Ryanair ist schon interessiert: So gefährlich könnte der neue China-Flieger C919 für Airbus und Boeing werden

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Im März 2020 war er schon auf Testflügen unterwegs: Der C919 des chinesischen Herstellers "Comac".
Im März 2020 war er schon auf Testflügen unterwegs: Der C919 des chinesischen Herstellers "Comac".

Noch in den verbleibenden vier Monaten dieses Jahres könnte ein Flugzeug eine Zulassung bekommen, das Airbus und Boeing eines Tages gefährlich werden könnte. „Comac“ ist die Abkürzung eines Zusammenschlusses chinesischer Unternehmen, das in Hamburg, Toulouse und Seattle kritisch beäugt werden dürfte. „Comac“ steht für "Commercial Aircraft Corporation of China" und vereint unter anderem Design- und Forschungszentren, Universitäten, Aluminium- und Stahl-Hersteller. Die gemeinsame Mission: Großraumflugzeuge aus chinesischer Hand sollen bald über den Wolken unterwegs sein – sicher, kostengünstig, komfortabel und umweltfreundlich.

Klare Ansage also an die westlichen Flugzeugbauer. Für Tobias Grosche ist der Vorstoß aus China keine Überraschung. Der Professor an der Hochschule Worms und Experte für Flugplanung und Passagiernachfrageprognosen erklärt: „Dass das erste Flugzeug von "Comac" jetzt kurz vor der nationalen Zulassung steht, ist nur der logische Schritt der Bemühungen der chinesischen Regierung, auch im Bereich der Luftfahrt zu den westlichen Ländern aufzuschließen.“

C919: In Reichweite und Größe ähnlich wie Airbus A320 und Boeing 737

Der erste Flugzeugtyp nennt sich C919 und soll Platz bieten für 158 bis 168 Passagiere, je nachdem, wie viele Business-Class- und wie viele Economy-Class-Sitze die Airlines einbauen wollen. Zum Vergleich: Der A320 von Airbus fliegt für Lufthansa mit Platz für bis zu 168 Passagieren, die Boeing 737 hat Platz für rund 150 Passagiere, also ähnliche Größen.

Auch bei der Reichweite ähneln sich die beiden Flugzeugtypen. Der Airbus A320 kommt je nach Version bis zu 5700 Kilometer weit, das chinesische Pendant C919 verspricht eine Reichweite von bis zu 5555 Kilometer. Damit könnte das chinesische Flugzeug zum Beispiel von Shanghai im Osten Chinas aus alle nationalen Ziele erreichen – und käme noch weiter.

Wichtige Kennzahlen ähneln also denen von Boeing und Airbus – eine dreiste Kopie westlicher Ingenieurs-Kunst? Airbus hat 2008 seine erste Endmontagelinie außerhalb Europas in Tianjin eingeweiht, einer Hafenstadt im Nordosten Chinas, gut tausend Kilometer von Shanghai entfernt. Dort sei hauptsächlich für den chinesischen Markt produziert worden, hat Luftfahrt-Experte Tobias Grosche beobachtet. „Ob dabei Know-How an die Chinesen abgeflossen ist, kann man als Außenstehender schwer beurteilen“, sagt Grosche. „Aber eigentlich ist die Endmontage an sich keine Rocket-Science – das eigentlich relevante Wissen liegt eher in der Entwicklung der Komponenten.“ Die Eröffnung der Endmontagelinie wird Airbus wirtschaftlich eher geholfen und dazu beigetragen haben, dass chinesische Airlines überwiegend mit Airbus-Flugzeugen fliegen anstatt mit Boeing-Maschinen.

Nächstes Jahr soll der C919 bei China Eastern Airlines abheben

Grosche glaubt nicht daran, dass die Chinesen bei dem Bau der C919 eine Art Best-of des Airbus A320 und der Boeing 737 gebastelt haben. „Das ist schon eine eigene Entwicklung. Nur – die komplizierten Komponenten wie Triebwerke, die Avionik im Cockpit und die Fahrwerke kommen nicht aus China.“ Der Experte glaubt, dass China künftig lernen will, wie man diese Komponenten selbst bauen kann, um eines Tages Flugzeuge komplett aus eigener Hand auf den Markt bringen zu können.

Dass dies mit dieser ersten Generation des C919 gelingen wird, ist zweifelhaft. Das Flugzeug soll noch in diesem Jahr von den chinesischen Luftfahrtbehörden genehmigt werden und wenig später bei einer Tochter der größten Fluggesellschaft Asiens, der „China Eastern Airlines“, den Liniendienst aufnehmen. „Eine zweite oder dritte Generation könnte Airbus und Boeing allerdings schon eher gefährlich werden“, so Grosche. Vor allem habe „Comac“ den Vorteil, dass der chinesische Staat den nationalen Airlines vorschreiben könne, welche Flugzeuge sie in ihren Flotten zu betreiben haben.

Im Moment hat China Eastern Airlines Flugzeuge von Boeing und Airbus in der Flotte – wie hier den A320.
Im Moment hat China Eastern Airlines Flugzeuge von Boeing und Airbus in der Flotte – wie hier den A320.

Ryanair hat bereits Interesse bekundet und hofft auf ein billiges Flugzeug

Werden chinesische Flugzeuge auch in den westlichen Märkten fliegen? „Letztlich ist das eine ökonomische Frage“, erklärt Grosche Business Insider. „Wenn ein chinesisches Modell effizient und sicher ist, sehe ich keinen Grund, warum nicht auch westliche Airlines diese Flugzeuge betreiben sollten.“ Schließlich habe zum Beispiel Lufthansa nicht nur Airbus- und Boeing-Flugzeuge in der Flotte, sondern bei der Tochter Cityline auch Modelle des einstigen kanadischen Flugzeugbauers Bombardier und der brasilianischen Embraer.

Der Chef des Billigfliegers Ryanair, Michael O’Leary, hat schon vor zehn Jahren erstmals bekundet, Alternativen zu Boeing und Airbus unterstützen zu wollen und eine unverbindliche Absichtserklärung mit „Comac“ unterschrieben. Grosche ist sicher, dass „Comac“ den C919 eines Tages vergleichsweise günstig zum Verkauf anbieten kann. „Schwieriger wird es, außerhalb Chinas ein effizientes Wartungs- und Supportnetz aufzubauen.“ Boeing und Airbus haben den Vorteil, seit Jahrzehnten weltweit unterwegs zu sein.

China blickt längst noch viel weiter in die Zukunft: Der Flugzeugtyp CR929 soll Langstrecken-Fliegern wie dem Airbus A330 und der Boeing 787 Konkurrenz machen. Der Typ CR929-600 könnte eine Reichweite von bis zu 12.000 Kilometern und Platz für bis zu 280 Passagiere haben. Den großen Jet will China allerdings nicht alleine bauen – „Comac“ hat sich mit dem russischen Luftfahrtkonsortium „UAC“ zusammengetan und will unter dem Namen „CRAIC“ („China-Russia Commercial Aircraft International Corporation“) den globalen Markt der Luftfahrt erobern.

Ein Modell des russisch-chinesischen CR929 wurde 2018 auf einer Luftfahrtmesse in China vorgestellt.
Ein Modell des russisch-chinesischen CR929 wurde 2018 auf einer Luftfahrtmesse in China vorgestellt.
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