei Baker McKenzie soll alle Geschäfte im öffentlichen Sektor in Südafrika rückwirkend bis 2010 prüfen. In einer dritten Phase werde das gesamte Geschäft in Südafrika durchleuchtet, sagte Fox-Martin dem Handelsblatt.

Korruption gehört in Südafrika zum Alltag. Die Verbindung zwischen der Familie Gupta und dem Präsidenten Zuma sind eng, wie Tausende E-Mails zeigen, die im Sommer an die Öffentlichkeit gelangt und als ‚Gupta Leaks‘ bekannt geworden sind. Die Medien berichten über gekaufte Minister, veruntreute Gelder und illegal zugeschobene Staatsaufträge. Obwohl die Beweislast inzwischen fast erdrückend ist, bestreiten die Familie und der Präsident Gesetzesverstöße.


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Das FBI untersucht die Transfers der Gupta-Familie

Die Gupta-Familie kam die in den 1990er Jahren von Indien nach Südafrika und schmiedete dort aus einem Computergeschäft ein Firmenimperium. Das hat den südafrikanischen Staat zum eigenen Vorteil unterwandert – ein Phänomen, das im Fachjargon als „state capture“ bekannt ist, also als Kaperung des Staates.

Denn im Fall der Guptas geht es also um weit mehr als nur einen weiteren Korruptionsskandal, wie man sie am Kap kennt. Es geht vielmehr um die Übernahme zentraler staatlicher Institutionen wie etwa den Strafverfolgungsbörden oder bestimmten Ministerien durch das Firmenimperium zum Zwecke der Selbstbereicherung mit aktiver Unterstützung durch einen Staatschef und dessen Familie. So ist zum Beispiel Zumas Sohn Duduzane, einst Auszubildender bei den Guptas, seit längerem direkt oder indirekt an mehreren von deren Unternehmungen am Kap beteiligt, unter anderen auch an jener Firma, mit der SAP zum Gewinn eines Staatsauftrages offenbar eng zusammenarbeitete.


In einem Bericht aus dem vergangenen Jahr belegte die damalige südafrikanische Demokratiewächterin Thuli Madonsela angebliche Versuche der Guptas, direkt auf den Staat Einfluss zu nehmen, etwa durch ihre Intervention bei der Ernennung des Finanzministers. Die 355 Seiten legen detailliert eine Reihe weiterer Versuche der Einflussnahme vdar, etwa im Minensektor, wo die Guptas Aufträge zur Belieferung von Staatsfirmen wie dem Strommonopolisten Eskom erhielten. Verschiedentlich wird den Guptas vorgeworfen, den südafrikanischen Staat über ein undurchschaubares Netz eigener oder ihnen nahestehender Gesellschaften um Milliardensummen geprellt zu haben.

Wie weit die Tentakel der indischen Familie in Südafrikas Staat und Wirtschaft wirklich hineinreichen, wurde zur Jahresmitte offenbar, als durch bislang noch ungeklärte Umstände große Mengen privater E-Mails der Guptas an die Öffentlichkeit gelangten. Die rund 200.000 Mails wurden in den letzten Monaten tröpfchenweise von der investigativen Journalistengruppe „Ama Bhungane“ („die Mistkäfer“) veröffentlicht und erhärteten den Verdacht, dass die Guptas durch ihre große Nähe zum Staatschef wichtige Regierungsentscheidungen mitbeeinflusst und vor allem regelmäßig massiv von staatlichen Großaufträgen profitiert haben. In den durchgesickerten Emails wird auch SAP mehrfach ausdrücklich genannt.


Besonders besorgniserregend ist, dass neben SAP inzwischen immer mehr Tochtergesellschaften ausländischer Unternehmen wegen ihrer engen Geschäftsbeziehungen zu den Guptas in Verruf geraten, darunter auch die Unternehmensberater McKinsey und KPMG, die eigentlich für Transparenz im System sorgen sollen. McKinsey wird unter anderem bezichtigt, aus Geldgier einen äußerst lukrativen aber auch höchst dubiosen Beratervertrag mit dem staatlichen Strommonopolisten Eskom geschlossen zu haben, an dem auch das eng mit der Gupta-Familie verbandelte Unternehmen Trillian partizipierte. Als Gegenleistung für eine Gebühr von fast einer Million Euro am Tag leistete Mc Kinsey offenbar nur sehr wenig Arbeit.

Das Management will von alledem nichts bemerkt haben, aber steht seit Wochen öffentlich unter großem Druck, das Geld zurückzuzahlen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. KPMG wurde unter anderem zum Verhängnis, dass ehemalige Partner 2013 eine Einladung zu einer extravaganten Gupta-Hochzeit angenommen hatten und offenbar dafür illegal verwendete Gelder später testierten.


Das System der Abhängigkeiten ist inzwischen derart verwoben und tief verwurzelt, dass auf Südafrikas Strafverfolgungsbehörden kein Verlass mehr ist. So haben die Staatsanwaltschaft und die angeblich auf Wirtschaftsverbrechen spezialisierte Polizei-Sondereinheit „Hawks“ (Falken) zwar viel Eifer darauf verwendet, dem integren früheren Finanzminister und Zuma-Gegner Pravin Gordhan nachzustellen oder nach der Quelle für die den Guptas abhanden gekommenen E-Mails zu fahnden. Für die jüngsten Vorwürfe gegen Zuma und die Guptas und die gegen sie vorgebrachten Korruptions- und Geldwäschevorwürfe interessieren sich Südafrikas Strafverfolger jedoch allenfalls am Rande.

Durch die Lähmung der entsprechenden Behörden und Einheiten werden einige der Vorwürfe mit internationalem Bezug und vor allem die Geldtransfers der Guptas und anderer Familienmitglieder ins Ausland inzwischen vom amerikanischen FBI sowie britischen Strafverfolgungsbehörden wie der National Crime Agency und der Serious Fraud Office genauer untersucht.

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Die wichtigsten SAP-Produkte

S4/Hana

Für SAP ist es das wichtigste Produkt: S4/Hana ist ein Programmpaket, mit dem Unternehmen alles - von der Ersatzteilbestellung bis zur Finanzberichterstattung - erledigen können. Für diese Aufgaben hat sich der Begriff Enterprise Resource Planning (ERP) etabliert - hier ist der deutsche Konzern Marktführer. Die Datenbank Hana ermöglicht es, die Prozesse nahezu in Echtzeit abzubilden. S4 ist der Nachfolger von R3, dank dessen Erfolg SAP zu einem Weltkonzern geworden ist.

Hana

Hana

Die erste Arbeit an der Datenbank Hana erledigte SAP-Mitgründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner 2008 mit einer Gruppe Studenten. Nach einigen Jahren Weiterentwicklung steht die Technologie inzwischen im Zentrum des Konzerns: Sie ist die Grundlage wichtiger Anwendungen wie S4/Hana und der SAP Cloud Platform. Technisch gesehen handelt es sich um eine In-Memory-Datenbank, die alle Daten im Arbeitsspeicher hält und somit auch große Datenmengen schnell auswerten kann.

S4/Hana

SAP Cloud Platform

SAP Cloud Platform

Mit der SAP Cloud Platform ermöglicht SAP es Unternehmen, selbst Programme zu entwickeln - Erweiterungen für SAP-Lösungen wie S4/Hana, aber auch eigenständige Apps. Dabei ist es möglich, die Hana-Technologie aus der Cloud für die Datenanalyse zu nutzen - ob für die Auswertung von Maschinendaten oder aufwendige Konstruktionen. Der Konzern wirbt damit, dass die Plattform es ermöglicht, Innovationen schnell umzusetzen.

Hana

Business Network Group

SAP hat in den vergangenen Jahren die Plattformen Ariba, Fieldglass und Concur gekauft und in der Business Network Group zusammengefasst - eine Art Amazon für Materialien, Arbeitskräfte und Reisen. All das läuft über die Cloud, was die Automatisierung der Prozesse erleichtern und somit Kosten senken soll. Nach Angaben des Konzerns werden über das Netzwerk Geschäfte im Wert von einer Billion Dollar abgewickelt.

Sucess Factors

Für das Personalwesen, neudeutsch Human Capital Management, hat SAP 2012 eine Lösung zugekauft: Success Factors. Zum Paket zählen Funktionen für Recruiting, Bewerberverwaltung, Leistungsmanagement und Nachfolgeplanung. Bei der Übernahme ging es aber nicht nur um das neue Geschäft, sondern auch um Technologie: Success Factors half SAP, das Cloud Computing zu verstehen.

Hybris

Mit der Übernahme von Hybris holte SAP 2013 eine Lösung für Kundenbindung und Online-Handel in den Konzern, die also auch das Customer Relationship Management (CRM) einschließt. Die Software ermöglicht es Unternehmen, Kunden zielgerichtet anzusprechen und Online-Käufer zu analysieren.

Leonardo

Spediteure verfolgen den Weg ihrer Lieferungen, Industriebetriebe überwachen ihre Maschinen, Verbraucher steuern ihre Heizung: Das Internet der Dinge ermöglicht die Vernetzung aller möglichen Gegenstände. Für SAP ist das ein wichtiger Trend - er hat das Potenzial, Geschäftsprozesse zu verändern. Unter dem Namen Leonardo vermarktet der Konzern verschiedene Lösungen, etwa eine zur Überwachung von Fahrzeugflotten. Der Konzern hofft auf einen riesigen Markt, ohne aber Prognosen zu nennen.

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Südafrika - Land der Gegensätze

Die Regenbogennation...

... wird Südafrika genannt, weil das Land mit seinen gut 50 Millionen Einwohnern ethnisch sehr gemischt ist. Das führt und führte immer wieder zu Konflikten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, etwa zwischen der nichteuropäischen Mehrheitsbevölkerung und den europäischstämmigen, meist weißen Einwanderern.

Der Wirtschaftsmotor...

... des gesamten afrikanischen Kontinents ist Südafrika. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von etwa 400 Milliarden US-Dollar ist das Land die größte Volkswirtschaft Afrikas und gehört der G8+5 an. Die Staatsverschuldung lag 2012 bei 43,3 Prozent des BIP - also vergleichsweise niedrig, die Inflationsrate betrug fünf bis sechs Prozent.

Die Kehrseite der Medaille...

... sind noch immer massive Unterschiede beim Wohlstand. Der Gini-Koeffizient als Maß für das Ungleichgewicht bei Einkommen und Konsum gehören jeweils zu den höchsten weltweit. Die Arbeitslosigkeit liegt weit über 20 Prozent. Noch immer sind Schwarze, wenn auch nicht mehr rechtlich, benachteiligt. Die Armutsquote steigt. Viele Fachkräfte, insbesondere Ärzte und Ingenieure, wandern aus.

Die Apartheid...

... hat die Nation an der Südspitze Afrikas massiv geprägt. Eingeführt wurde sie nach ihrem Wahlsieg 1948 von der National Party, der Partei der meist niederländischstämmigen Buren. Die massive Diskriminierung, Benachteiligung und Herabwürdigung der schwarzen Bevökerung existierte bis 1990. Nach mehr als 40 Jahren meist friedlichem Kampf der benachteiligten Bevölkerungsmehrheit unter politischen Führern wie Nelson Mandela brach das System schließlich zusammen.

Das Ende des autoritär geführten Systems...

... mündete 1994 in die ersten Parlamentswahlen mit einem gleichen Wahlrecht für alle Bürger und veränderten das politische Leben im Land grundlegend. Nelson Mandela wurde am 27. April 1994 zum zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt. Er starb 2013.

Die Weißen...

... machen nur knapp neun Prozent der Bevölkerung aus, die hauptsächlich sind es Nachfahren niederländischer, deutscher, französischer und britischer Einwanderer sind, die ab Mitte des 17. Jahrhunderts nach Südafrika immigrierten. Die Zahl der europäischstämmigen Bevölkerung nimmt sinkt kontinuierlich. Fast eine Million Weiße haben seit den 90er-Jahren haben das Land verlassen.

Die Schwarzen...

... stellen knapp 80 Prozent der gesamten Bevölkerung und teilen sich in verschiedene Volksgruppen auf, etwa die Zulu, Xhosa, Basotho, Venda, Tswana, Tsonga, Swazi und Ndebele.

Knapp neun Prozent...

... machen die sogenannten Coloureds (Farbige) aus. Sie sind meist die Nachkommen der ersten europäischen Siedler, deren Sklaven und der ursprünglich in Südafrika lebenden Völker, zu einem kleineren Teil auch von eingewanderten Asiaten.

Asiaten...

... machen 2,5 Prozent der Bevölkerung aus. Der Großteil kommt ursprünglich aus Indien und ist Mitte des 19. Jahrhunderts ins Land geholt worden, um auf den Zuckerrohrfeldern zu arbeiten.