Was in Russlands Gesundheitswesen noch so ist wie vor 50 Jahren – und was besser geworden ist


„Wer hat Sie denn geschickt?“, fragt Tatjana Sergejewna und betrachtet etwas ratlos über ihre Brille den „Talon“, eine Art Überweisungsschein. Dort sind zwar Datum und Uhrzeit des Röntgentermins und auch mein Name und Geburtsdatum fein säuberlich notiert. Aber leider nicht, was geröntgt werden soll.

Doch als die Krankenschwester hört, dass mich die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin geschickt hat, weiß sie Bescheid. „Ach so, dann halt mal den Kopf hier ran und drück dein Kinn an diesen weißen Zettel“, sagt sie und geht damit umstandslos zum „Du“ über, bevor sie die Aufnahme macht.

Tatjana Sergejewna darf das. Gewohnheitsrecht gewissermaßen. Eigentlich ist sie nämlich schon im Rentenalter und hat bestimmt schon mehr als 30 Jahre in der Moskauer Poliklinik gearbeitet. Alte Menschen duzen jüngere in Russland traditionell, zumal wenn sie wie Schwester Tatjana so etwas wie eine Amtsperson vor einem Bittsteller sind. Jahre-, wenn nicht jahrzehntelang waren russische Patienten in staatlichen Krankenhäusern genau das: Bittsteller.

Sie baten um eine Behandlung, um eine Überweisung, um ein Rezept oder eine „Sprawka“, also ein ärztliches Attest, das den Betreffenden berechtigte, Schule, Uni oder Schwimmhalle zu besuchen, einer bestimmten Arbeit nachzugehen oder ebendieser (wegen Krankheit) fernzubleiben.

Eine gewisse Herablassung gegenüber Kranken haben sich viele ältere Ärzte und Krankenschwestern bis heute bewahrt. Ansonsten hat die medizinische Versorgung zumindest in Moskau in den letzten Jahren aber einen gewaltigen Sprung gemacht. Es geht schon los bei der kostenlosen Krankenversicherung: Anspruch darauf haben alle Bürger und auch Ausländer mit einer Aufenthaltsberechtigung.

Nur war der Papierkram früher abschreckend und der Nutzen gering. Inzwischen ist die Prozedur sehr bequem: Das Zentrum für die Krankenversicherungsanträge ist rund um die Uhr geöffnet, die Eingabe der Personendaten in den Computer eine Minutensache. Nach etwa zwei Wochen kommt die Benachrichtigung zur Abholung der Unterlagen per SMS.



Mit diesen können sich Patienten dann an jeder beliebigen Poliklinik in Moskau anmelden. Auch die Terminvergabe dort erfolgt nun per Internet. Ob Hausarzt oder Spezialist, praktisch alle Arztbesuche sind online verfügbar und werden per SMS bestätigt. Die Schlangen in den Polikliniken haben sich dadurch merklich verkleinert.

Die offizielle Statistik vermerkt ebenfalls Fortschritte: Die durchschnittliche Lebenserwartung ist von Jahr zu Jahr gestiegen, lag zuletzt bei 72,5 Jahren, ein Plus von immerhin 7,5 Jahren gegenüber dem Jahr 2000. Bis 2030 hat Präsident Wladimir Putin versprochen, die Lebenserwartung in Russland sogar bis auf 80+ anheben zu wollen. Immerhin nähert er sich dann auch dieser Altersgruppe schon stark an.

Das dürfte auch an der verbesserten technischen Ausrüstung liegen. Funktionstüchtiges EKG, Röntgen oder Ultraschall sind inzwischen in jedem Moskauer Krankenhaus Standard und keine Sonderprozedur mehr. Als ich vor drei Jahren wegen Leibschmerzen einen Ultraschall haben wollte, sagte der Facharzt nur: „Komm zum nächsten Monatsanfang wieder, für diesen Monat sind alle Überweisungen weg.“

Am nächsten Monatsanfang wiederholte sich die Szene, nur mit dem Unterschied, dass der Arzt diesmal grunzte, ich solle nicht so zimperlich sein. Am Ende waren nicht nur die Überweisungen, sondern glücklicherweise auch die Schmerzen verschwunden – ganz ohne Untersuchung.

Diesmal verschrieben mir die Ärzte wegen zweier unterschiedlicher Untersuchungen gleich Blutabnahme, Röntgen, Fluorographie und Ultraschall – alles innerhalb von zwei Wochen. Gefunden haben die Ärzte freilich nichts. Wahrscheinlich hatte der Arzt damals mit seiner These recht: Ich sollte eben nicht so zimperlich sein.