Sachverständige: Deutsches Gesundheitssystem schlecht auf Krisen vorbereitet

Der Sachverständigenrat Gesundheit malt ein düsteres Bild des deutschen Gesundheitssystems. Dieses sei "sehr komplex und fragil, pointiert gesagt: ein nicht sehr reaktionsschnelles, wenig anpassungsfähiges 'Schönwettersystem'", heißt es in einem am Donnerstag veröffentlichten Gutachten des Gremiums. "Weder auf Folgen des Klimawandels noch auf Pandemien ist unser Gesundheitssystem ausreichend vorbereitet. Dies gilt auch für andere bekannte und - wahrscheinlich erst recht - für noch unbekannte krisenhafte Herausforderungen."

"Die bisherige Selbstwahrnehmung, dass in Deutschland alles gut organisiert ist und wir angesichts eines ausdifferenzierten Rettungs- und Gesundheitssystems bestens auch auf unvorhergesehene Entwicklungen vorbereitet sind, war und ist trügerisch", erklärte der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und in der Pflege (SVR Gesundheit), Ferdinand Gerlach. Das System müsse "dringend" krisenfester gemacht werden.

Konkret beklagte Gerlach, das Gesundheitssystem leide unter "unzulänglicher Digitalisierung und einem formaljuristisch leerlaufenden Datenschutzverständnis". Außerdem mangele es an Koordination zwischen Bund, Ländern, Landkreisen und Kommunen.

Für viele Bereiche und Herausforderungen gebe es zwar bereits "gute Analysen und konkrete Konzepte zur Resilienzstärkung", erklärte der Sachverständigenrat. Dies gelte etwa für "Pandemie- oder Hitzepläne". Die Konzepte aber "verstauben oft in Schubladen, anstatt konsequent umgesetzt und eingeübt zu werden".

Das Gremium schlug eine ganze Reihe von Veränderungen vor, um das System krisenfester zu machen. Unter anderem sei "die eindeutige Zuweisung von Kompetenzen und Aufgaben an die verschiedenen Stakeholder" nötig. "Auch muss in der Bevölkerung das Bewusstsein für potenzielle Krisen geschärft und das Grundverständnis für Abläufe in Krisensituationen gestärkt werden", beispielsweise durch Katastrophenschutzübungen.

Der Öffentliche Gesundheitsdienst, zu dem insbesondere die Gesundheitsämter zählen, brauche "eine quantitativ und qualitativ verbesserte Ressourcenausstattung", hieß es weiter. "Zur umfassenden Aufgabenerfüllung ist nicht nur mehr Personal notwendig, sondern auch eine noch bedarfsgerechtere multiprofessionelle Zusammensetzung der Qualifikationen."

Gefordert wird in dem Gutachten unter anderem auch, bisherige Krankenhäuser der Grundversorgung durch "integrierte regionale Gesundheitszentren" zu ersetzen. In der Langzeitpflege wiederum sei eine "größere Fokussierung auf die Regulierung von Qualität" nötig. Pflegende Angehörige müssten besser unterstützt werden. Bei der Arzneimittelversorgung fordert das Gremium "Strategien zur Stabilisierung oder zum Ersatz der globalen Lieferketten" sowie die "Bevorratung mit besonders relevanten Produkten".

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bezeichnete das Gutachten als "Rückenwind für die geplanten schwierigen, aber dringend notwendigen Reformen: wir ordnen die Krankenhausstruktur neu, machen Arzneimittelversorgung sicherer, sorgen mit niederschwelligen Angeboten für gute Medizin für alle". Lauterbach zeigte sich überzeugt, dass aus der Corona-Pandemie bereits die richtigen Schlüsse gezogen würden: "Wenn das nächste Virus zur Gefahr wird, werden wir international wie national besser aufgestellt sein."

Die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Carola Reimann, erklärte, der Verband teile die Einschätzung, "dass das deutsche Gesundheitswesen in vielen Bereichen nicht nachhaltig und krisenfest aufgestellt ist". Das Gutachten enthalte "gute Ansätze, wie das System besser auf die Bewältigung von Krisensituationen vorbereitet werden kann". Viele der angesprochenen "Reformnotwendigkeiten" seien seit Jahren bekannt. "Wenn wir diese Baustellen endlich angehen, ist das ein wichtiger Beitrag zur Krisenresilienz des deutschen Gesundheitssystems", erklärte Reimann.

Der siebenköpfige SVR Gesundheit berät die Bundesregierung und legt in der Regel jedes Jahr ein Gutachten vor. Die aktuelle, mehr als 600 Seiten lange Ausarbeitung trägt den Titel "Resilienz im Gesundheitswesen - Wege zur Bewältigung künftiger Krisen".

cne/mt