„Südkoreas Präsident Moon hat Trump geködert“

Das Zustandekommen des Gipfeltreffens von Donald Trump und Kim Jong-un ist vor allem das Ergebnis zielstrebiger Politik in Nord- und Südkorea, erklärt der Politologe Hanns W. Maull.

WirtschaftsWoche: Donald Trump hatte mehrfach gegenüber Nordkorea mit der amerikanischen Atomstreitmacht geprahlt. Nun trifft er sich mit dem Machthaber Kim Jong-un, um über die Entnuklearisierung Koreas zu verhandeln. Ist Trumps extreme Methode die richtige?
Hanns W. Maull: Das würde ich nicht sagen, im Gegenteil: Es waren nicht die USA, die dieses Treffen eingefädelt haben, sondern Nord- und Südkorea haben strategisch agiert und sich dabei die diplomatischen Bälle geschickt zugeworfen. Trump hat eher reagiert. Immerhin mag Trumps Politik, „maximalen Druck“, vor allem durch international koordinierte Sanktionen, auf Nordkorea auszuüben, auch dazu beigetragen haben, dass der Gipfel jetzt zustande kam. Die Sanktionen gegen Nordkorea waren aber ja nicht nur amerikanische Politik, sondern sie gingen zurück auf eine Entscheidung des Uno-Sicherheitsrates. Und es war vor allem der wirtschaftliche Druck aus China, der Nordkorea empfindlich traf. Entscheidend aber war, dass Nord- und Südkorea dieses Gipfeltreffen zielstrebig angegangen haben. Das geht mindestens auf die letzte Neujahrsansprache von Kim Jong-un im Januar zurück. Und der südkoreanische Präsident hat die Nuklearkrise und das innerkoreanische Verhältnis seit seiner Wahl im Mai 2017 zu einem zentralen Thema seiner Politik gemacht.

Haben die Bilder von den innerkoreanischen Gipfeltreffen zwischen Kim und Moon Jae-in dazu beigetragen, dass jetzt auch Trump sich mit Kim treffen wollte?
Südkoreas Präsident Moon hat Trump geschickt dazu gebracht, sich auf den Gipfel einzulassen – man könnte auch sagen: Er hat ihn geködert. Nach dem ersten innerkoreanischen Gipfeltreffen am 27. April haben südkoreanische Emissäre dem amerikanischen Präsidenten darüber berichtet. Sie überzeugten Trump davon, dass Kim bereit sei, über eine Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel zu sprechen. Da hat Trump angebissen. Wobei schon seit langem klar ist, dass es Trump reizt zu schaffen, was kein Präsident vor ihm schaffte: Einen Durchbruch in der Korea-Frage zu erzielen.

Gibt es statt Sanktionen und militärischer Drohung auch ökonomische Verlockungen, die Trump anbieten kann, um Kim zum Einlenken zu bewegen?
Unmittelbar sehe ich da wenig, was Trump anbieten könnte. Die Sanktionspolitik gegen Nordkorea wird ja nicht nur von ihm bestimmt, sondern vom Uno-Sicherheitsrat. Für die wirtschaftlichen Entwicklungsperspektiven Nordkoreas sind die USA außerdem ziemlich irrelevant. Mehr als 80 Prozent des Außenhandels von Nordkorea läuft über China.


Gibt es Sektoren in Nordkorea, die für westliche Unternehmen attraktive Geschäftsmöglichkeiten versprechen könnten?
Der Google-Chef Eric Schmidt war mal in Nordkorea. Das zeigt, welche Branche Interesse haben könnte, nämlich die Informationstechnologie. Aber interessanterweise hatte sich Kim nicht für ein Treffen mit Schmidt interessiert. Stattdessen traf er lieber den Basketballspieler Dennis Rodman.

Bekanntlich gestattet Kims Regime seinen Bürgern keinen Zugang zum Internet. Vermutlich fürchtet sich Kim vor den gesellschaftlichen Auswirkungen des Netzes.
Ob das für die Entscheidung, Schmidt nicht zu treffen, eine Rolle spielte, weiß ich nicht. Jedenfalls gibt es einen Grundwiderspruch zwischen dem repressiven Charakter des Regimes und einer Gesellschaft und einer Wirtschaft in Nordkorea, die immer deutlicher protokapitalistische Züge aufweist. Im Zuge dieser neuen Marktdynamik sind die Versuche, Nordkorea völlig von der Außenwelt abzuschotten, letztlich zum Scheitern verurteilt.

Welche deutschen Unternehmen könnten an Geschäften in Nordkorea interessiert sein. Die Autobranche?
Vielleicht irgendwann langfristig. Was zunächst in Frage käme, ist der ganze Bereich der Energieversorgung und ihrer Infrastruktur. Da gäbe es sicher Möglichkeiten für Unternehmen wie Siemens. Aber alle solche Möglichkeiten hängen letztlich von politischem Wandel in Pjöngjang ab. Der ist noch nicht absehbar. Aber ich vermute, dass er irgendwann in den nächsten Jahren kommen wird. Und dann wahrscheinlich auch sehr abrupt.

Was ist Kims Motiv bei den Verhandlungen?
Das überragende Ziel ist das Überleben der Kim-Dynastie. Kim Jong-un ist jetzt Mitte 30 und hat drei Kinder. Wenn er seine jetzige Macht und seinen Reichtum für sich selbst und danach auch für seine Kinder behalten möchte, dann geht es für ihn in der Perspektive um den Rest dieses Jahrhunderts. Ich denke, Kim hat verstanden, dass zu den Voraussetzungen eines langfristigen Machterhalts für seine Dynastie eine Entfaltung der Entwicklungsmöglichkeiten der nordkoreanischen Wirtschaft und Gesellschaft gehört. Also dürfte er zu Reformen bereit sein – allerdings nur insoweit, als sie den Machtanspruch seiner Dynastie nicht gefährden. Und die Geschichte zeigt, dass wirtschaftliche Reformen durchaus riskant für diese Art von politischer Herrschaft sein können.


Also müsste doch der Weg der Kommunistischen Partei in China für ihn ein Vorbild sein.
Ja, gewiss. Übrigens spielen auch in der Kommunistischen Partei Chinas Familienstrukturen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die chinesische Führung predigt in Nordkorea ja schon seit vielen Jahren: Macht es so wie wir – unternehmt Wirtschaftsreformen, ohne die Macht der Partei anzutasten. Ich persönlich habe allerdings erhebliche Zweifel, ob die chinesische Erfahrung auf Nordkorea übertragbar ist. Und das Kim-Regime offenbar ja auch: Es wurden schon mehrfach Anläufe zu Reformen unternommen und dann wieder abgebrochen.

Südkorea war nach dem Bürgerkrieg 1953 ebenso bettelarm wie der Norden. Es schaffte allerdings in den folgenden Jahrzehnten unter diktatorischen Regierungen den Aufstieg zum Wohlstand und ist schließlich dann demokratisch geworden. Welche Rolle spielt der Erfolg des Südens für Kims Regime?
Die Systemkonkurrenz zwischen Nord und Süd hat in Korea eine sehr große Bedeutung. Es ist zweifelsfrei, wer die Konkurrenz gewonnen hat. Noch zu Anfang der 1970er Jahre waren beide Seiten noch auf dem selben wirtschaftlichen Entwicklungsstand. Inzwischen exportiert der Süden fast 200 mal so viel wie der Norden. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Jahr liegt im Süden - geschätzt nach Kaufkraftparität - bei rund 39.000 Dollar, im Norden sind es 1700. Dieser Erfolg des Südens ist das Grundproblem des nordkoreanischen Regimes.

Welche Rolle spielen beim Kim-Trump-Treffen China, Südkorea und Japan? Ist Kim ähnlich unberechenbar für China wie Trump für seine Verbündeten Südkorea und Japan?
Weder lässt sich Nordkorea von China lenken, noch ist die Bereitschaft Trumps besonders ausgeprägt, auf die Verbündeten Südkorea und Japan Rücksicht zu nehmen. In Seoul und Tokio wird man vermutlich ziemlich nervös verfolgen, was Trump da in Singapur unternimmt. Denn der mediale Rummel um das Treffen verdeckt das Wesentliche: Das Verhalten der beiden, Kim und Trump, hat die Lage in Ostasien insgesamt instabiler und gefährlicher gemacht. Insbesondere das unberechenbare Verhalten des US-Präsidenten Trump gegenüber den Verbündeten in der Region hat schon erheblichen – und vermutlich dauerhaften - Schaden angerichtet.