Russlands Türken sind Tadschiken


Schwer und fest ist die Lehmerde. Nur mit Mühe bekommt Batyr den Spaten hinein. Er stellt sich auf das Schaufelblatt, um mehr Kraftwirkung zu erzielen. Mit einem dumpfen Aufprall landet der Erdbatzen dann in der Schubkarre. Batyrs Erdbatzen sind groß. Nach sechs Spatenstichen ist die Schubkarre voll, die er nun quer über den Hof zum Abhang fährt, um sie zu entladen. Schon nach wenigen Touren steht Batyr der Schweiß auf der Stirn.

Geboren wurde er in der Kleinstadt Pandschakent, 60 Kilometer östlich der usbekischen Großstadt Samarkand und 240 Kilometer nordwestlich von Duschanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan. Er besitzt einen tadschikischen Pass, hat aber usbekische Wurzeln. Im Pass steht, Batyr sei 32 Jahre alt, doch der braungebrannte, drahtige Mann mit dem runden, freundlichen Gesicht sieht älter aus, auch wenn er versucht, die Glatze unter einer Kappe zu verstecken. Die Falten unter seinen Augen sind fast so tief wie die Spatenstiche, die er in die Lehmerde gräbt. Die Augen hingegen sind klug. „In meiner Heimat bin ich Lehrer“, erzählt Batyr in leicht gebrochenem Russisch.


Im Fernstudium hat er seinen Beruf erlernt, noch während seiner Wehrdienstzeit. Womöglich deshalb wurde er in der Schule als „Wojenruk“, als Militärausbilder, eingestellt. Früher habe es das Fach nicht gegeben, jetzt sei es für Zehnt- und Elftklässler Pflicht, „auch für Mädchen“, betont er. Doch der Verdienst als Lehrer reicht kaum zum Überleben. „Lehrer verdienen bei uns umgerechnet 100 Dollar im Monat, doch die Preise sind inzwischen fast genauso hoch wie in Russland“, klagt Batyr.

Tatsächlich sind die Durchschnittslöhne in Tadschikistan laut dem GUS-Statistikbüro mit 127 Dollar pro Monat die geringsten auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Und so fährt der Lehrer jedes Jahr im Sommer nach Russland, um sich dort als Hilfsarbeiter auf verschiedenen Baustellen zu verdingen.

Batyr ist kein Einzelschicksal: Offiziellen Angaben zufolge arbeiten in Russland mehr als 800.000 Migranten aus Tadschikistan. Tatsächlich liegt die Zahl wohl bei über einer Million. Dazu kommen mehr als eine halbe Million tadschikischer Gastarbeiter in Kasachstan – bei einer Gesamteinwohnerzahl von 8,5 Millionen. Zumeist gelten die Gastarbeiter aus Zentralasien – neben Tadschiken kommen auch viele Kirgisen und Usbeken nach Russland – als unqualifiziert und verrichten schlechtbezahlte Jobs ohne Feiertage und Arbeitsschutz. Sie arbeiten auf dem Bau, als Hausmeister, Straßenfeger oder im Kleinhandel.

Viele von ihnen versuchen in Russland zu bleiben. Einige leben bereits seit Jahren im Land. Illegal, aber geduldet und oft von korrupten Polizeibeamten ausgenommen. Nur den wenigsten jedoch gelingt es, ihren Status zu legalisieren. Utker ist solch ein Glückspilz. Er hat bei einem reichen Russen einen Job als Hausverwalter gefunden. Nebenbei verdient er sich ein Zubrot durch Bauarbeiten in der Siedlung. Als „Eingesessener“ ist er der Vorarbeiter für Batyr.


Will Batyr auch bleiben? „Nein“, sagt er. „Ich fahre im September wieder nach Pandschakent. Meine Familie wartet dort.“ Um rechtzeitig fertig zu werden mit seinem neuesten Bauobjekt, muss er sich aber sputen. Nach den Erdarbeiten fährt er in der Schubkarre Sand und Kies, den er zusammen mit Utker in der frisch ausgehobenen Erde verteilt und glattstampft. Zwei Tage dauert die Prozedur, dann kommt das wichtigste: Aus Kies, Sand und Zement mischen sie Beton, verteilen ihn und streichen ihn glatt.

Dann sind sie zufrieden. Mit ihrer Arbeit und ihrem Lohn. „In drei Tagen habe ich mehr bekommen, als sonst im ganzen Monat“, freut sich Batyr. „Wenn Sie später noch pflastern wollen, dann warten Sie auf mich. Ich komme nächstes Jahr wieder und mach es ihnen fachmännisch und zum guten Preis“, sagt er.