Südsudan: Mit dem Krieg und der Vertreibung kam auch die soziale Verwüstung

Ihr Staat hat die seit Jahrzehnten im Krieg lebenden Südsudanesen im Stich gelassen.

Lässt sich beschreiben, was ein Volk ertragen muss, wenn seine Menschen ihr Leben lang keine Heimat finden? Für die Situation der südsudanesischen Flüchtlinge findet sich weltweit kein Vergleich. Nach der Unabhängigkeit des Sudan wurden sie vollberechtigte Staatsbürger, doch der neue Staat ließ sie im Stich. Grund dafür waren vor allem Kriege um die Macht.

Dem sogenannten zweiten Bürgerkrieg von 1983 bis 2005 fielen ungefähr zwei Millionen Menschen, hauptsächlich Zivilisten, zum Opfer. Vier Millionen Südsudanesen emigrierten damals. Die meisten flohen innerhalb des Landes, Richtung Norden, während sich die anderen etwa sechshunderttausend Menschen auf die Länder Ostafrikas und die übrige Welt verteilten.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass unser Haus voller geflüchteter Verwandter war, Frauen und Kinder, meist ohne Väter und ohne Einkommen. Es wurden Lager an den Stadträndern errichtet. In solchen Lagern wurde die Mehrheit meiner Generation in ein Milieu hineingeboren, das von Armut und Mangel gekennzeichnet war, von Krankheiten und der falschen Hoffnung, irgendwann in den schönen grünen Süden zurückkehren zu können. In das Land, das unser Eigentum war, zu den Herden und den grünen Feldern. Da der Krieg aber nicht endete, lebten die Flüchtlinge jahraus, jahrein so. Manche gewöhnten sich an die Umgebung und begannen ein neues Leben. Andere hielten an ihrem Traum, bald zurückzukehren, fest. Immer mehr arme Familien bekamen ihr Leben nicht mehr in den Griff, Krankheiten breiteten sich aus, Alkoholsucht, Gewalt und Rechtlosigkeit.

Absturz in den Imatong-Bergen

Nach langwierigen Bemühungen kam es zu Friedensverhandlungen zwischen dem separatistischen Süden und der Sudanesischen Regierung, die 2005 zu einem Friedensabkommen führten. Für alle Sudanesen, besonders aber für die Südsudanesen, war dies Anlass zu großer Freude. Das Recht auf Selbstbestimmung des südsudanesischen Volkes war einer der wesentlichen Punkte. Die Umsetzung war jedoch von so vielen Rückschlägen begleitet, dass das Vertrauen verloren ging. Ein schwerwiegender Verlust für die Südsudanesen war der Tod des ehemaligen Rebellenführers Doktor John Garang de Mabior, der als geistiger Vater und wichtigster Garant des Abkommens galt. Als er mit seinem Helikopter aus bis heute ungeklärten Gründen in den Imatong-Bergen abstürzte, verlor das südsudanesische Volk seinen Führer und das Abkommen seinen Kompass.

Die Stimmen derer, die eine Abspaltung vom Norden forderten, wurden lauter. Auch im Norden gab es Menschen, die eine Sezession befürworteten, weil der Süden als Ballast angesehen wurde. Hunderte begannen in den Süden zurückzukehren. Doch noch bevor diese „freiwillige Rückkehr“ vollzogen war, hatte das Prozedere für ein Referendum zur Unabhängigkeit des Südsudan begonnen. Die Atmosphäre war angespannt, viele Menschen bekamen Angst und traten die Rückkehr in den Süden an.

Tausende Familien kehrten in ein Land zurück, in dem ein halbes Jahrhundert lang ein verheerender Krieg getobt hatte, der jegliche Entwicklung verhindert, die spärliche Infrastruktur vernichtet und auch die Seelen vieler Menschen zerstört hatte. Ein Land, das nicht darauf vorbereitet war, die Vertriebenen aufzunehmen, geschweige denn, ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Das Leben dort erwies sich als so hart, dass sich viele erneut auf den Weg machten, diesmal in die entgegengesetzte Richtung.

Jahre bitteren Wartens

Die Umsetzung des Abkommens sollte sechs Jahre dauern. Tatsächlich stimmten am Ende 99 Prozent für die Unabhängigkeit des Südsudan. Der Nordsudan zeigte sich schockiert und die Welt verunsichert. Am 9. Juli 2011 folgte die offizielle Gründung der Republik Südsudan. An diesem Tag wurde allen, die ihre Wurzeln im Südsudan hatten, die sudanesische Staatsangehörigkeit aberkannt, einschließlich der Generationen von Menschen, die im Norden geboren und aufgewachsen waren. Von einem auf den anderen Tag waren ungefähr acht Millionen Südsudanesen im Sudan staatenlos.

Sogar die Arbeitspapiere wurden ungültig. Diese Entscheidungen trugen dazu bei, dass Südsudanesen ihre Häuser verkauften, ihre Sachen packten und sich gen Süden aufmachten. Die Stadt Kusti, ein Hafen an den Ufern des Weißen Nils, war von Menschen mit all ihren Habseligkeiten überfüllt. Sie glaubten fest daran, in wenigen Tagen im Süden zu sein.

Doch die wenigen Tage wurden zu Jahren bitteren Wartens. Es trat ein permanenter Zustand der Abreise ein, eine Stagnation, die endloses Warten bedeutete, Warten auf etwas, das bis heute nicht eingetreten ist. Das Interesse der neuen südsudanesischen Regierung an ihren Bürgern im Sudan war zu jener Zeit nicht sonderlich groß, die vielen Probleme überließ man internationalen Organisationen.

Ein instabiler neuer Staat

Weil die vielen ungelösten Probleme jederzeit einen Krieg zwischen dem instabilen neuen Staat und dem krisengeschüttelten Mutterstaat hätten auslösen können, endete die Flucht der meisten Südsudanesen auf den Straßen und in den Rückkehrlagern im Norden oder in jenen...Lesen Sie den ganzen Artikel bei berliner-zeitung