Das Mysterium Sancho - vom Überflieger zum Problemfall?

Lukas von Hoyer
·Lesedauer: 4 Min.

"Leichtigkeit lässt sich nicht herbeireden", sagte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc vielsagend den Ruhr Nachrichten. Der Adressat: Jadon Sancho.

Nun werden die Verantwortlichen von Borussia Dortmund um Trainer Lucien Favre dahingehend nichts unversucht gelassen haben. Gelungen ist es allerdings nicht, das zeigte sich im Topspiel zwischen den Borussen und dem FC Bayern.

Sancho zeigte bei der 2:3-Pleite des BVB eine enttäuschende Leistung. Er traf viele unglückliche Entscheidungen und verlor den Ball oftmals. Auffällig: In diesen Situationen rannte er auch nicht konsequent zurück, um seine Fehler wett zu machen. Vielmehr blieb er stehen und winkte ab.

Zorcs Rat an Sancho, den er bereits vor einigen Wochen bei SPORT1 an ihn gerichtet hatte, scheint verpufft. "Wenn er weiterhin viel arbeitet, dann kommt die Quote von ganz alleine. Er muss jetzt aber dranbleiben, das ist ganz wichtig. Dann kommt die Leichtigkeit auch wieder zurück", meinte Zorc damals.

Favre hatte trotz anhaltender Formkrise auf den Shootingstar gesetzt, da er sich dessen besondere Momente als Unterschiedsspieler erhoffte, die er im schwarz-gelben Trikot schon so oft gezeigt hatte. Der Schweizer wurde allerdings enttäuscht - erneut, denn Sanchos Zahlen sind für seine Verhältnisse erschreckend.

Letztes Ligator am 31. Mai

"Das ist normal. Du kannst nicht ein Jahr lang in Topform sein", versuchte Favre das Thema nach dem Gipfeltreffen runterzuspielen: "Keiner kann das. Wir müssen akzeptieren, wenn er mal einen Monat nicht bei 100 Prozent ist." Von 100 Prozent ist Sancho tatsächlich weit entfernt - allerdings schon deutlich länger als einen Monat.

Saisonübergreifend ist Sancho nun bereits seit elf Ligaspielen ohne Tor. In dieser Spielzeit traf er lediglich beim lockeren 5:0-Sieg in der ersten Pokalrunde beim MSV Duisburg.

Sein letztes von bisher 30 Toren in der Bundesliga erzielte der 20-Jährige am 31. Mai. Seit dem Restart - nach der Pause wegen des Aufkommens der Corona-Pandemie - geht wenig bei dem Engländer. Es ist seine erste Krise in seiner bislang astronomisch verlaufenen Karriere.

Auch Englands Nationaltrainer ist die Flaute seines Schützlings nicht entgangen - dennoch glaubt Gareth Southgate an eine große Sancho-Zukunft "Es liegt immer in unserer Verantwortung, das Beste aus den Spielern herauszuholen", sagte der Coach in der Sun. Aber es gibt auch eine Verantwortung für sie. Sancho will ein Spitzenspieler sein? Er kann ein Spitzenspieler sein."

In der vergangenen Saison hatte Sancho in 44 Pflichtspielen noch 20 Tore erzielt und weitere 20 Treffer vorbereitet. Eine unglaubliche Quote, an die derzeit nicht zu denken ist. Und eine Quote, die ihn in ganz Europa begehrt machte. Das ist vielleicht Teil des Problems.

Hängt Sanchos Formtief mit Wechsel-Theater zusammen?

Denn im Sommer wurde viel über einen möglichen Wechsel des derzeit wertvollsten Bundesligaspielers berichtet (Marktwert laut transfermarkt.de: 117 Millionen Euro). Mit seinem Wunschklub Manchester United war sich Sancho offenbar sogar einig, der BVB rückte aber nicht von einer Forderung von 120 Millionen Euro ab, die die Red Devils nicht erfüllen konnten oder wollten.

Schon in der kommenden Transferphase im Winter könnte das Wechsel-Theater aber wieder an Fahrt aufnehmen. Der gebürtige Londoner stand in England und Deutschland regelmäßig auf den Titelseiten. Das geht an einem jungen Mann nicht spurlos vorbei - so viel ist sicher. Dazu kamen weitere Aufreger wie eine Party in London.

Werde Deutschlands Tippkönig! Jetzt zum SPORT1 Tippspiel anmelden

Es besteht also die Möglichkeit, dass Sancho derzeit mit der Gesamtsituation überfordert ist. "Es wurde im Sommer viel über Jadon geredet, auch so etwas kann Einfluss haben", erklärte Favre zuletzt.

Auf den Spuren von Dembélé und Aubameyang?

Oder lässt sich der englische Nationalspieler gar bewusst hängen, da er sauer ist, dass ein Wechsel auf die Insel nicht zustande kam?

Das wäre für die Verantwortlichen in Dortmund das größere Problem und würde wohl den Druck auf einen Verkauf des Ausnahmetalents erhöhen., wenngleich Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke bereits in der Vergangenheit in Erinnerung an die ehemaligen Streik-Profis Ousmane Dembélé und Pierre-Emerick Aubameyang betonte: "Der nächste Spieler, der Zicken macht oder streiken will, den lassen wir schmoren."

In den nächsten Tagen weilt Sancho wieder in England. Er wurde von Nationalcoach Gareth Southgate nominiert, Einsatzzeit sah er bei den Three Lions wegen seines Formtiefs zuletzt allerdings kaum. Vielleicht nicht schlecht aus Dortmunder Sicht, denn so mancher vermutet, dass Sancho überspielt ist.

Einfluss darauf hat der BVB allerdings nicht. "Grundsätzlich spricht der englische Nationaltrainer nicht im Vorfeld mit uns ab, wie lange unsere Spieler spielen", verriet Zorc auf SPORT1-Nachfrage.